· Fachbeitrag · Medizinwissen
Bluthochdruck - was heißt das für Ihre Patienten?
von Dr. med. Marianne Schoppmeyer, Ärztin und Medizinjournalistin, Nordhorn
| Bluthochdruck (Hypertonie) ist eine von vielen Patienten unterschätzte und heimtückische Erkrankung. Viele Patienten wissen überhaupt nicht, dass ihr Blutdruck zu hoch ist, da ein zu hoher Blutdruck sich lange Zeit nicht bemerkbar macht und keine Beschwerden hervorruft. Wenn er dann entdeckt wird, kann der Arzt häufig schon Folgeerscheinungen an anderen Organen feststellen. |
Wann liegt ein Bluthochdruck vor?
Von Bluthochdruck spricht der Arzt, wenn der systolische Druck in den Arterien = 140 mmHg und/oder der diastolische Druck = 90 mmHg liegt. Der systolische Druck ist der Druck im Gefäßsystem, wenn das Herz sich kontrahiert. Der diastolische Druck ist der Druck während der Erschlaffung des Herzens. Gemessen in der Regel nach der auskultatorischen Methode nach Riva-Rocci (siehe PPA 04/2015, Seite 8), wird er wie folgt klassifiziert.
Kategorie | Systolisch | Diastolisch |
Optimal | < 120 mmHg | < 80 mmHg |
Normal | < 130 mmHg | < 85 mmHg |
Hochnormal | 130-139 mmHg | 85-89 mmHg |
Leichte Hypertonie (Grad 1) | 140-159 mmHg | 90-99 mmHg |
Mittelschwere Hypertonie (Grad 2) | 160-179 mmHg | 100-109 mmHg |
Schwere Hypertonie (Grad 3) | = 180 mmHg | = 110 mmHg |
Isolierte systolische Hypertonie | =140 mmHg | < 90 mmHg |
Wer ist betroffen?
In Deutschland haben etwa 20 Mio. Erwachsene einen zu hohen Blutdruck, das ist fast jeder dritte zwischen 18 und 79 Jahren. Bei den 70- bis 79-Jährigen sind es sogar drei von vier Personen. Bedenklich stimmt die Tatsache, dass jeder fünfte nichts von seinem erhöhten Blutdruck weiß. Das verdeutlicht, welch wichtigen Stellenwert die Blutdruckkontrolle und -therapie in jeder Praxis einnehmen sollte. Besonders gefährdet sind Patienten,
- die übergewichtig sind,
- die häufiger Alkohol trinken,
- die häufig Stress haben,
- die familiär belastet sind und
- die gerne salzig essen.
PRAXISHINWEIS | Machen Sie es sich zur Gewohnheit, vor allem bei Risikopatienten unabhängig vom Anlass des Arztbesuchs, den Blutdruck zu messen. |
Erstsymptome
Ein zu hoher Blutdruck macht sich lange Zeit nicht bemerkbar. Daher ist er für den Patienten auch so heimtückisch. Erste Anzeichen können sein:
- Schwindel
- Kopfschmerzen (typischerweise treten diese frühmorgens auf und betreffen besonders den Hinterkopf)
- Müdigkeit
- Kurzatmigkeit und Luftnot bei Belastung
- Nervosität
Häufig wird eine Hypertonie jedoch erst diagnostiziert, wenn bereits Folgeerkrankungen aufgetreten sind oder es zu Komplikationen gekommen ist.
Folgeerkrankungen
Bleibt ein erhöhter Blutdruck über einen längeren Zeitraum unerkannt oder wird er nicht ausreichend therapiert, treten Folgeerkrankungen auf. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzte bereits 2010, dass erhöhter Blutdruck zur größten globalen Gesundheitsgefahr aufgerückt sei. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und hier in erster Linie für Schlaganfälle, koronare Herzerkrankung und Herzinsuffizienz steigt an. Weitere Folgeerkrankungen sind Niereninsuffizienz, Bauchaortenaneurysma, hypertensive Retinopathie.
Diagnostik
Eine einmalige Blutdruckmessung ist nicht sehr aussagekräftig. Häufig steigt der Blutdruck in der Praxis schon an, weil der Patient aufgeregt ist. Dieses Phänomen nennt man auch Weißkitteleffekt. Sinnvoll ist es daher, häufiger zu messen, den Patienten unter häuslichen Bedingungen den Blutdruck selbst messen zu lassen oder eine ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung in die Wege zu leiten. Hat der Arzt einen zu hohen Blutdruck diagnostiziert, sollte ausgeschlossen werden, dass die Hypertonie nicht Folge einer anderen Erkrankung ist. Dies ist bei ungefähr zehn Prozent der Patienten der Fall. Ein solcher sekundärer Blutdruck kann beispielsweise vorliegen bei:
- Endokrinen Erkrankungen wie Schilddrüsenüberfunktion, Phäochromozytom (Tumor der Nebenniere)
- Nierenerkrankungen
- Schlafapnoe-Syndrom
- Aortenisthmusstenose
- Einnahme bestimmter Medikamente als Nebenwirkung (zum Beispiel Antibabypille, Kortikosteroide, nichtsteroidale Antirheumatika)
Um eine solche zugrunde liegende Erkrankung auszuschließen, werden verschiedene Blut- und Urinwerte kontrolliert und ein Ultraschall der Nieren vorgenommen. Bei 90 Prozent der Patienten wird jedoch keine direkte Ursache der Hypertonie gefunden. Der Arzt spricht dann von einer primären oder essenziellen Hypertonie.
Was kann die MFA leisten?
