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· Fachbeitrag · Patientenkommunikation

Erfahrungen aus der HIV-Schwerpunktpraxis

Interview von Wissenschaftsjournalistin Ursula Katthöfer mit MFA Angela Steiner, Praxis Georgstraße, Hannover

| In Deutschland gibt es etwa 150 HIV-Schwerpunktpraxen. Eine davon ist die Praxis Georgstraße in Hannover. Hier behandeln drei Ärzte etwa 1200 HIV-Patienten, die meisten von ihnen schon seit vielen Jahren. Angela Steiner ist seit 1993 als MFA in der Praxis tätig. |

 

Redaktion: Warum haben Sie sich für die Arbeit in einer HIV-Schwerpunktpraxis entschieden?

 

Angela Steiner: Als ich 1993 hier anfing, war die Praxis noch eine ganz normale Hausarztpraxis. Sie wurde 1995 von Dr. Birger Kuhlmann übernommen und zur HIV-Schwerpunktpraxis ausgebaut. Er fragte, ob ich bleiben wolle und mir hat die Idee gefallen. Natürlich habe ich mir als Mutter von drei Kindern Gedanken gemacht. Doch in meinem Bekanntenkreis war ein paar Jahre zuvor ein AIDS-Patient gestorben. Ich wollte diesen Menschen helfen.

 

Redaktion: Welche besonderen Bedürfnisse haben die HIV-Patienten?

 

Steiner: Früher war die Diagnose HIV für die Patienten wie ein Todesurteil. Manche haben ihre Lebensversicherung verkauft, um es sich noch einmal gut gehen zu lassen. Andere waren tieftraurig. Dann kamen die wirksamen Medikamente und Therapien. Heute sind die allerwenigsten erschüttert, doch sie sind immer noch sehr betroffen. Damals wie heute ist es für uns sehr wichtig, eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. Wir möchten, dass die Patienten gerne zu uns kommen. Zu vielen hat sich über die Jahre ein enges Vertrauensverhältnis entwickelt. Sie erzählen uns Privates, etwa dass sie einen neuen Partner kennengelernt haben.

 

Redaktion: Worauf kommt es bei der Arbeit mit HIV-Patienten besonders an?

 

Steiner: Auf die Compliance. Wir klären die Patienten darüber auf, dass sie bei ihrer Therapie konsequent bleiben müssen. Sie müssen ihre Medikamente regelmäßig nehmen, um sich keine Resistenzen einzufangen. Sie müssen zur vereinbarten Blutuntersuchung erscheinen, wenn sie ein normales Leben führen möchten. Wir passen da sehr gut auf. Wenn ich sehe, dass jemand ein Rezept bestellt, aber nicht bei der Blutuntersuchung war, rufe ich ihn an. Außerdem haben wir als Teil unserer Terminverwaltung ein Recall-System für diejenigen, die an ihre Termine erinnert werden müssen.

 

Redaktion: Was ist für Sie die größte Herausforderung im Umgang mit HIV-Patienten?

 

Steiner: Sie bei der Stange zu halten, auch wenn sie Mist gebaut haben. Manche haben ihre Medikamente nicht genommen und kommen mit schlechtem Gewissen in die Praxis. Als hätten sie Angst vor dem Chef, gehen sie ungern in eines der Sprechzimmer. Da fangen wir viel ab, denn als MFA sind wir die ersten Ansprechpartnerinnen. Die Patienten wissen, dass wir sie alle gleich behandeln. Wir sehen den Menschen, nicht die Krankheit.

 

Redaktion: Was war bisher Ihr größtes Erfolgserlebnis?

 

Steiner: Wir hatten hier einen Patienten, der mit dem Leben abgeschlossen hatte. Das ist über 15 Jahre her. Ihm haben wir den Lebensmut zurückgegeben. Der Tag, an dem er zum ersten Mal in unsere Praxis kam, ist für ihn jetzt wie ein zweiter Geburtstag. Zu diesem Tag kommt er jedes Jahr mit einem großen Blumenstrauß, um sich bei uns zu bedanken. Das finde ich toll.

 

Redaktion: Wie wahren Sie in besonders tragischen Fällen, etwa bei HIV-positiven Kindern oder jungen Eltern, die emotionale Distanz?

 

Steiner: Wir sind ein starkes Team. Anders ließe sich unser Job gar nicht machen. Wenn jemand gestorben ist oder wenn es jemanden besonders schwer getroffen hat, reden wir darüber. Doch insgesamt schaffen wir es, die Trauer nicht an uns heranzulassen. Wir haben eine professionelle Distanz.

 

Redaktion: Neben den HIV-infizierten Patienten gibt es auch immer die sogenannten „AIDS-Phobiker“, die sich nie sicher genug sein können, dass sie nicht HIV-positiv sind. Wie gehen Sie mit solchen Leuten um?

 

Steiner: Die sind zwar weniger geworden, doch sie schwirren immer noch herum. Meist sind es Männer, die einen Seitensprung hatten und dabei unvorsichtig waren. Sie wissen oft gar nicht, ob dieser Sexualpartner HIV-positiv war oder nicht. Trotzdem kommen sie immer wieder in die Praxis, um einen HIV-Test machen zu lassen oder mit den Ärzten zu reden. Irgendwann kommt der Punkt, an dem wir ihnen liebevoll aber deutlich das Gespräch mit einem Psychologen empfehlen. Das hilft diesen Menschen, die sich oft sehr in ihre Angst hineingesteigert haben, mehr als ein weiterer HIV-Test.

 

Redaktion: Was würden Sie der MFA raten, die in der Hausarztpraxis mit HIV-Patienten zu tun hat?

 

Angela Steiner: HIV-Patienten werden bis heute ausgegrenzt und mit Vorurteilen konfrontiert. Leider auch in Arztpraxen. Das geschieht, weil viele Menschen nicht wissen, dass diese chronische Krankheit inzwischen gut behandelbar ist. Ich empfehle daher Aufklärung. Eine MFA kann zum Beispiel in einer HIV-Schwerpunktpraxis für einen oder zwei Tage hospitieren. (Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie dazu unseren Beitrag „Hospitationen. Chance für Ihre Praxis“, PPA 06/2014, Seite 16 .) Wir haben hier hin und wieder Kolleginnen zu Gast, die mehr über unsere Untersuchungsmethoden und die Therapien erfahren möchten. Auch bei einem Treffen mit einer MFA aus einer Schwerpunktpraxis können viele Fragen offen angesprochen werden.

Quelle: Ausgabe 08 / 2014 | Seite 7 | ID 42772283