· Fachbeitrag · Medizinwissen
Was ist die ICD-10 und warum ist richtiges Kodieren so wichtig?
von Dr. med. Marianne Schoppmeyer, Medizinjournalistin, Nordhorn
| Das Kürzel ICD-10 ist sicherlich jeder MFA schon oft unter die Augen gekommen. Dahinter verbirgt sich ein wahres Wortungetüm „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“. Ins Deutsche übersetzt bedeutet das so viel wie: Internationale Klassifikation der Krankheiten. Die „10“ steht für die zehnte Ausgabe dieses Verzeichnisses. Hier sind alle Erkrankungen aufgelistet. |
Systematik der ICD-10
In der deutschen Fassung (German Modification, ICD-10-GM) sind immerhin 16.000 verschiedene Kodes - also Erkrankungen - enthalten, die so genannten Diagnoseschlüssel. Jedem dieser Kodes ist weltweit einheitlich eine bestimmte Krankheit zugeordnet. Somit können Diagnosen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit verglichen werden und zu statistischen und wissenschaftlichen Auswertungen herangezogen werden. Jeder Diagnoseschlüssel der ICD-10 besteht aus einem Buchstaben und einem dahinter stehenden Zahlencode. Es gibt 22 Hauptkategorien, die sich in zahlreiche Unterkategorien aufteilen. So sind beispielsweise in der Kategorie I00 bis I99 „Krankheiten des Kreislaufsystems“ zu finden. Um eine Krankheit weiter zu spezifizieren, werden weitere Zahlen verwendet, zum Beispiel I61.2 „Intrazerebrale Blutung in die Großhirnhemisphäre“.
Und dann gibt es noch verschiedene Buchstaben, von denen jeweils einer dem ICD-Kode angehängt wird. G steht für „gesicherte Diagnose“, Z für „Zustand nach“, V für „Verdacht auf“ und A für „Ausschluss-Diagnose“.
Für jeden ist schnell zu erkennen: Die ICD-10 ist komplex und bietet zusätzlich viele nicht eindeutige Optionen des Kodierens. Meist wird das Kodieren in der Praxis vom Arzt unter Zuhilfenahme der Praxis-EDV erledigt. Es gibt jedoch ebenso Praxen, in denen dies Aufgabe der MFA ist. Daher wird im Folgenden am Beispiel des ischämischen Hirninfarktes erläutert, wie korrekt und effizient verschlüsselt werden sollte.
Der ischämische Hirninfarkt
Ein in der Hausarztpraxis häufiges Krankheitsbild ist der ischämische Hirninfarkt. In Deutschland ereignen sich etwa 270.000 Schlaganfälle im Jahr. Rund eine Mio. Patienten sind aktuell von den Folgen eines Schlaganfalls betroffen. Viele von ihnen sind dauerhaft behindert und auf fremde Hilfe angewiesen. Häufige Folgen eines Schlaganfalls sind neben einseitigen Lähmungen und Gefühlsstörungen der Arme und Beine, Sprach-, Schluck-, Seh- und Gleichgewichtsstörungen sowie Bewusstseins- und Wahrnehmungsstörungen.
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Eine 63-jährige adipöse Patientin mit Vorhofflimmern wird nach einem akuten Hirninfarkt aus dem Krankenhaus entlassen und kommt zur Weiterbehandlung in die Praxis. Aufgrund einer Aphasie soll Logopädie stattfinden.
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Spätestens zwölf Monate nach dem akuten Ereignis sollte der Kode I63.- (Hirninfarkt) umgestellt werden auf Kode I69.- „Folgen einer zerebrovaskulären Erkrankung“.
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Ein 75-jähriger Patient mit Typ-II-Diabetes hat vor drei Jahren einen Schlaganfall erlitten. Aufgrund einer spastischen Hemiparese rechts sitzt er im Rollstuhl und erhält regelmäßig Physiotherapie.
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Andere Residualzustände infolge eines Hirninfarktes, wie zum Beispiel Paraparese oder Dysphagie, werden wie folgt kodiert:
G82.- | Paraparese und Paraplegie, Tetraparese und Tetraplegie |
R13.0 | Dysphagie mit Beaufsichtigungspflicht während der Nahrungsaufnahme |
R13.1 | Dysphagie bei absaugpflichtigem Tracheostoma mit (teilweise) geblockter Trachealkanüle |
R13.9 | Sonstige und nicht näher bezeichnete Dysphagie |
R47.0 | Dysphasie und Aphasie |
H53.4 | Gesichtsfelddefekte (Hemianopsie) |
R29.5 | Neurologischer Neglect |
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Ein 45-jähriger Patient hat nach einem zwei Jahre zurückliegenden ischämischen Insult keine Beschwerden. Zur medikamentösen Prophylaxe nimmt er Acetylsalicylsäure.
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Kodieren hat Einfluss auf die Ärztehonorare
Kodieren ist in der ärztlichen Praxis häufig eine lästige und zeitraubende Aufgabe. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, Behandlungsdiagnosen bei gesetzlich versicherten Patienten so korrekt wie möglich nach den ICD-10 zu verschlüsseln. Nur wenn Diagnosen korrekt verschlüsselt werden, können Rückschlüsse auf die Krankheitslast der Bevölkerung gezogen werden.
Diese Zahlen haben wiederum direkten Einfluss auf die Honorarentwicklung der niedergelassenen Hausärzte. Denn die ärztliche Honorarentwicklung ist momentan an die Entwicklung der Krankheitslast/Morbidität der Bevölkerung geknüpft. Diese Daten sind seit 2012 regional die Ausgangsbasis für die Honorarverhandlungen zwischen den jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) und den Krankenkassen. So gelten als morbiditätsrelevant und damit auch als relevant in der Mittelzuweisung lediglich gesicherte Diagnosen (G). Weniger wichtig für die Feststellung der Krankheitslast sind Diagnosen mit dem Zusatz „Zustand nach“ (Z), „Verdacht auf“ (V) oder „Ausschluss-Diagnosen“ (A). Damit kann jede Praxis durch korrektes Kodieren helfen, den Honorartopf ihrer KV langfristig zu füllen.
Außerdem kann durch eine korrekte und ausführliche Kodierung das ärztliche Handeln auch zu einem späteren Zeitpunkt gut begründet werden. So kann der Arzt sich beispielsweise vor Honorarkürzungen und Regressen schützen.
Weiterführende Hinweise
- Eine Kurzfassung der ICD-10-GM Version 2012 findet sich als Schreibtischauflage oder als Kitteltaschenversion im Internet unter folgenden Links. Hier sind in übersichtlicher Form 80 % der im Jahre 2009 von den Hausärzten dokumentierten Diagnosen aufgelistet:
- www.zi.de/cms/fileadmin/images/content/PDFs_alle/24052012_Hausarzt_Thesaurus_Schreibtischauflage.pdf (Schreibtischauflage)
- www.zi.de/cms/fileadmin/images/content/PDFs_alle/24052012_Hausarzt_Thesaurus.pdf (Kitteltaschenversion)
- Korrektes Kodieren sichert Praxisumsätze (PPA Nr. 11/2010, S. 4)
- Von RSA bis DRG: Die wichtigsten Kürzel in Reformen der GKV und was sie bedeuten (PPA Nr. 9/2012, S. 17)