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· Fachbeitrag · Sucht am Arbeitsplatz

Hilfe - meine Kollegin trinkt!

von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau

| Nach dem aktuellen AOK-Fehlzeitenreport ist in den letzten zehn Jahren die Zahl der suchtmittelbedingten Arbeitsunfähigkeitstage um rund 17 Prozent gestiegen: von 2,07 Millionen Fehltagen im Jahr 2002 auf 2,42 Millionen Fehltage im Jahr 2012. Ein Großteil davon ist bedingt durch krankhaften Alkoholkonsum. Oft sind die Kollegen eines Alkoholabhängigen im Umgang mit dem Betroffenen unsicher und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Dabei ist entschlossenes Handeln gerade hier besonders wichtig. Wie Sie als MFA eine alkoholabhängige Kollegin sensibel und zugleich selbstbewusst auf ihr Problem ansprechen, zeigt Ihnen dieser Beitrag. |

 

 

© runzelkorn - Fotolia.com

Keine falsche Solidarität

Nehmen wir an, eine Ihrer Kolleginnen riecht bei der Arbeit immer öfter nach Alkohol, sie ist zunehmend unkonzentriert, bewegt sich anders, spricht lallend. Das sind Zeichen für ein ernstzunehmendes Alkoholproblem. Es ist verständlich, wenn Sie Ihrer Kollegin helfen wollen, indem Sie für sie einspringen oder ihre Fehler ausgleichen. Doch das ist auf Dauer keine echte Hilfe. Sie schaden in Wirklichkeit Ihrer Kollegin, weil Sie sie nicht die Erfahrung machen lassen, die sie machen muss: die Konsequenzen ihres Alkoholproblems zu erfahren. Machen Sie sich klar, dass Sie zur Co-Abhängigen werden, wenn Sie helfen, das Problem zu kaschieren. Machen Sie sich auch klar, dass aufgrund einer alkoholbetroffenen MFA Patienten zu Schaden kommen können, was schwerwiegende Folgen für die Praxis nach sich ziehen würde.

Reden Sie offen mit Ihrer Kollegin

Sprechen Sie mit Ihrer Kollegin allein, damit sie nicht das Gefühl hat, von Ihnen bloßgestellt zu werden. Sagen Sie ihr, dass Sie seit einiger Zeit bemerken, dass sie nach Alkohol riecht, unkonzentriert ist, häufiger etwas vergisst usw., und dass Sie glauben, dass sie ein Alkoholproblem hat. Fragen Sie, ob sie dem 
zustimmt. Höchstwahrscheinlich wird sie versuchen, Ihre Beobachtungen zu bagatellisieren, zum Beispiel sagen, dass sie gerade eine schwere Zeit hat und etwas trinkt, es aber im Griff hat. Machen Sie deutlich, dass Ihnen das nicht wie ein kleines Problem erscheint. Erklären Sie ihr, dass Sie zum einen um ihre Gesundheit besorgt sind, aber auch um den Arbeitsablauf in der Praxis. 
Benennen Sie einige Beispiele für Fehler, die sie in der letzten Zeit gemacht hat, und was das für die anderen Mitarbeiterinnen bedeutet. Machen Sie ihr auch klar, dass Sie nicht oder nicht mehr bereit sind, Fehler auszugleichen.

 

MERKE |  Achten Sie im Gespräch auf Ihren Ton. Stellen Sie sich nicht über Ihre Kollegin - Sie sind ihr gegenüber keine Autoritätsperson, nur weil diese alkoholkrank ist. Auch als leitende MFA sollten Sie eine partnerschaftliche Haltung einnehmen.

 

Problemlösung benennen und Zeit geben

Fragen Sie Ihre Kollegin, ob sie schon an eine professionelle Hilfe gedacht hat, was höchstwahrscheinlich nicht der Fall sein wird. Benennen Sie Möglichkeiten der Therapie, auch wenn Sie annehmen können, dass sie als eine MTA diese bereits kennt. Die meisten Alkoholkranken verkennen ihre Situation und glauben nicht, dass sie Hilfe benötigen. Insistieren Sie aber nicht.

 

MERKE |  Geben Sie Ihrer Kollegin ein wenig Zeit, vielleicht ein bis zwei Wochen, je nachdem, wie ernst die Lage ist. Sagen Sie ihr, dass wenn sich an ihrer Situation nichts ändert, Sie mit Ihrem Vorgesetzten sprechen werden.

 

Reden Sie mit den anderen Kolleginnen

Das Problem sollte nicht ein Tabu im Team sein, kein Geheimnis zwischen Ihnen und der betroffenen Kollegin. Reden Sie mit den anderen. Motivieren Sie sie, ebenfalls mit der Kollegin allein zu sprechen. Die Betroffene soll merken, dass nicht allein Sie bemerken, was mit ihr los ist.

Reden Sie mit der Chefin oder dem Chef

Das größte Hemmnis, zum Chef oder zur Chefin zu gehen, ist wohl, Angst davor zu haben, als Petze dazustehen. Das ist verständlich. Eine Petze sind Sie aber nur, wenn Sie einen hin und wieder vorkommenden Fehler gleich weiterleiten. Sie sind jedoch keine Petze, wenn Sie ein ernst zu nehmendes Problem - und das ist Alkoholmissbrauch am Arbeitsplatz durchaus - mitteilen. Es ist vielmehr mutiges, verantwortungsvolles Handeln, weil Sie damit die Kollegin vor sich selbst und das Wohl Ihrer Patienten schützen.

 

Weiterführender Hinweis

  • Einen Ratgeber der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen und der BARMER GEK 
finden Sie im Internet unter http://tinyurl.com/o7vs4y9 zum Download.
Quelle: Ausgabe 10 / 2013 | Seite 19 | ID 38866340