· Fachbeitrag · Delegation Ärztlicher Leistungen
„Die Vereinbarung ist ein wichtiger Schritt“
Interview mit Sabine Ridder, Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe (VmF) e. V.
| Unter dem Arbeitstitel „Bitte übernehmen Sie!“ hatte der Verband medizinischer Fachberufe e. V. im September zu einer Podiumsdiskussion über die Delegation ärztlicher Leistungen geladen. Seit 1. Oktober gilt nun gemeinsam mit dem neuen Bundesmantelvertrag die „Vereinbarung über die Delegation ärztlicher Leistungen an nichtärztliches Personal in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung“. Die Redaktion sprach darüber mit Sabine Ridder, Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe e. V. |
Redaktion: Frau Ridder, inwieweit verbessert die Vereinbarung zur Delegation ärztlicher Leistungen die bisherige Situation?
Sabine Ridder: Die Konkretisierung der erforderlichen Qualifikationen und die klare Vorgabe, dass die Delegation nur an Medizinische Fachangestellte bzw. an vergleichbare Gesundheitsfachberufe delegiert werden darf, sind wichtige Bausteine für die Patientensicherheit. Dazu gehört auch die Auswahl-, Anleitungs- und Überwachungspflicht des Arztes.
Redaktion: Haben Sie als Interessenvertretung der MFA nun ihr Ziel erreicht?
Sabine Ridder: Unser Ziel sind klare Rahmenbedingungen und transparente Anforderungen für die Tätigkeiten und die Arbeitsbereiche unserer Berufsangehörigen. Dafür ist die jetzige Vereinbarung ein wichtiger Schritt. Die Zuordnung zu den erforderlichen Qualifikationsmaßnahmen schafft Sicherheit. Gleichzeitig wird noch ein weiterer Aspekt berücksichtigt: Diese Qualifikationsmaßnahmen sind auch im Tarifvertrag abgebildet. Somit können die MFA

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und der Arzt die erbrachten, übertragenen und übernommenen Tätigkeiten den Tarifgruppen zuordnen. Das ist nicht nur wichtig für die Bezahlung der MFA, sondern zeigt, was die Leistungen wert sind. Denn die Übertragung von Leistungen darf nicht dazu führen, dass Tätigkeiten als billiger gelten, nur weil sie von Medizinischen Fachangestellten erbracht werden. Der Standard und die Anforderung an die Leistungserbringung sind genauso hoch, als wenn der Arzt sie erbringt (Facharztstandard). Und die Leistung ist weiterhin ja keine „reine“ MFA-Leistung. Vor und nach der übertragenen Tätigkeit laufen Informationsaustausch, Befundübermittlung und Beratung zum weiteren Vorgehen weiter. Das heißt nicht, dass Medizinische Fachangestellte nicht in der Lage sind, Tätigkeiten eigenständig durchzuführen. Vielmehr ist dieser fachliche Austausch zwischen Arzt und MFA ein bereichernder Schritt in der Patientenbehandlung. Es werden dadurch bestimmte Aspekte vielleicht besser gesehen und eingeschätzt, so psychosoziale Probleme, Situationen im familiären Umfeld oder auch die Ressourcenermittlung des Patienten. Damit unterstützt diese Vereinbarung auch das Zusammenwachsen zu einem therapeutischen Team in der Praxis - ganz im Interesse einer guten Patientenversorgung.

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Redaktion: Wie beurteilen Sie die bisherigen Modelle, die zur Entlastung des Arztes verfolgt werden?
Sabine Ridder: Es ist jetzt vor allem an der Zeit, die bisherigen Modelle und die vorhandene Studienlage zum Einsatz von MFA ernst zu nehmen und daraus eine Regelversorgung zu formen. Die Qualifikationsmaßnahmen im Katalog sind transparent und bundesweit geregelt. Diese einheitliche Transparenz muss nun auch bei möglichen Vereinbarungen mit den Kassen so übernommen werden. Dies dient zum einen der Patientensicherheit, zum anderen dazu, dass sich Arzt und MFA auf einen einheitlichen Standard verlassen können. Es kann nicht sein, dass sich MFA bei Praxiswechsel in einen anderen Kammer- oder KV-Bezirk jedes Mal erneut fortbilden müssen - nur weil laut Vorgaben nun „andere“ Qualifikationen gefordert sind. Die Kompetenzorientierung zum Beispiel der im Delegationsrahmen angegebenen Curricula der Bundesärztekammer sind hier wichtige Orientierungshilfen.
Redaktion: Welche bisherigen Erfahrungen von Ärzten mit der Delegation von Leistungen kennen Sie?
Sabine Ridder:Hausärzte schicken schon seit Jahren ihre MFA auf Hausbesuche. Disease-Management-Programme oder chronisch kranke Patienten werden schon immer von MFA mitbetreut, begleitet und organisiert. Auch beim geriatrischen Basisassessment übernehmen MFA einen Teil der Erhebungen. In Kinderarztpraxen sind unsere Kolleg(inn)en in der Betreuung und Begleitung der Kinder und Familien besonders bei vulnerablen Gruppen nicht mehr wegzudenken. Die Koordinierung mit Senioreneinrichtungen oder anderen Gesundheitsfachberufen liegt ebenso in den Händen von MFA wie der gesamte Bereich Hygiene und Qualitätsmanagement. Diese gelebte Arbeitsteilung ist so selbstverständlich, dass im Praxisalltag darüber kaum gesprochen wird. Die Erfahrungen sind also sehr gut und ausbaufähig.
Redaktion: Was berichten Patienten darüber?
