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· Fachbeitrag · Medizinwissen

Schlafstörungen - wenn Schäfchen zählen nicht mehr hilft

von Dr. Marianne Schoppmeyer, Ärztin und Medizinjournalistin, Nordhorn

| Der Mensch verbringt etwa ein Drittel seiner Lebenszeit mit Schlafen. Der Schlaf ist eine wichtige Quelle der Regeneration und ist wesentlich für das Funktionieren unseres Organismus. Schon unsere Großeltern wussten, dass Schlaf jung hält und schön macht. Und jeder weiß von sich selbst, dass Schlafmangel die Leistungsfähigkeit und Konzentration schwächt, man wird gereizt, nervös und launisch. Ist der Schlaf dauerhaft gestört, folgt daraus eine Vielzahl psychischer und körperlicher Gesundheitsstörungen. |

Wer ist betroffen?

In Deutschland ist jeder dritte Erwachsene gelegentlich von Schlafstörungen betroffen, jeder zehnte sogar von chronischen Schlafstörungen. Damit zählen diese zu den häufigsten psychosomatischen Beschwerden und begegnen Ihnen als MFA in der Hausarztpraxis Tag für Tag aufs Neue. Besonders häufig betroffen sind ältere Menschen. Von den über 65-Jährigen klagen 40 Prozent über einen unzureichenden oder gestörten Schlaf. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Wann liegen Schlafstörungen vor?

Schlafstörungen - medizinisch Insomnie - werden in Ein- und Durchschlafstörungen unterteilt. Sie können für lediglich einige Tage andauern, allerdings auch über Wochen, Monate oder sogar Jahre fortbestehen. Für gelegentliche unruhige Nächte lassen sich häufig Auslöser finden wie beispielsweise privater Stress, Probleme am Arbeitsplatz, freudige Ereignisse, ein akuter Infekt oder hohe Reiseaktivität. Halten die Schlafstörungen jedoch länger als einen Monat an, wirken sich auf Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden aus und es lassen sich keine offensichtlichen Ursachen finden, sollte ein Arzt um Rat gefragt werden.

Schlaftagebuch

Um Schlafprobleme beurteilen zu können, müssen die Schlafgewohnheiten des Patienten genau erfasst werden. Dafür kann es sinnvoll sein, ein sogenanntes Schlaftagebuch zu führen. Einen Link zu einer Vorlage eines Schlaftagebuchs finden Sie in den weiterführenden Hinweisen. Bestärken Sie betroffene Patienten, über ein bis zwei Wochen dieses Schlaftagebuch jeweils morgens und abends gewissenhaft auszufüllen. Im Wesentlichen geht es dort um folgende Fragen:

 

  • Wie lange benötigen Sie zum Einschlafen?
  • Wie häufig und wie lange waren Sie nachts wach?
  • Wann sind sie endgültig aufgewacht, wann aufgestanden?
  • Wie lange haben Sie insgesamt geschlafen?
  • Wie erholsam war Ihr Schlaf?
  • Welche sonstigen Beschwerden treten auf?
  • Wie schätzen Sie Ihre Leistungsfähigkeit tagsüber ein? Wie ist Ihr Befinden tagsüber?
  • Haben Sie tagsüber geschlafen?
  • Welche Medikamente nehmen Sie ein?

 

In der Regel findet der Arzt mithilfe des Schlaftagebuchs, einer eingehenden Anamnese und einer gründlichen körperlichen Untersuchung mögliche Ursachen der Schlafstörung. Bei wenigen Patienten ist es jedoch auch sinnvoll, sie an eine schlafmedizinische Abteilung zu überweisen. Diese finden sich beispielsweise an Universitätskliniken oder anderen großen Krankenhäusern. Einen Link zu einer Liste mit Schlaflaboren finden Sie in den weiterführenden Hinweisen.

Schlaflabor

Eine Untersuchung im Schlaflabor ist die letzte und aufwendigste Untersuchung, um eine Schlafstörung zu diagnostizieren. Hier wird während der Nacht ein sogenanntes Polysomnogramm erstellt. Dabei werden während des Schlafs verschiedene Untersuchungen durchgeführt wie zum Beispiel EEG (Elektroenzephalogramm), EKG (Elektrokardiogramm), EMG (Elektromyogramm zur Aufzeichnung der Muskelaktivität), EOG (Elektrookulogramm zur Aufzeichnung der Augenbewegungen), Bestimmung des Sauerstoffgehalts im Blut. Um die Atmungsanstrengung zu messen, werden Gurte mit Dehnungssensoren um Brustkorb und Bauch des Patienten gelegt.

Was sind die Ursachen einer Schlafstörung?

