· Fachbeitrag · Medizinwissen
Alkohol - vom Genuss in die Sucht
von Dr. med. Marianne Schoppmeyer, Ärztin und Medizinjournalistin, Nordhorn
| Ungefähr 1,3 Millionen Bundesbürger sind alkoholabhängig. Damit wird die wahre Dimension aber unterschätzt. Denn insgesamt trinken acht Millionen Deutsche so viel Alkohol, dass sie ihre Gesundheit damit gefährden. Männer sind dreimal häufiger betroffen als Frauen, allerdings geht man bei Frauen von einer hohen Dunkelziffer aus. Damit ist die Alkoholabhängigkeit eines der Probleme, das Ihnen als MFA in der Hausarztpraxis nahezu tagtäglich begegnet. Daher sollten Sie über ein Grundwissen verfügen, um an der Betreuung alkoholkranker Patienten mitwirken zu können. |
Eine unterschätzte Gefahr
Alkohol ist in Deutschland ein weit verbreitetes Genussmittel und gilt als Teil unserer Kultur. Alkoholkonsum bei Familienfeiern, bei Volksfesten oder Geschäftstreffen ist für viele Menschen Normalität. Auch gehören für viele das Feierabendbier oder ein Glas Wein zum Abendessen zum Alltag, so dass Alkohol kaum als potenziell gefährlich wahrgenommen wird. Alkohol macht jedoch abhängig und birgt viele gesundheitliche Gefahren, die häufig unterschätzt werden. Gerade weil Alkohol so große Akzeptanz erfährt, ist die Gefahr umso größer, unbemerkt vom Genuss in eine Abhängigkeit zu gleiten.
Riskanter Alkoholkonsum
Ein erhöhtes Gesundheitsrisiko liegt vor, wenn Frauen mehr als 12 g Alkohol am Tag und Männer mehr als 24 g Alkohol am Tag konsumieren. Man spricht dann von riskantem Alkoholkonsum. Vereinfachend können Sie sich merken, dass Männer, die täglich mehr als zwei und Frauen, die täglich mehr als ein Glas eines alkoholischen Getränks trinken, ihre Gesundheit gefährden. Zudem sollte an zwei Tagen in der Woche komplett auf Alkohol verzichtet werden. Nicht immer ist einfach zu erkennen, ob ein schädlicher Alkoholkonsum oder bereits eine Alkoholabhängigkeit vorliegt. Wer sich unsicher ist, findet auf einer von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) betriebenen Website einen Alkohol-Selbsttest (siehe weiterführende Hinweise).

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Gesundheitliche Folgen
Alkohol ist ein Zellgift, das an zahlreichen Organsystemen zu schweren Schädigungen führt. Liegen solche Gesundheitsschäden vor, wird von einem schädlichen Alkoholkonsum gesprochen.
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Soziale Folgen
Neben den gesundheitlichen Problemen, sollten auch die sozialen Folgen des Alkoholmissbrauchs keinesfalls unterschätzt werden. In erster Linie führt die Abhängigkeit zu Partnerschafts- und Familienkonflikten, insbesondere Kinder leiden extrem unter dem Alkoholmissbrauch ihrer Eltern. Sie werden vernachlässigt und leben in Angst und Verunsicherung. Häufig müssen sie Aufgaben übernehmen, für die sie viel zu jung sind oder werden Opfer häuslicher Gewalt. Auch Probleme am Arbeitsplatz sind programmiert. Wenn diese den Verlust der Arbeit nach sich ziehen, kommen finanzielle Probleme hinzu. So entsteht schnell ein Teufelskreis aus zusätzlicher psychischer Belastung, die wiederum zu vermehrtem Alkoholkonsum führt, der sich in der Folge wieder negativ auf die familiäre Situation auswirkt.
Was tun?
Patienten, die ihren Alkoholkonsum reduzieren wollen, benötigen Unterstützung und Motivation. Folgende Hinweise können sie Ihren Patienten geben:
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Alkoholabhängigkeit
Die vorigen Hinweise helfen jedoch nur den Patienten, die noch nicht alkoholabhängig sind. Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit. Diese liegt vor, wenn drei oder mehr der folgenden Kriterien im letzten Jahr erfüllt waren:
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Therapie einer Alkoholabhängigkeit
Treffen diese Kriterien auf einen Ihrer Patienten zu, sollte im Gespräch die Krankheitseinsicht des Patienten gefördert werden und es sollte versucht werden, ihn zu einer Therapie zu motivieren. Viele Betroffene verharmlosen jedoch ihren Alkoholkonsum. Es fällt ihnen schwer, sich selbst ihre Sucht einzugestehen, geschweige denn, mit anderen darüber zu sprechen. Für viele Alkoholkranke ist es trotzdem einfacher, ihre Bedenken und Probleme beim Hausarzt während eines Routinebesuchs zu äußern als sich an eine Suchtberatungsstelle zu wenden. Daher sollte die Praxis immer ein Anlaufpunkt sein, wo Abhängige ihre Sucht zur Sprache bringen können.
Welche Hilfsmöglichkeiten angeboten werden, ist von Praxis zu Praxis sehr verschieden. Dies kann ein ambulanter oder stationärer Alkoholentzug sein. Dem kann sich eine Entwöhnungstherapie in einer Fachklinik für Alkoholabhängige anschließen oder je nach Lebenssituation des Betroffenen eine ambulante Entwöhnungsbehandlung. Diese wird häufig von psychosozialen Beratungs- und Behandlungseinrichtungen angeboten.
Erfahrungsgemäß kommt es im ersten Jahr nach dem Entzug am häufigsten zu Rückfällen. Daher ist eine Fortsetzung der Behandlung im Rahmen von Selbsthilfegruppen (siehe weiterführende Hinweise) in diesem Zeitraum besonders wichtig. Die vollständige Entwöhnung ist meist ein Prozess von Jahren oder währt lebenslang. Der regelmäßige Besuch von Selbsthilfegruppen und die Unterstützung durch das Team der Hausarztpraxis sind dabei sehr wichtig.
Weiterführende Hinweise
- Alkohol-Selbsttest der BZgA unter: http://tinyurl.com/3294ell
- Download eines Trinktagebuches unter http://tinyurl.com/nrrr5ep
- Übersicht über Beratungstellen und Selbsthilfegruppen unter: http://tinyurl.com/oejffq3
- Beitrag „Hilfe, meine Kollegin trinkt!“ (PPA 10/2013, Seite 19)