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· Fachbeitrag · Patientenbetreuung

Umgang mit Schmerzpatienten

von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau

| Etwa 15 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen. Ihr Leben ist stark eingeschränkt, viele können kaum noch ihrer Arbeit nachgehen, ihre Hobbys pflegen und an sozialen Aktivitäten teilnehmen. Sensibilisieren Sie sich für die Situation dieser Patientengruppe und nehmen Sie sie ernst. |

Was ist chronischer Schmerz?

Es gibt Schmerzen, denen offensichtlich organische Gründe zugrunde liegen, und solche, die scheinbar unbegründet sind. Im letzten Fall haben es Betroffene schwer: Es wird ihnen nicht selten unterstellt, sie würden simulieren oder „es übertreiben“. Schmerzen, die scheinbar keine organische Ursache haben, sollten korrekterweise betrachtet werden als solche, bei denen eine organische Ursache (noch) nicht festgestellt wurde.

 

  • Beispiele
  • Eine Patientin wird am Bein operiert. Es wird erwartet, dass die Schmerzen nach der Operation in drei bis vier Wochen abklingen. Die Schmerzen klingen aber nicht ab. Stattdessen beginnt für die Patientin eine jahrelange Odyssee von Behandlungen in Arztpraxen, Physiotherapiepraxen und Kliniken - immer in der Hoffnung, dass die Schmerzen nachlassen.
  • Bei einer Fibromyalgie - die Hauptsymptome dieser Krankheit sind Muskel- und Gelenkschmerzen am ganzen Körper - gibt es keinen klaren Auslösemoment wie eine Operation. Die Erkrankung entwickelt sich allmählich, die Ursachen sind bislang nicht bekannt.
 

Was wünschen sich Patienten?

Betroffene Patienten, die von der Deutschen Schmerzliga und der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie nach ihren größten Wünschen hinsichtlich ihrer Schmerzen befragt wurden, nannten

 

  • Schmerzlinderung,
  • höhere Lebensqualität,
  • eine qualitativ und quantitativ bessere Schmerztherapie sowie
  • mehr Verständnis und Akzeptanz vonseiten des Gesundheitssystems.

 

PRAXISHINWEIS | Machen Sie sich klar, dass ein Patient, der schon zahlreiche Therapien erhalten hat, weiterhin echte Schmerzen haben kann. Nehmen Sie seine Klagen ernst. Äußerungen wie „Das kann eigentlich nicht sein, Sie erhalten schon die wirksamsten Medikamente“ verletzen den Patienten, weil sie Unglaubwürdigkeit implizieren. Manche Patienten reagieren darauf mit Aggressionen, andere zweifeln an der eigenen Wahrnehmung und entwickeln Selbstwertprobleme.

 

Schlechte Versorgungslage für Schmerzpatienten

Nach Angaben der Deutschen Schmerzliga werden nur 20 Prozent aller Schmerzpatienten angemessen therapiert, obwohl es Therapiemöglichkeiten gibt. Es gibt einfach zu wenige Ärzte, die sich auf chronische Schmerzen spezialisiert haben. Und viele Ärzte haben generell wenig Kenntnis über chronische Schmerzen, sodass sie nicht die richtige Diagnose stellen und den Patienten an falsche Stellen überweisen.

 

PRAXISHINWEIS | Zeigen Sie Ihrem Patienten, dass Sie um die schlechte Versorgungslage Bescheid wissen. Damit signalisieren Sie ihm, dass Sie ihm glauben und ihn ernst nehmen. Sprechen Sie in Ihrem Team über dieses Thema und halten Sie Adressen von Schmerzzentren vor, die Sie Ihrem Patienten mitgeben können und informieren Sie sich bei den einschlägigen Fachgesellschaften über chronische Schmerzen (siehe Weiterführende Hinweise).

 

Therapien von chronischen Schmerzen

Therapien von chronischen Schmerzen vereinen medikamentöse Therapie entsprechend der Diagnose und psychologische Verfahren wie Autogenes Training. Patienten lernen, besser mit den Schmerzen umzugehen. Zum einen in der Form, dass sie schädliche Einflüsse - allen voran Stress - vermeiden, zum anderen in der Form, dass sie wohltuende Einflüsse maximieren, zum Beispiel kreative Betätigung. Sehr wichtig ist die Änderung der Einstellung zum Schmerz. Moderne Schmerztherapie beinhaltet, dass Patienten lernen, dass auch mit mäßigen Schmerzen ein erfüllendes Leben möglich ist. Eine vollständige Schmerzfreiheit anzustreben kann nämlich für viele mit Enttäuschung verbunden sein.

 

FAZIT | So tragen Sie dazu bei, dass Ihre Praxis zu einer Praxis wird, in der Schmerzpatienten willkommen sind:

 

  • Begegnen Sie Ihren Patienten mit Verständnis und Akzeptanz; nehmen Sie deren Schmerzen ernst.
  • Vermeiden Sie Äußerungen, die Zweifel signalisieren.
  • Informieren Sie sich über chronische Schmerzen. Zeigen Sie Ihren Patienten, dass Sie um die schlechte Versorgung von Schmerzpatienten Bescheid wissen.
  • Informieren Sie Patienten darüber, dass es spezielle Schmerzzentren, also spezielle Therapien für chronische Schmerzen gibt.
  • Erwecken Sie keine zu großen Hoffnungen auf vollständige Schmerzfreiheit, aber durchaus Hoffnung auf weniger Schmerzen und höhere Lebensqualität.
 

 

Weiterführende Hinweise

Quelle: Ausgabe 04 / 2014 | Seite 17 | ID 42575209