Die Liste von äußeren Faktoren und Erkrankungen, die Schlafstörungen verursachen, ist lang. Im Folgenden sind die wichtigsten genannt:

 

  • Stimulanzien: Koffeinhaltige Getränke führen zu nächtlichem Erwachen; Nikotin erschwert das Einschlafen; Alkohol erleichtert zwar das Einschlafen, macht den Schlaf aber insgesamt störanfälliger.
  • Medikamente: Rezeptfreie Husten- und Erkältungspräparate, Appetitzügler, antriebssteigernde Antidepressiva, Arzneimittel gegen Asthma oder Bluthochdruck können Schlafstörungen verursachen. Schlafmittel verlieren bereits nach wenigen Wochen ihre Wirksamkeit, weshalb diese nur unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden sollten.
  • Schlafumgebung: Lärm, Licht, zu warme Raumtemperatur, zu hohe oder zu niedrige Luftfeuchtigkeit beeinträchtigen einen erholsamen Schlaf.
  • Schichtarbeit oder Jetlag rufen Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus hervor.
  • Atemwegserkrankungen: Luftnot einhergehend mit einer verminderten Sauerstoffaufnahme über die Lunge stört den Schlaf.
  • Gastroösophagealer Reflux (Sodbrennen) tritt häufig in den frühen Morgenstunden auf und lässt Betroffene aufgrund des schmerzhaften Brennens aufwachen.
  • Schmerzen wie etwa durch Arthrose, Arthritis, Fibromyalgie, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen lassen Patienten häufig nachts erwachen.
  • Nykturie (nächtliches Wasserlassen): Prostatahyperplasie oder Herzinsuffizienz rufen häufiges nächtliches Erwachen aufgrund von Harndrang hervor.
  • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) ruft typischerweise Schlafstörungen hervor.
  • Depressionen, Angststörungen und andere psychiatrische Erkrankungen
  • Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen 
  • Obstruktive Schlafapnoe: Schlund- und Rachenmuskulatur erschlaffen während des Schlafs und blockieren die oberen Atemwege. Es treten Atempausen von über 10 Sekunden und häufiger als fünf Mal pro Stunde auf.
  • Restless-Legs-Syndrom (Syndrom der ruhelosen Beine) ist eine schlafbezogene Bewegungsstörung, bei der die Betroffenen, sobald sie sich hinlegen, ein unangenehmes Kribbeln in den Beinen verspüren, das sich häufig erst durch Umhergehen wieder bessert.

Was können Sie Ihren Patienten raten?

Eine Behandlung von Schlafstörungen sollte unbedingt langfristig angelegt sein und auch eine Verhaltensänderung des Patienten enthalten.

 

Nur kurzfristig: Schlafmittel

Viele Patienten denken als erstes an Schlaftabletten, wenn es um die Therapie ihrer Schlafstörungen geht. Hier sollten Sie unbedingt Folgendes im Auge behalten: Zwar unterstützen Schlaftabletten den Schlaf und steigern die Wachheit am Tage, aber sie beheben weder die Ursache der Schlafstörungen noch stellen sie eine langfristige Hilfe dar. Schlafmittel sollten aufgrund ihres Suchtpotenzials nicht länger als drei bis vier Wochen verschrieben werden. Der langfristige tägliche Gebrauch sollte die absolute Ausnahme sein und nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Lesen Sie dazu auch den Beitrag „Schlafmittel und ihre Risiken“ (PPA 10/2014, Seite 7).

 

Schlafhygiene entwickeln

Sehr viel wichtiger ist Aufklärung und Weiterbildung Ihrer Patienten. Das Stichwort lautet hier „Schlafhygiene“. Schlafhygiene umfasst eine Reihe von Regeln des gesunden Schlafs. Hierzu gehören unter anderem das regelmäßige Aufstehen und Schlafengehen, das Vermeiden eines Mittagsschlafs, der Verzicht auf den abendlichen Konsum von Alkohol, Kaffee und Zigaretten. Es empfiehlt sich weiterhin, eine Pufferzone zwischen dem Arbeitstag und der Nachtruhe einzubauen: Aktivitäten sollen rechtzeitig vor dem Zubettgehen eingestellt werden, damit der Körper zur Ruhe kommen kann. Unterstützend wirken auch feste allabendliche Rituale sowie eine angenehme und lärmfreie Umgebung. Lesen Sie dazu auch den Beitrag „Praxis-Tipps: Schlafen, nichts als schlafen“ (PPA 10/2014, Seite 10).

 

Weiterführende Hinweise

Quelle: Ausgabe 10 / 2014 | Seite 4 | ID 42936831