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· Fachbeitrag · Effiziente abhängigkeitsberatung

Aber ehrlich! Kommunikation mit abhängigkeitserkrankten Patienten

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

| Die Praxen niedergelassener Ärzte bilden einen wichtigen Bezugspunkt für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen. Die Patienten begeben sich oft wegen ihrer begleitenden Erkrankungen in diese Form ärztlicher Behandlung. Unter Suchttherapeuten gilt die ambulante Versorgung aber auch als ein wichtiges niederschwelliges Beratungsangebot. |

Kurzes Gespräch - große Wirkung

Nach einer Studie im Großraum Lübeck haben 80 Prozent der alkoholabhängigen Menschen mindestens einmal im Jahr Kontakt zum Hausarzt, praktischen Arzt oder Internisten. Da Kurzinterventionen (problemorientierte Beratungsgespräche, die wenige Minuten dauern) sehr oft eine Verringerung des Konsums bewirken, ist dieser Zugang zu den Betroffenen wichtig. Angemessene Gesprächstechniken, die idealerweise das gesamte behandelnde Team beherrscht, helfen, die Beratung abhängiger Patienten effizienter zu gestalten.

Die innere Einstellung: Aspekte der Gesprächshaltung

Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen sehen sich vielfach unter Druck gesetzt. Im Zuge einer längeren Suchtkarriere haben sie Diskussionen mit Lebenspartnern, Freunden und Arbeitgebern erlebt. Meistens befanden sie sich dabei in einer Verteidigungsposition. Sie haben effektive Strategien entwickelt, mit Vorwürfen umzugehen und sind in Konfrontationen meist die Sieger.

 

Deshalb ist es ratsam, die Entstehung von Konflikten zu vermeiden. Das optimale Werkzeug dafür ist eine innere Einstellung, die dem Betroffenen signalisiert, dass die Begegnung auf Augenhöhe stattfindet und keine Bevormundung zu erwarten ist. Es gilt vor allem, dem Patienten zu vermitteln, dass sein Vertrauen belohnt wird. Dies wird durch folgende Aspekte erreicht.

 

  • Authentizität: Die Patienten erwarten für ihr abhängigkeitsbedingtes Verhalten keinen Beifall. Sie benötigen aber klare Signale, dass die Einschätzung ihres Gesprächspartners objektiv und frei von Vorwürfen ist. Deshalb sind sachliche Formulierungen und Hinweise auf realistische Handlungsoptionen sinnvoll. So können die Patienten sich ein Bild von der Verlässlichkeit ihrer Gesprächspartner machen. Sie erhalten angemessene Informationen und die Bestätigung, dass die Entscheidungshoheit allein bei ihnen liegt.

 

  • Kooperationsbereitschaft. Auch wenn der Grad persönlicher Betroffenheit sich stark unterscheidet, teilen der Patient und sein Gesprächspartner dasselbe Problem. Deshalb ist es wichtig, klares Interesse an einem positiven Ausgang zu vermitteln und dafür gemeinsame Strategien entwickeln zu wollen. Auf diese Weise entsteht die Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

 

  • Verständnis. Die Erkrankung des Patienten und sein Umgang mit ihr haben gewichtige Gründe. Im Alltag erlebt der Patient, dass der Eindruck der Folgen seiner Abhängigkeit meist die vorurteilsfreie Sicht auf seine Handlungsmotive trübt. Klar geäußertes Verständnis für seine Situation vermittelt ihm Wertschätzung.

 

  • Zielorientierung. Menschen brauchen Grenzen, an denen sie ihre Entscheidungen ausrichten. Es hilft abhängigen Patienten, wenn sie die nächsten Behandlungsschritte sowie deren Ziele kennen und an der Planung beteiligt sind. Um den Prozess übersichtlicher zu gestalten und Überforderung zu vermeiden, ist es sinnvoll, ihn in Schritte zu teilen und offen zu besprechen, ob diese umsetzbar sind. Wichtig ist, an dieser Stelle die Eigenverantwortung des Patienten zu betonen.

 

  • Kompetenzbewusstsein. Patienten entwickeln rasch ein gutes Gespür dafür, ob ihre Gesprächspartner sich auf sicherem Terrain bewegen oder Fähigkeiten vorgeben, über die sie nicht verfügen. Der quälende Spalt zwischen Realität und Schein ist schließlich ein Merkmal ihrer Krankheit. Der klare Hinweis darauf, dass sie zur Klärung spezifischer Fragen bei anderen Experten besser aufgehoben sind, fördert deshalb das Vertrauen. Außerdem gibt es ein gutes Vorbild ab.

