· Fachbeitrag · Selbstverletzung
Hilfe bei Nägelkauen
von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau, www.lektorat-oezdem.de
| Nägelkauen oder -abbeißen (in der Fachsprache Onychophagie) tritt vor allem in der Kindheit und Jugend auf und lässt meist im Erwachsenenalter nach. Doch immerhin 10 Prozent der Erwachsenen zeigen dieses Verhalten. Was Sie als MFA über die Ursachen wissen müssen, welche Lösungen Sie betroffenen Personen vorschlagen und wie Sie eine betroffene Kollegin ansprechen, fasst PPA zusammen. |
Ursachen von Nägelkauen
Nägelkauen ist ein Anti-Anspannungs-Verhalten. Menschen kauen meist auf den Nägeln, wenn sie verlegen sind oder einer schwierigen Situation gegenüberstehen. Das Nägelkauen dient dann zum Abbau von Anspannung - Anspannung aufgrund von Trauer, Angst, Ärger und Stress, die Betroffenen entspannen sich. Sie leiden aber häufig unter dem unschönen Aussehen der Nägel. Dennoch fällt es ihnen sehr schwer, mit dem Kauen aufzuhören. Bei Kindern und Jugendlichen fällt auf, dass besonders jene betroffen sind, die sehr autoritär und mit Strafen erzogen werden. Das Nägelkauen dient dann vor allem dem Angst- und Aggressionsabbau. Oder die Kinder erleben zu viel Enge in einer überbehüteten Erziehung, sie entwickeln Stress, weil sie sich nicht frei entfalten können.
MERKE | Mit einer Zwangsstörung darf das Nägelkauen nicht verwechselt werden: Zwangspatienten haben starke Angst, z. B. vor Bakterien, und waschen sich etwa unentwegt die Hände. Nägelkauer hingegen verspüren keine starke Angst und keinen Zwang, vielmehr bemerken sie gar nicht, dass sie gerade wieder an ihren Nägeln beißen. |
Lösungen gegen Nägelkauen
Hilfsmittel gegen Nägelkauen sind am schnellsten verfügbar, langfristig effizienter ist allerdings, die Ursachen zu bekämpfen.
Praktische Tipps und Hilfsmittel
Es gibt spezielle Tinkturen, die man auf die Nägel aufbringt. Sie schmecken so schlecht, dass die Person nicht an den Nägeln kauen kann. Überhaupt bemerkt sie aufgrund des Geschmacks, dass sie gerade im Begriff war, an den Nägeln zu kauen, und kann das Verhalten bewusst unterlassen. Sind die Nägel etwas gewachsen, kann man sich mit einer Maniküre belohnen. Die Verschönerung der Nägel kann eine Hinderung sein, wieder an den Nägeln zu kauen. Ältere Mädchen und Frauen können sich künstliche Nägel anbringen lassen. Diese sind so fest, dass sie kaum abzubeißen sind. Außerdem sehen die Hände gepflegt aus. Falsche Nägel können helfen, sich das Nägelkauen abzugewöhnen. Sie sollten allerdings nur für den Übergang eine Lösung sein, denn langfristig schädigt der Klebstoff die Nageloberfläche.
Habit Reversal (Verhaltensumkehr)
Beim Habit Reversal handelt es sich um eine verhaltenstherapeutische Methode. Die Person beobachtet ihr Verhalten gezielt und nimmt Momente des Nägelkauens bewusst wahr. Sie protokolliert Häufigkeit, Dauer und Situation des Verhaltens. Dann übt sie ein entgegengesetztes Verhalten ein (z. B. die Hand zur Faust machen). Immer wenn sie bemerkt, ihre Hand geht zum Mund, ballt sie die Hand zur Faust. Die Übungen und Erfahrungen werden mit dem Therapeuten besprochen.
Arbeit an der Anspannung
Besonders vielversprechend sind Ansätze, die die Ursache des Nägelkauens angehen. Damit sind alle Methoden gemeint, die Anspannung reduzieren. Nägelkauer können eine Entspannungsmethode erlernen. Das kann Progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training, Achtsamkeitstraining, Yoga und vieles mehr sein (siehe Beitrag in PPA 10/2014, Seite 11). Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Gesprächstherapie, Gestalttherapie sind Beispiele für Verfahren, in denen die Ursachen von psychischen Störungen oder problematischem Verhalten behandelt werden. Der Mensch lernt, sich besser zu verstehen, besser mit seinen Gefühlen und mit Konfliktlagen umzugehen. Dann sind Ersatzhandlungen wie das Nägelkauen nicht mehr notwendig. Typische Leitfragen psychotherapeutischer Verfahren sind:
- Warum ist der Mensch angespannt?
- Warum werden Aggressionen unterdrückt und gegen sich selbst gewandt?
- Warum wird Trauer nicht adäquat ausgedrückt?
Wie spreche ich eine betroffene Kollegin an?
Auch in Ihrem Team kann es MFA geben, die selbst an den Nägeln kauen. Betroffen sind insbesondere MFA (und Azubis), die unter hohem Stress und Leistungsdruck stehen. Sprechen Sie die Betroffenen ruhig auf ihre Angewohnheit an und nutzen Sie die Lösungsvorschläge dieses Beitrags. Herangehensweise und Gesprächsführung sind in etwa so, als würden Sie sie auf schlechten Körpergeruch ansprechen (siehe PPA 08/2016, Seite 10).