Praxiswissen auf den Punkt gebracht.
logo
  • Meine Produkte
    Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen.
Menu Menu
MyIww MyIww

· Fachbeitrag · Medizinwissen

Diabetisches Fußsyndrom: Amputationen sind vermeidbar

von Dr. Marianne Schoppmeyer, www.medizinundtext.de, Nordhorn

| Eine häufige Komplikation des Diabetes mellitus ist das Diabetische Fußsyndrom (DFS). 250.000 aller Diabetiker in Deutschland haben eine solche schlecht heilende, oft chronische Läsion an den Füßen. Etwa eine Million haben ein erhöhtes Risiko, eine Fußverletzung zu erleiden. Diese kann im schlimmsten Fall zur Amputation von Zehen, Fuß oder sogar Unterschenkel führen. |

Wie entsteht ein diabetisches Fußsyndrom?

Erhöhte Blutzuckerwerte schädigen über längere Zeit die großen und kleinen Blutgefäße sowie die peripheren Nerven der Füße und Beine. Folgen sind:

 

  • Durchblutungsstörungen der unteren Extremitäten infolge einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK)
  • Wahrnehmungsstörungen an den Füßen infolge einer Neuropathie.

 

Aufgrund der Neuropathie nehmen Diabetiker schädigende Einflüsse an den Füßen wie z. B. Druck oder kleine Verletzungen nur erschwert oder gar nicht wahr. Dies führt dazu, dass eigentlich harmlose Verletzungen zu einer dauerhaften offenen Wunde führen können, einem diabetischen Ulkus. Solche Bagatellverletzungen können bereits durch schlecht sitzende Schuhe hervorgerufen werden. Aufgrund der Durchblutungsstörungen werden die Füße dann zusätzlich nicht ausreichend mit Blut versorgt, so dass dem Gewebe die für den Heilungsprozess notwendigen Nährstoffe und Sauerstoff fehlen.

Ratschläge für Ihre Patienten

Damit es erst gar nicht zu solchen schlecht heilenden Wunden kommt, sollten Sie Ihren Patienten mit Diabetes einige wichtige Ratschläge zur Vorbeugung an die Hand geben.

 

  • Diabetisches Fußsyndrom: Hinweise für Patienten
  • Füße sollten täglich gründlich inspiziert werden. Hierfür eignet sich ein Handspiegel, der es auch älteren Patienten ermöglicht, die Füße von unten und zwischen den Zehen zu betrachten. Geachtet werden sollte auf Blasen, Risse, Verhornungen, Hühneraugen, Druckstellen, Pilzbefall und Verletzungen.
  • Die Nagelpflege sollte nach Möglichkeit durch eine professionelle Podologin (medizinische Fußpflegerin) erfolgen. Fußnägel sollte immer mit einer Nagelfeile gekürzt werden. Nagelschere und andere spitze Instrumente sollten nicht verwendet werden.
  • Der Patient sollte nicht barfuß laufen.
  • Schuhe müssen passend gekauft werden und den Füßen genügend Platz bieten. Neue Schuhe sollten vorsichtig in langsam steigenden Zeitspannen eingelaufen werden.
  • Bereits bei kleinen Verletzungen oder Auffälligkeiten an den Füßen sollte der Arzt aufgesucht werden.
 

Wichtig | Basis aller Bemühungen ist jedoch die gute Einstellung des Diabetes. Patienten können dies durch eine bewusste Ernährung und körperliche Betätigung aktiv unterstützen.

Fußuntersuchung in der Praxis

Eine Fußuntersuchung sollte bei Diabetikern im Rahmen des DMP Diabetes mellitus mindestens einmal im Jahr - je nach Befund auch häufiger - durchgeführt werden. Sie sollte seitenvergleichend durch den Arzt oder die MFA erfolgen.

 

  • Inhalte der Fußuntersuchung
  • Fußinspektion: Es werden Zehen, Zehenzwischenräume, Fußsohle, Fußrücken, Ferse und Fußknöchel betrachtet. Ein besonderes Augenmerk sollte auf einen Pilzbefall in den Zehenzwischenräumen gelegt werden. Weiterhin sollte auf Läsionen und Veränderungen der Haut, auf Fußdeformitäten und die Beweglichkeit der Füße geachtet werden.
  • Überprüfung des Schuhwerks bei Risikopatienten mit Neuropathie
  • Vibrationsuntersuchung: Sie wird mit einer kalibrierten Stimmgabel am Innenknöchel des Fußgelenkes und der großen Zehe durchgeführt.
  • Monofilament-Untersuchung: Mit einem Pferde- oder Kunsthaar werden verschiedene Stellen der Fußsohle angetippt. Der Patient gibt an, ob er die Berührung spürt.
  • Palpation der Fußpulse: Es werden die Pulse der A. dorsalis pedis am Fußrücken und der A. tibialis posterior am Innenknöchel getastet, um zu beurteilen wie gut die Füße durchblutet sind. Sind diese Pulse nicht aufzufinden, sollten die Pulse der A. poplitea in der Kniekehle und der der A. femoralis in der Leiste untersucht werden. Außerdem sollte bei Patienten mit nicht sicher tastbaren Fußpulsen der Knöchel-Arm-Index (KAI) durch Blutdruckmessung und Dopplersonografie ermittelt werden.
 