Die äußere Wirkung: Aspekte der Gesprächsführung

Die Behandlung von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen ist nicht immer auf Abstinenz gerichtet. Deshalb sollte sich auch das Behandlungsteam auf Rückschläge einstellen und sie als natürlichen Bestandteil des Prozesses akzeptieren. Ziele, die den Misserfolg grundsätzlich berücksichtigen, fördern eine dauerhafte therapeutische Beziehung. Es geht immer um die Frage, was der Patient aus seiner aktuellen Position erreichen kann. Wenn er auf eine frühere Ebene zurückfällt, soll sich die Aufmerksamkeit direkt auf die Formulierung neuer Optionen richten. Es geht also darum, dem Patienten zu vermitteln, dass er zu jeder Zeit über Handlungsmöglichkeiten verfügt und dass sein Weg stets nach vorn gerichtet ist. Enttäuschung über vertane Chancen bietet keine Perspektiven und kommt daher im Beratungsgespräch nicht vor.

 

 

 

© GIS - Fotolia.com

 

  • Professionelle Gesprächsführung mit abhängigen Patienten

Professionelle Gesprächspartner 

  • bekunden echtes Interesse an dem Befinden und der künftigen Entwicklung,
  • signalisieren Achtung vor Leistungen und Fähigkeiten,
  • transportieren ihre Wahrnehmung und ihre eigene Einstellung, ohne sie als alternativlos darzustellen,
  • vermitteln sachgerechte Informationen, ohne dabei eine Auswahl zu treffen, die ihren eigenen Interessen nützt bzw. ihre persönlichen Ansichten untermauert,
  • erforschen die Bedürfnisse, Absichten und Hindernisse und machen diese zur Grundlage gemeinsam zu erarbeitender Ziele,
  • stellen Grenzen der Kooperation und Konsequenzen von Handlungen objektiv dar, ohne sie mit Drohungen zu verbinden,
  • nehmen sich für Unterhaltungen angemessene Zeit und gestalten die Atmosphäre störungsfrei und
  • wahren die Intimsphäre (keine weiterführenden Gespräche über die Theke in Anwesenheit Dritter).
 

Grundlagen der Motivierenden Gesprächsführung

Die Motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing, MI) ist eine Gesprächstechnik, die in den 1990er Jahren von den englischsprachigen Psychologen William Miller und Stephen Rollnick zur Beratung von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen entwickelt wurde. Inzwischen wurde die therapeutische Wirksamkeit wissenschaftlich belegt und die Technik hat sich weit verbreitet. Mitglieder aller Berufsgruppen im Gesundheitswesen können so die Wirksamkeit ihrer Interventionen erhöhen. Obwohl eine umfassende Anwendung des MI intensive Schulungen voraussetzt, profitieren Ärzte und MFA schon davon, die wesentlichen Prinzipien des MI zu berücksichtigen.

 

  • Strategien des Motivational Interviewing (MI)
  • Empathie zeigen. Damit ist nicht ein diffuses Mitgefühl gemeint, sondern die ernsthafte Anstrengung, das Problem aus Patientensicht zu betrachten.
  • Diskrepanz erzeugen. Im Gespräch vermittelt der professionelle Gesprächspartner dem Patienten das Empfinden für den Widerspruch zwischen seinen Handlungen und seinen Zielen. Er verdeutlicht also, dass der Erkrankte gegen sein eigenes Interesse handelt, ohne dabei als urteilende Instanz aufzutreten.
  • Widerstand nachgiebig begegnen. Das Bewusstsein dafür, dass Ausflüchte und die Weigerung, Realität anzuerkennen, ein integraler Bestandteil des Prozesses sind, in dem der Patient sich befindet, macht es dem professionellen Gesprächspartner möglich, sie unbewertet zu lassen. Stattdessen spiegelt er entsprechende Aussagen, indem er sie mit eigenen Worten wiederholt. So vermeidet er Konfrontation und führt den Patienten zu sich selbst zurück.
  • Selbstwirksamkeit stärken. Bezeichnet alle Beiträge des Beraters, die den Patienten in der Gewissheit bestärken, dass er seine Ziele erreichen kann.
 

Weiterführende Hinweise

  • Frick, Katrin Michèle; Brueck, Rigo: Kurzinterventionen mit Motivierender Gesprächsführung. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln, 2010.
Quelle: Ausgabe 02 / 2014 | Seite 12 | ID 42478516