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· Fachbeitrag · Wahrnehmung

Wertschätzung und Echtheit in der Patientenkommunikation

von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau

| Wie Arzt und MFA mit einem Patienten kommunizieren, hat entscheidenden Einfluss darauf, ob sich der Patient in einer Arztpraxis wohlfühlt. In der letzten Ausgabe von PPA wurde Empathie als eine der drei Säulen der personenzentrierten Gesprächsführung vorgestellt. Die weiteren Prinzipien dieser Gesprächsmethode sind Wertschätzung und Echtheit. |

Wertschätzung - ein Mensch ist immer wertvoll

Wertschätzung bedeutet, dass man eine Person aufgrund ihres Menschseins wertschätzt, unabhängig von ihrem Verhalten. Es ist ein Unterschied, ob man sagt, jemand habe sich falsch verhalten, oder ob man sagt, jemand sei ein schlechter Mensch. Bei der personenzentrierten Sichtweise bleibt der Wert einer Person grundsätzlich erhalten. Wir fühlen uns wohl in Beziehungen, in denen wir dieses uneingeschränkte, also nicht an Bedingungen geknüpfte Akzeptiertsein erfahren. Dies von außen zu erfahren hilft, uns selbst zu 
akzeptieren - mit unseren echten oder vermeintlichen Fehlern. Es hilft uns auch, über Dinge zu reden, über die wir sonst nicht reden würden.

 

  • Beispiel für fehlende Akzeptanz

Patient: „Das Medikament hat bisher nicht wirklich angeschlagen.“

Arzt: „Ich habe Ihnen auch nicht gesagt, dass die Schmerzen gleich verschwinden werden.“

 

Der Arzt ist verärgert über die echte oder vermeintliche Anspruchshaltung des Patienten.

 
  • Beispiel für Akzeptanz

Patient: „Das Medikament hat bisher nicht wirklich angeschlagen.“

Arzt: „Sie sind enttäuscht von der Behandlung? Sie haben noch Schmerzen?“

Patient: „Ja, da hat sich wirklich nichts verändert.“

Arzt: „Ich verstehe, dass es frustrierend für Sie sein muss. Sie nehmen wochenlang ein Medikament und sehen keine Erfolge. Aber ich möchte Sie daran erinnern, dass ich Ihnen zu Beginn schon sagte, dass wir bei Ihrer Krankengeschichte keine Wunder erhoffen können, dass es bis zur Besserung einige Zeit dauern kann.“

 

Der Arzt akzeptiert die Empfindung des Patienten, korrigiert aber auch dessen überhöhte Erwartung.

 

Echtheit - sich selbst wahrnehmen und ehrlich zeigen

Echtheit in der Beziehung heißt zunächst, dass man sich selbst gut wahrnehmen kann, den eigenen Gefühlen gegenüber offen ist und ihnen wertschätzend begegnet. Darüber hinaus ist Echtheit auch die Fähigkeit, die eigenen Empfindungen dem anderen ehrlich zu zeigen und dem Gegenüber nichts vorzuspielen. Für die Beziehung zwischen Patient und Behandler gilt die 
Einschränkung, dass dies aber der Situation angemessen sein muss, zum Beispiel wenn der Patient direkt danach fragt.

 

  • Beispiel

Patientin (ihre Tränen fließen, als der Arzt bei der Untersuchung den Rücken abklopft): „Sie schauen mich so an. Ertragen Sie es nicht, wenn ich weine?“

Arzt: „Habe ich Ihnen das Gefühl gegeben, dass ich Ihre Tränen nicht ertrage? Nein, nein, das ist nicht der Fall. Ich habe nur keine Tränen erwartet bei Ihnen und deshalb kurz innegehalten. Sie wirken sonst immer sehr gefasst. Es überrascht mich vielmehr, dass Sie etwas zum Weinen bringt. Und ich frage mich, was es ist, dass Sie an dieser Stelle so sensibel reagieren.“

 

Echtheit bedeutet nicht, dass Behandler grundlos über ihre Gefühle oder gar über ihr Leben sprechen. Unangemessene Selbstoffenbarungen sind fehl am Platz. Es geht vielmehr darum, dass Arzt und MFA niemals eine Rolle spielen. So zwingt sich zum Beispiel die MFA nicht zu einem betont freundlichen 
Verhalten, wenn sie sich in Wirklichkeit über den Patienten ärgert. Es soll keine Widersprüche zwischen dem Erleben und dem Verhalten geben. Der Patient würde dies spüren und sich nicht mehr wohl fühlen, weil er der MFA nicht trauen kann. Die Behandler-Patienten-Beziehung wäre gestört und ein fließender, natürlicher Kontakt wäre nicht möglich.

 

FAZIT |  Mit der personenzentrierten Gesprächsführung leisten Sie einen wichtigen Beitrag dazu, dass sich Ihre Patienten in Ihrer Praxis gut aufgehoben fühlen und Vertrauen aufbauen. Die Säulen dieser Technik sind Empathie (siehe PPA 12/2013, Seite 7), Wertschätzung und Echtheit. Im Folgenden finden Sie eine Zusammenfassung aller Elemente:

 

  • Setzen Sie sich mit Ihren eigenen Gefühlen auseinander: Gibt es Emotionen, die Sie kaum kennen, und solche, die Sie ablehnen? Fragen Sie sich kritisch, ob Sie Gefühle Ihrer Patienten deshalb auch ablehnen könnten.
  • Wie gut können Sie andere Menschen wahrnehmen und sich in sie hineinversetzen? Erleben Sie Empfindungen bei Ihren Patienten, denen gegenüber Sie teilnahmslos sind oder gar ablehnend?
  • Teilen Sie Ihren Patienten mit, welche Gefühle Sie bei Ihnen wahrnehmen. 
Zeigen Sie Empathie auch in Ihrer Körperhaltung; seien Sie zugewandt und schauen Sie den Patienten an. Verzichten Sie auf Belehrungen, Moralisierungen, unangemessenes Kritisieren, Bagatellisieren und Rationalisieren.
  • Machen Sie sich bewusst, dass Ihr Patient eine Würde hat und einen Wert als Person. Er kann Fehler machen, aber er ist deshalb kein schlechter Mensch. Uneingeschränktes Akzeptieren hilft dem Gegenüber, auch sich selbst in seinem So-Sein zu akzeptieren und angstfrei über alles zu reden.
  • Seien Sie echt in der Behandler-Patienten-Beziehung. Spielen Sie Ihren Patienten nichts vor. Echtheit bedeutet nicht, dass Sie alle Ihre Gefühle preisgeben. Die Echtheit jedes einzelnen Praxismitarbeiters ist Voraussetzung dafür, dass Patienten Vertrauen gewinnen. Vertrauen ist die Basis für eine gelungene Zusammenarbeit von Arzt, MFA und Patient.
Quelle: Ausgabe 01 / 2014 | Seite 14 | ID 42375605