· Fachbeitrag · Medizinwissen
Medikamentenabhängigkeit: Sucht auf Rezept
von Dr. med. Marianne Schoppmeyer, Ärztin und Medizinjournalistin, Nordhorn
| In der letzten Ausgabe von PPA haben wir ausführlich die Alkoholabhängigkeit mit ihren Folgen und Therapiemöglichkeiten beschrieben ( PPA 01/2014, Seite 16 ). Neben dem Alkohol können auch verschiedene Medikamente zu einer Abhängigkeit führen. Es wird geschätzt, dass allein in Deutschland 1,4 bis 1,9 Millionen Menschen medikamentenabhängig sind. Das heißt, dass statistisch gesehen ein niedergelassener Arzt täglich einen medikamentenabhängigen Patienten sieht. Diese Zahlen machen schnell deutlich, wie wichtig dieses Thema für das Team der Hausarztpraxis ist. |
Medikamentenabhängigkeit ist schwer erkennbar
Gerade eine Medikamentenabhängigkeit ist aufgrund der in der Regel kontrollierten Verschreibung des Medikaments durch den Arzt nur schwer festzustellen. Häufig wird sie erst diagnostiziert, wenn das Medikament abgesetzt wird und Entzugserscheinungen auftreten. Dies gilt vor allem für die große Gruppe der Schlaf- und Beruhigungsmittel. Viele medikamentenabhängige Patienten suchen verschiedene Hausärzte auf, um sich regelmäßig die für sie notwendig gewordenen Tabletten zu besorgen, ohne in den Verdacht der Sucht zu geraten und um die tatsächliche Menge ihres Konsums zu verschleiern.
Was ist Medikamentenabhängigkeit?
Eine Medikamentenabhängigkeit liegt vor, wenn während der letzten zwölf Monate drei oder mehr der folgenden Kriterien gleichzeitig zutrafen:
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Bei welchen Medikamenten ist besondere Vorsicht geboten?
Zu den weitaus am häufigsten verschriebenen Medikamenten, die eine Abhängigkeit hervorrufen, gehören die Schlaf- und Beruhigungsmittel vom Benzodiazepintyp wie beispielsweise Lorazepam (Tavor®), Oxazepam (Adumbran®) oder Diazepam (Valium®) sowie die ebenfalls als Schlafmittel verschriebenen Z-Drugs (Zolpidem, Zopiclon). Sie stellen mit 80 Prozent die größte Gruppe der Abhängigkeit erzeugenden Arzneimittel dar.
Benzodiazepine
Benzodiazepine sind wichtige Medikamente für akute Krisensituationen. Sie werden verordnet bei Angsterkrankungen und Erregungszuständen sowie bei Schlafstörungen und zerebralen Krampfanfällen. Allerdings werden sie auch häufig bei Allgemeinsymptomen wie innerer Unruhe, Angst, Niedergeschlagenheit, Überforderungsgefühlen oder psychosomatischen Stresssymptomen eingesetzt, um dem Patienten Erleichterung zu verschaffen.
PRAXISHINWEIS | Häufig kommen Patienten bereits mit der Erwartung in die Praxis, ein Medikament zur schnellen Beseitigung unerwünschter Gefühle zu erhalten. Gerade dann ist Vorsicht geboten. |
Benzodiazepine sollten nur zeitlich begrenzt - etwa zwei bis vier Wochen - verordnet werden. Werden sie über einen längeren Zeitraum eingenommen, tritt eine Gewöhnung ein, das Medikament wirkt nicht mehr so gut wie zu Beginn der Therapie. Wird es dann abgesetzt, treten häufig Entzugserscheinungen auf, die häufig als ein Fortbestehen der Grunderkrankungen fehlinterpretiert werden. Dazu gehören unter anderem Schlafstörungen, Angst, Stimmungsschwankungen Kopfschmerzen und Übelkeit.
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Zur Vermeidung der Entzugserscheinungen entsteht schnell eine Langzeiteinnahme, die auch als Niedrigdosisabhängigkeit bezeichnet wird. Sie erfüllt die Kriterien der Abhängigkeit wie oben beschrieben. Allerdings kommt es wegen der erforderlichen ärztlichen Verordnung nicht zur Dosissteigerung.
Wird die Dosis trotzdem gesteigert (zum Beispiel durch parallele Konsultation mehrerer Hausärzte) tritt eine Abhängigkeitserkrankung auf. Daneben kommt es zu Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, verminderter Leistungsfähigkeit und geringer emotionaler Beteiligung.
Da sich diese Symptome häufig über Monate ausbilden, werden sie nicht unbedingt mit dem Medikamentenmissbrauch in Verbindung gebracht, sondern aufs Alter geschoben oder auch als depressive Verstimmung verkannt. |
MERKE | Alkohol und Benzodiazepine haben eine ähnliche Wirkung. Es findet sich daher häufig eine Abhängigkeit von beiden Substanzen. Bisweilen werden sie von den Patienten gleichzeitig konsumiert. Auch kann eine Entwöhnung von der einen Substanz zur Abhängigkeit von der anderen führen, die Sucht also fortbestehen. |
Z-Drugs
Z-Drugs (Benzodiazepin-Analoga) sind Schlafmittel, die den Benzodiazepinen ähneln. Ihre Wirkstoffnamen beginnen mit dem Buchstaben „Z“, was ihren Namen begründet. Zu den bekanntesten Vertretern gehören die Wirkstoffe Zolpidem (Stilnox®) und Zopiclon (Ximovan®). Wirkung und Folgen einer längeren Einnahme von Z-Drugs entspricht mehr oder weniger denen der Benzodiazepine.
Beschaffungsstrategien der Abhängigen
Als MFA sollten Sie berücksichtigen, dass Patienten, die bereits ein Abhängigkeitsproblem entwickelt haben, oftmals mehrere Ärzte parallel aufsuchen. Sie haben häufig Strategien entwickelt, ihre Verschreibungswünsche wirksam vorzubringen oder greifen auf frei verkäufliche Medikamente zurück. Mitunter werden Medikamente auch über Dritte besorgt, auf dem Schwarzmarkt erworben oder auch Rezepte gefälscht bzw. verändert. Dies erschwert häufig ein adäquates Reagieren auf das Problem der Medikamentenabhängigkeit in der täglichen Praxis.
Was tun?
Medikamentenabhängige stellen jedes Praxisteam vor Herausforderungen. Folgende Strategien helfen Ihnen bei der Versorgung dieser Patientengruppe.
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Weiterführende Hinweise
- Einen Fragebogen zum Selbsttest einer Abhängigkeit von Benzodiazepinen für Patienten finden Sie unter www.lwl.org/klinik_warstein_bilder/pdf/BenzoCheck.pdf
- Die Broschüre „Medikamenteneinnahme: Risiken vermeiden“ zur 4-K-Regel kann bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. angefordert werden unter: info@dhs.de.