Sabine Ridder: Patienten haben ein sehr großes Vertrauen zu uns. Sie schätzen unsere Arbeit und sehen Arzt und Mitarbeiter immer als Team. Begrüßt wird dabei auch der direkte Informationsfluss nach dem Motto: „Ich sage das der MFA und sie sorgt für die Information an den Arzt. Die notwendigen Maßnahmen werden veranlasst und ich bekomme alle für mich wichtigen Informationen“. Patienten finden es gut, dass sie bei uns nachfragen können und dass wir uns oft ein bisschen mehr Zeit für sie nehmen können.
Redaktion: Worauf müssen sich die Arztpraxen, worauf die Patienten künftig einstellen, wenn die Delegation von Leistungen weiter ausgebaut wird?
Sabine Ridder: Für die Patienten wird sich nur wenig ändern. Kein Praxisbetrieb läuft ohne die arbeitsteilige Zusammenarbeit von Arzt und Mitarbeitern. Sicher gibt es auch immer wieder Patienten, die nur mit dem Arzt sprechen wollen. Aber auch dafür haben wir bisher Lösungen gefunden. Wichtig ist, den Patienten und sein Anliegen ernst zu nehmen. Für die Arztpraxen bedeutet es vor allem, eine gute Vertrauenskultur zwischen Arzt und Team zu gestalten. Teambesprechung und Supervision werden eine immer größere Rolle spielen.
Redaktion: Welche personellen und organisatorischen Veränderungen wird es in den Praxen geben müssen?
Sabine Ridder: Die Praxisorganisation muss sich schon jetzt zunehmend auf den demografischen Wandel einstellen. Ältere Patienten benötigen mehr Zeit beim Arzt-Patienten-Gespräch und haben auch einen größeren Unterstützungsbedarf. Übernimmt eine MFA Tätigkeiten, die bisher der Arzt selbst durchgeführt hat, müssen ihre bisherigen Arbeiten auch weiterhin erledigt werden. Es wird dadurch zu einer Schärfung und Ausdifferenzierung der einzelnen Verantwortungsbereiche kommen. Die Übertragung darf aber nicht zu einer noch größeren Arbeitsverdichtung führen. Das bringt Stress und Stress bringt Fehler. Hier muss gegebenenfalls über eine Vergrößerung des Mitarbeiterstamms nachgedacht werden.
Redaktion: Wie gut sind aus Ihrer Erfahrung die MFA auf die Übernahme ärztlicher Tätigkeiten vorbereitet?
Sabine Ridder: Die MFA-Ausbildung ist sehr anspruchsvoll und vor allem durch das duale System praxisorientiert und kompetenzbasiert. Berufserfahrung und die große Bereitschaft zur persönlichen Fort- und Weiterbildung ermöglichen es, sich auf diese Aufgaben und Tätigkeiten vorzubereiten und darin fit zu halten. Bei unseren Auszubilden muss man immer wieder feststellen, wie erstaunt einige nach den ersten Wochen sind. Diese Komplexität und den hohen Anspruch haben viele vorher nicht erwartet. Aber die Azubis, die durchhalten und die sehr anspruchsvollen Prüfungen schaffen, sind für ihre Aufgaben gut vorbereitet und wissen, dass das Lernen nie endet.
Redaktion: Wo sehen Sie bei den MFA noch Schulungsbedarf?
Sabine Ridder: Der Schulungs- und Fortbildungsbedarf wird nach der jeweiligen Praxissituation und dem persönlichen Bedarf der Mitarbeiter festgelegt. Deshalb sieht dieser sehr unterschiedlich aus. Eine Herausforderung für alle Praxisteams ist natürlich der demografische Wandel, die Betreuung vulnerabler Gruppen und dementer Patienten. Hinzu kommen infrastrukturelle Veränderungen gerade im ländlichen Raum und ein verändertes soziales Umfeld. Das erfordert ein noch engeres Zusammenrücken der Gesundheitsfachberufe. Hier wird es perspektivisch mehr gemeinsame Fortbildungen geben müssen. Vor lauter Koordinierungs- und Managementaufgaben darf die medizinische Fortbildung natürlich nicht vernachlässigt werden.
Redaktion: Wo sehen Sie noch Hindernisse bei der Delegation?
Sabine Ridder: Ärzte müssen, glaube ich, noch mehr lernen, in gewissem Maß loszulassen. Häufig vertrauen sie nur sich selbst. Echte Teamarbeit muss gelebt werden. Und Teamarbeit bedeutet Vertrauen. Der Arzt kennt doch seine Mitarbeiter, hat sie oft selbst ausgebildet. Loslassen bedeutet für uns nicht, dass er die Endverantwortung abgeben soll. Und damit bietet dieser Katalog eine riesige Chance, die gewachsenen Aufgaben auch unter dem Aspekt des Ärztemangels zu erfüllen. Denn alle Aufgaben, die aus der Praxis heraus kompetent und zufriedenstellend erledigt werden können, müssen niemand anderem übertragen werden.
Redaktion: Was fordern Sie konkret für die MFA, damit die Delegation aus Ihrer Sicht bestmöglich umgesetzt werden kann?
Sabine Ridder: Wir fordern vor allem, dass MFA die Möglichkeit zur Fort- und Weiterbildung erhalten. Und das nicht nur in ihrer Freizeit. Weiterbildungen, die für die Praxis notwendig sind, müssen Arbeitszeit sein und vom Praxisinhaber finanziert werden. In vielen Praxen ist das heute schon selbstverständlich, aber leider noch nicht überall. Auch die tarifliche Bezahlung ist eine wichtige Forderung von uns. Versicherer müssen erkennen, dass der Arzt allein keine Praxis ist und dass Leistungsvergütung nicht nur für das Arzthonorar, die Miete und Nebenkosten reichen muss, sondern für eine leistungsgerechte Bezahlung unserer Berufsangehörigen.