Der erste Schritt der Hypertonie-Therapie ist die Lebensstiländerung (siehe PPA 04/2015, Seite 12). Allein die konsequente Einhaltung von Allgemeinmaßnahmen wie Gewichtsnormalisierung, salzarme Diät, mediterrane Kost, regelmäßiges Ausdauertraining, gutes Stressmanagement, Verzicht auf Alkohol und Nikotin führt bei einem Viertel der leichten Hypertoniker (Grad 1) zu einer Normalisierung des Blutdrucks. Viele weitere Patienten profitieren insofern von Allgemeinmaßnahmen, dass sie weniger Medikamente einnehmen müssen oder eine niedrigere Dosierung der Medikamente gewählt werden kann.
Hier sollten Sie Ihre Patienten immer wieder motivieren, ermutigen und Ihnen Tipps geben. Auf der Internet-Seite der Deutschen Hochdruckliga e.V. finden Sie unter www.hochdruckliga.de zahlreiche Informationen wie
- ein bundesweites Verzeichnis der Selbsthilfegruppen,
- einen Kalender mit aktuellen Veranstaltungsterminen für Ihre Patienten,
- eine Liste von geprüften Blutdruckmessgeräten für zu Hause,
- Informationsmaterial zum Bestellen,
- häufig gestellte Fragen, die von Experten beantwortet wurden,
- ein Verzeichnis von Fachärzten, die zusätzlich einen Schwerpunkt auf die Behandlung von Hochdruckpatienten gelegt haben, sowie
- eine Übersicht der zertifizierten Hypertonie-Zentren für schwer einzustellende Patienten.
PRAXISHINWEIS | Bei Patienten mit Hypertonie sollten Sie in Ihrer Praxissoftware markieren, dass der Blutdruck unabhängig vom Anlass des Arztbesuchs immer gemessen wird. Bieten Sie eine Blutdruckmessung auch dann an, wenn der Patient lediglich zum Abholen eines Rezepts in der Praxis erscheint. |
Was macht der Arzt?
Führen Allgemeinmaßnahmen allein nicht zum Ziel, wird der Arzt blutdrucksenkende Medikamente verordnen. Medikamente können eine Hypertonie nicht heilen, sondern nur den erhöhten Blutdruck senken. Daher ist die Therapie in der Regel eine Dauertherapie, die der Patient über viele, viele Jahre - meist sein Leben lang - fortsetzen muss. Dies stellt eine große Herausforderung sowohl für den Patienten als auch für das betreuende medizinische Team dar. Voraussetzung für das Gelingen der Therapie ist eine gute und vertrauensvolle Kooperation zwischen allen Beteiligten. Zur Compliance lesen Sie auch den Beitrag „Damit die Arznei nicht im Papierkorb landet“ (PPA 02/2015, Seite 12).
Der menschliche Körper regelt den Blutdruck über verschiedene Mechanismen. Therapeutisch werden bevorzugt fünf verschiedene Medikamentenklassen eingesetzt, die an unterschiedlichen Stellen dieses biologischen Regelmechanismus ansetzen.
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Wirkstoffklasse | Wirkung | Beispiele | Nebenwirkungen |
Diuretika (harntreibendeMedikamente,Wassertablette) | Sie fördern an den Nieren die Ausscheidung von NaCl (Kochsalz). Gemeinsam mit dem NaCl wird vermehrt Wasser ausgeschieden, sodass das Blutvolumen und damit auch der Blutdruck sinkt. |
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ACE-Hemmer | Sie greifen in das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) ein, indem sie die Umwandlung von Angiotensin I in das Hormon Angiotensin II blockieren. Angiotensin II verengt die Gefäße und führt so zu einem Blutdruckanstieg. Wird die Bildung dieses Hormons blockiert lässt die Spannung der Blutgefäße nach und der Blutdruck sinkt. |
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Angiotensin-Rezeptor-Blocker (ARB, Sartane, AT1-Blocker) | Sie greifen in das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) ein. Allerdings blockieren sie die Bindung des Angiotensin II an seinen Rezeptor und führen so zu einer herabgesetzten Spannung der Blutgefäße und somit zu einer Blutdrucksenkung. |
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Langwirksame Kalzium-antagonisten | Sie vermindern den Einstrom von Kalzium in die Zellen und führen so zu einer Entspannung der Gefäßmuskulatur und so zu einer Blutdrucksenkung. |
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Betablocker | Die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin führen über die Betarezeptoren zum Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz. Betablocker blockieren diese Rezeptoren und führen so zur Blutdrucksenkung. |
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Der Beginn der Therapie
Gerade die ersten Wochen der Therapie sind für viele Patienten nicht so einfach, da sich ihr Körper an den hohen Blutdruck gewöhnt hat. Häufig brauchen die Patienten einen hohen Blutdruck, um sich fit und leistungsfähig zu fühlen. Damit die Therapie aber nicht gleich zu Beginn scheitert, sollten Sie Ihre Patienten darauf hinweisen, dass sich der Körper erst an einen niedrigeren Blutdruck gewöhnen muss. Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Antriebsarmut sind zu Beginn der Therapie - unabhängig von den eingesetzten Medikamenten - völlig normal. Keinesfalls dürfen die Medikamente zu diesem Zeitpunkt abgesetzt werden oder die Dosierung verändert werden. In der Regel verschwinden die Beschwerden, wenn sich der Körper an den für ihn neuen normalen Blutdruck gewöhnt hat.
PRAXISHINWEIS | Informieren Sie Ihre Patienten vor der Therapie umfassend und weisen Sie sie immer wieder darauf hin, wie wichtig ein niedriger Blutdruck ist, um sich vor blutdruckbedingten Folgeerkrankungen wie Schlaganfall, Herzinfarkt und Nierenversagen langfristig zu schützen. |