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· Fachbeitrag · Wahrnehmung

Empathie in der Patientenkommunikation

von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau

| Ob sich ein Patient in einer Arztpraxis wohl fühlt, hängt entscheidend davon ab, wie Arzt und MFA mit ihm kommunizieren. Die personenzentrierte Gesprächsführung ist eine hervorragende Methode, Menschen Wertschätzung entgegenzubringen. Ein wesentliches Element der personenzentrierten Gesprächsführung ist die Empathie. |

Ursprung der personenzentrierten Gesprächsführung

Die personenzentrierte Gesprächsführung stammt aus der personenzentrierten Psychotherapie (auch „Gesprächstherapie“), die von Carl R. 
Rogers und seinen Kollegen in den 1940er Jahren entwickelt wurde. Rogers ging davon aus, dass Menschen bereits von sich aus die Fähigkeit haben, ihre Probleme zu lösen und in ihrer Persönlichkeit zu wachsen, dass sie dafür aber ein verständnisvolles, wertschätzendes Gegenüber brauchen.

Empathisches Verstehen - wahrnehmen und respektieren

Empathie bedeutet, die Empfindungen des anderen wahrzunehmen und zu respektieren. Sie ist die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen und die Welt mit seinen Augen zu betrachten. Folgendes Beispiel zeigt, wie sich empathische Wahrnehmung und Respekt auf eine Situation auswirken können.

 

  • Beispiel

Arzt A denkt über die Patientin, die eine notwendige Vorsorgeuntersuchung nicht wahrnimmt: „Wie kann man nur seine Gesundheit so vernachlässigen?“

Arzt B denkt: „Die Patientin vernachlässigt ihre Gesundheit. Was mögen die Gründe dafür sein, dass sie nicht zur Vorsorgeuntersuchung kommt?“

 

Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, dass sich die Patientin bei Arzt A weniger verstanden und angenommen fühlen wird als bei Arzt B.

 

Die Grundlage für Empathie sind Selbstwahrnehmung und Selbstakzeptanz. Je offener Sie für Ihre eigenen Gefühle sind, desto fähiger werden Sie sein, den Gefühlen Ihres Gegenübers Respekt entgegenzubringen.

 

PRAXISHINWEIS |  Gehen Sie in Ihrem Geiste zum Beispiel die Gefühle Trauer, Wut, Freude und Angst durch. Kennen Sie all diese Gefühle? Sind Ihnen manche fremd, wie zum Beispiel die Angst? Vielleicht fällt es Ihnen dann schwer, ängstliche Patienten zu verstehen. In diesem Fall könnten Sie sich an Ihre Kindheit erinnern: Hatten Sie damals vor irgendetwas Angst? Wie haben Sie sich gefühlt?

 

Was ist empathisch?

Empathie bedeutet, den anderen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. In dem Moment, in dem Ihr Patient Ihren Praxisraum betritt, geht es um ihn.

 

Machen Sie das auch nonverbal deutlich: Seien Sie zugewandt in der Körperhaltung und schauen Sie Ihren Patienten im Gespräch an. Verbal zeigen Sie Empathie, indem Sie die Empfindungen des Patienten ansprechen, anstatt sie zu übergehen. Wichtig ist jedoch, dass der Patient die Freiheit hat, seine Gefühle selbst zu reflektieren. Das können Sie durch vorsichtige Formulierungen und Fragen unterstützen.

 

  • Beispiel

Patientin: „Ich bin es so leid, diese Schmerzen zu haben. Ich dachte, das gehört nun endlich der Vergangenheit an, aber jetzt sind sie wieder da.“ (Die Patientin hat Tränen in den Augen.)

MFA: „Das macht Sie jetzt sehr traurig, oder?=“

 

Wichtig ist es, Äußerungen fragend und herantastend zu formulieren. Die eigene Wahrnehmung soll dem Patienten nicht übergestülpt werden. So könnte sich herausstellen, dass in diesem Beispiel auf die Äußerung der MFA hin die Patientin feststellt: „Eigentlich ist es mehr Wut auf die Situation als Trauer.“

 

Was ist unempathisch?

Aus dem bisher Gesagten wird schon deutlich, was unempathisches Verhalten ist: belehren („Sie müssen …“), bewerten oder moralisieren („Machen Sie sich denn keine Gedanken über Ihre Gesundheit?“), kritisieren („Sie 
haben mir nicht zugehört“), bagatellisieren („Es wird schon nicht so schlimm sein“), rationalisieren oder fachsimpeln (nur sachlich über die Krankheit und Behandlung reden). Wenn Sie auf all diese Verhaltensweisen verzichten, kann sich Ihr Patient angstfrei auf die Behandlung einlassen.

 

  • Beispiel

Patient: Frau Brehm, ich habe letzte Woche schon wieder nicht die Übungen gemacht, ich habe es nicht auf die Reihe gebracht, dafür Zeit einzuplanen.

MFA: Das klingt, als wären Sie wütend auf sich.

Patient: Stimmt, ich bin richtig sauer auf mich. Ich bin sonst sehr diszipliniert.

MFA: Den meisten fällt es schwer, Disziplin für solche doch sehr anstrengenden Übungen aufzubringen. Mir scheint, Sie sind da sehr streng mit sich.

Patient: Hm, Sie haben Recht, ich neige dazu, streng mit mir zu sein. Bei allem.

MFA: Wahrscheinlich bauen Sie mit der Strenge so viel Druck auf, dass es Ihnen umso mehr schwerfallen muss, aktiv zu werden.

Patient: Den Druck spüre ich deutlich.

MFA: Vielleicht könnten Sie sich vorstellen, einmal anders daranzugehen? Die Übungen nicht als Pflichterfüllung zu betrachten, sondern als etwas, was Ihnen gut tut, als etwas, was Sie sich gönnen und sich deshalb gern die Zeit nehmen?

 

Empathie als Baustein einer guten Patientenbindung

Patienten, die in Ihrer Praxis eine solche Empathie erfahren, werden bei der Behandlung gut mitarbeiten und Ihnen langfristig die Treue halten. Es ist 
jedoch nicht nur die Empathie allein, die die personenzentrierte Gesprächsführung ausmacht. Mindestens ebenso wichtig sind Echtheit und Wertschätzung. Diese Prinzipien werden in der nächsten Ausgabe von PPA vorgestellt.

Quelle: Ausgabe 12 / 2013 | Seite 7 | ID 42384748