· Fachbeitrag · Patientenkommunikation
Patienten im Teufelskreis: AIDS-Phobiker
von Ulrich Besting, Diplom-Psychologe/Psychotherapeut, AIDS-Hilfe Münster
| In Deutschland leben laut Robert-Koch-Institut etwa 80.000 Menschen mit HIV. Nach Erfahrungen von AIDS-Beratungsstellen dürfte die Zahl der Personen, die unter pathologischen HIV/AIDS-Ängsten leiden, um ein Vielfaches größer sein. Diese Menschen mit extremen, sachlich aber völlig unbegründeten Ängsten vor HIV werden meist als AIDS-Phobiker bezeichnet. Korrekterweise müsste man bei diesen Personen allerdings eher von AIDS-Hypochondern sprechen, da sie von der Vorstellung gequält werden, HIV sei bereits in ihrem Körper. Oft liegt auch eine Mischung aus phobischen und hypochondrischen Merkmalen vor. |
Häufig betroffene Personengruppen
Es sind vor allem zwei Gruppen von Menschen, die dazu neigen, eine AIDS-Phobie oder -Hypochondrie zu entwickeln:
- Zum einen sind das Personen, die grundsätzlich und praktisch immer auf der Suche nach der absoluten, totalen Sicherheit sind. Hier lösen etwa Fantasien, man habe sich durch das Benutzen öffentlicher Toiletten oder dem versehentlichen Trinken aus dem Glas einer fremden Person durch einen Kontakt mit Blut einem hohen HIV-Risiko ausgesetzt, starke Ängste aus.
- Die zweite Gruppe sind Männer und - seltener - Frauen, die eine strenge traditionelle Sexualmoral verinnerlicht, gleichzeitig aber zum Beispiel durch einen Bordellbesuch oder einen homosexuellen Kontakt gegen die eigenen „Vorschriften“ verstoßen haben. Im Regelfall liegt hier kein reales HIV-Risiko vor, da ein Kondom benutzt wurde oder es nur zu Hand-Genital-Kontakten kam. Trotzdem entwickeln diese Menschen infolge des „Fehltrittsx“ langandauernde übertriebene AIDS-Ängste.
Manchmal kommt es infolge der massiven AIDS-Ängste zu Missempfindungen der Organe, die generell stark auf Emotionen reagieren - wie Haut, Magen, Darm oder das Herz-/Kreislaufsystem. Solche physiologischen Reaktionen sind dann zusätzliche Auslöser für HIV-bezogene Angstfantasien. Da Personen mit Angststörungen auf der kognitiven Ebene (bestimmte) Ängste nicht als „unangenehm“, sondern als „unerträglich“ bewerten, sehen sie sich gezwungen, Beruhigung zu finden. Dies geschieht zum Beispiel durch permanente Internet-Recherchen, ständige Körperbeobachtungen, zahlreiche Gespräche mit AIDS-Beratungsstellen oder Ärzten bzw. durch wiederholte HIV-Tests.
Innerer Teufelskreis
Tatsächlich kommt es infolge dieser Verhaltensweisen immer wieder zu Momenten der relativen Beruhigung. Diese Augenblicke der verringerten Anspannung sind aber - lerntheoretisch betrachtet - (negative) Verstärker, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sehr schnell neue Angstfantasien mit anschließender zwanghafter Suche nach Beruhigung auftreten. So entsteht ein innerer Teufelskreis, in dessen Folge die Gefühle und Gedanken sich immer mehr um HIV/AIDS drehen und die Infektion im Extremfall zum alles beherrschenden Lebensthema wird.
Auf einer biografischen Ebene lassen sich in der Regel versteckte Vorteile der extremen AIDS-Ängste finden. Wenn zum Beispiel ein Student gegen Ende seines Studiums solche Ängste entwickelt, können diese von Bedrohungsgefühlen im Hinblick auf das Berufsleben ablenken. Die AIDS-Ängste können auch dabei „helfen“, vermeintlich unmoralische/unanständige sexuelle Bedürfnisse zum Beispiel nach Sex-Abenteuern, nach ungeschützten oder gleichgeschlechtlichen Kontakten aus dem Bewusstsein fernzuhalten.
Beratende und Ärzte stehen im Kontakt mit den Phobikern in dem Dilemma, dass Aussagen wie „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen“ zwar sachlich richtig sind und auch von diesen stark leidenden Ratsuchenden/Patienten gewünscht werden, langfristig den Teufelskreis aber weiter verfestigen.

Psychotherapie sinnvoll
Wenn klar ist, dass die Angst nicht Folge von Unwissen ist, sind Wiederholungen von sachlichen Informationen und von HIV-Tests für das langfristige Wohlergehen der AIDS-Hypochonder schädlich. Sinnvoller ist der Versuch, dem Patienten klarzumachen, dass er sich in einem inneren Teufelskreis befindet und sich durch jede erneute kurzfristige Beruhigung von dem ersehnten Ziel, dauerhaft frei von AIDS-Ängsten zu leben, weiter entfernt.
Wenn die Phobie bzw. Hypochondrie schon länger besteht, ist es unwahrscheinlich, dass die betroffene Person den inneren Impulsen, sich stetig neu beruhigen zu lassen, widerstehen kann. Deshalb sollte hier auf die Möglichkeit einer Psychotherapie hingewiesen werden. Mit der Frage „Was würden Sie einem guten Freund empfehlen, der ohne reales Risiko bzw. trotz HIV-negativ-Diagnose unter starken AIDS-Ängsten leidet?“ gelingt es oft, den Ratsuchenden bzw. Patienten selbst diese Option entwickeln zu lassen.