 

PRAXISHINWEIS | Dokumentieren Sie sämtliche Ergebnisse der Fußuntersuchung sorgfältig. Am besten dafür geeignet ist ein Formblatt, dass Sie der Patientenakte beilegen. Ein Beispiel für ein solches Formblatt finden Sie online unter http://tinyurl.com/gthtmwq.

 

Wundversorgung

Kommt es trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen zu einer Fußläsion, sollte diese unverzüglich behandelt werden. Nicht rechtzeitig erkannte, bagatellisierte und unzureichend versorgte Wunden an den Füßen führen zu

  • Ulcera,
  • Infektionen,
  • Gangrän und
  • in der Folge leider auch viel zu häufig zu Amputationen.

 

Eine ausführliche Darstellung der Entstehung, und des Heilungsverlaufs chronischer Wunden finden Sie in PPA 02/2012, Seite 17.

 

Um einen objektiven Ausgangsbefund für die weitere Therapie zu haben, sollten als erstes Wundbeläge und abgestorbene Gewebeanteile entfernt werden und anschließend ein Foto mit Maßband angefertigt werden. Weist die gereinigte Wunde keine Infektionszeichen auf, ist eine feuchte Wundbehandlung indiziert. Hierfür eignen sich je nach Sekretionsstärke der Wunde Hydrokolloidverbände oder Polyurethanschaum. I

 

Infizierte Wunden sollten zusätzlich mit einem lokalen Antiseptikum wie z. B. PVP-Jod behandelt werden. Zusätzlich zur Lokaltherapie sollte ein Antibiotikum eingesetzt werden. Eine ausführliche Beschreibung der Versorgung chronischer Wunden finden Sie in PPA 01/2012, Seite 1.

 

PRAXISHINWEIS | Wenn Sie sich als MFA besonders für das moderne Wundmanagement bei Diabetikern interessieren, können Sie sich zur Wundassistentin DDG weiterbilden (PPA 10/2016, Seite xx). Eine allgemeinere Weiterbildung zur Wundexpertin und Wundmanagerin bietet der TÜV Rheinland® an (PPA 03/2011, Seite 11).

 

Interdisziplinäre Therapie erforderlich

Eine Fußläsion bei einem Diabetiker sollte interdisziplinär in einem Team versorgt werden. Dabei ist die Wundversorgung nur ein Teil der Therapie.

 

  • Diabetisches Fußsyndrom: Ergänzende Bausteine der Therapie
  • Eine gute Einstellung der diabetischen Stoffwechsellage und eines möglicherweise bestehenden Bluthochdrucks bildet die systemische Grundlage.
  • Außerdem ist die komplette Druckentlastung des betroffenen Fußbereichs, mitunter auch des gesamten Fußes notwendig. Ein Orthopädieschuhmacher kann entsprechend Polster oder Einlagen in die Schuhe einsetzen, Schuhe empfehlen oder auch speziell angepasste Schuhe anfertigen. Durch Unterarmgehstützen kann eine weitere Entlastung herbeigeführt werden.
  • Darüber hinaus ist die psychosoziale Begleitung des Patienten zur Motivation und zur Überwachung des Krankheitsverlaufs sinnvoll.
  • Eine podologische Behandlung für die Nagel- und Fußpflege einschließlich einer effektiven Hornhautabtragung (siehe auch PPA 06/2013, Seite 13), verhindert weitere Fußläsionen. Die Behandlung kann bei gefährdeten Patienten auch verordnet werden.
 

Eine solche komplexe Behandlung kann nur gemeinsam unter Mitarbeit von Diabetesberatern, Wundspezialisten, Podologen, Orthopädieschuhmachern und Psychologen erfolgen. Aus diesem Grund zertifiziert die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) spezielle Fußbehandlungseinrichtungen (diabetische Fußambulanzen). Eine Liste dieser Zentren finden Sie im Internet.

 

Weiterführende Hinweise

Quelle: Ausgabe 10 / 2016 | Seite 13 | ID 44228556