21.12.2010 | Selbstpflege
Träume sind keine Schäume - wie Sie mit Imaginationen Stress abbauen können
von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau
Das Vor-sich-hin-Träumen von schönen Dingen gilt gemeinhin als unreif, als Flucht vor der Realität. Deshalb haben viele Menschen ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich dem Tagträumen hingeben. Schade! Denn Träumen ist nicht schädlich, es kann sogar helfen, Stress abzubauen. Lesen Sie in „Praxisteam professionell“, wie Sie Ihren Herzenswünschen den gebührenden Platz einräumen.
Gestatten Sie sich Träume
Unter dem Begriff „Imaginationen“ haben innere Bilder schon längst Einzug in die Psychotherapie gehalten. Ob tiefenpsychologische Therapie, Verhaltenstherapie oder eine andere Therapierichtung: Vorstellungsbilder werden gezielt eingesetzt, weil sie heilsam sind.
Träume entspannen
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einem warmen Tag auf der Terrasse, die Sonne scheint auf Sie, es weht ein zarter, leichter Wind. Sie schließen Ihre Augen und sehen einen Strand mit Palmen, davor erstreckt sich das Meer. Glasklares Wasser lädt Sie ein, einzutauchen. Sie gehen in das Wasser hinein, spüren das wohltuende, sanft kühlende Wasser an Ihrer Haut. Wer Sie jetzt von außen sieht, wird wahrscheinlich ein Lächeln in Ihrem Gesicht vernehmen. Sie sind entspannt, Ihr Körper und Geist kommen zur Ruhe.
Wenn Sie sich aber von Ihrem Strandtraum lösen und sich sagen, „Ich träume schon wieder“, „Das wird doch nie wahr“ oder Ähnliches, machen Sie die positive Wirkung der Imagination zunichte. Schöne innere Bilder, das vorgestellte Erleben von nicht vorhandenen Dingen schaden nicht, sondern sie tun gut. Freuen Sie sich, dass Sie Träume haben und sich an etwas erfreuen können. Und spekulieren Sie nicht mit der Zukunft. Sie können heute nicht wissen, was morgen vielleicht möglich ist.
Träume mindern Angst
Tiefe Entspannung bedeutet immer auch Angstfreiheit. So können Träume oder Vorstellungsbilder ebenso gezielt zur Angstreduktion genutzt werden.
In einer Traumatherapie zum Beispiel stellt sich der Patient, der immer wieder Angstzustände erlebt, einen „inneren sicheren Ort“ vor. Er malt ihn sich konkret aus, so, wie er für ihn passend ist. Etwa so: Der Ort ist ein heller großer Raum. Darin befindet sich in einer Ecke eine Liege mit einer Decke und einem Kissen. Der Raum ist angenehm klimatisiert; es herrschen warme Farben vor. Nur der Patient hat den Schlüssel zu diesem Raum. Immer wenn er sich nicht stabil fühlt, wenn seine traumatischen Erlebnisse hochkommen, stellt er sich vor, in diesen Raum zu gehen. Er schafft sich Sicherheit.
Träume kurbeln Kreativität an
Sie träumen von einem Haus, das alle Ihre Wünsche erfüllt? Denken Sie nicht, sie seien undankbar und hingen dem Luxus nach. Wenn Sie sich Ihr Haus ausmalen, dann sind Sie kreativ tätig, und Kreativität ist heilsam. Es ist nicht unmoralisch, sich viel zu wünschen. Es wäre unmoralisch, wenn Sie zum Erreichen Ihrer Wünsche über Leichen gingen.
Genießen Sie also Ihre Träume, malen Sie sich Ihr Haus, Ihre Weltreise, Ihre Wellnesswoche genau aus. Bei dem Beispiel Haus können Sie Ihr Traumhaus auch zeichnen. Wie groß soll das Haus sein, wo befindet sich welcher Raum? Alles soll so sein, dass das Haus Ihre Bedürfnisse befriedigt.
Träume geben Ziele vor
Welches Ziel konnte schon erreicht werden, ohne dass es visualisiert wurde? Ohne innere Bilder gäbe es keine Problemlösungen und keine Entwicklung.
Innere Bilder zeigen uns, welche Bedürfnisse wir haben. Wenn Sie zum Beispiel in der Stadt wohnen: Haben Sie öfter das Bild, auf einem idyllischen Dorf zu leben? Vielleicht zeigt Ihnen das an, dass Sie genug von der Hektik und vom Lärm in Ihrer Umgebung haben. Prüfen Sie, ob Sie wirklich ein Bedürfnis nach dem Landleben haben. Das wäre dann ein heilsames Ziel für Sie. Oder Sie haben eine Familie und stellen fest, dass Sie gehäuft vom Alleinsein träumen. Dann sollten Sie sich ein paar Tage Urlaub von Kind und Kegel nehmen.
Träume zeigen Ressourcen auf und wirken als Übung
Unsere Handlungen in unseren Tagträumen sind vorweggenommene Handlungen. Sie sind zum Beispiel auf jemanden richtig wütend und träumen davon, ihm einmal gehörig die Meinung zu sagen. Alles, was Sie sagen möchten, kommt wie selbstverständlich aus Ihnen heraus. Die Tatsache, dass Sie das in Ihrer Vorstellung tun, zeigt bereits, dass Sie die Fähigkeit dazu grundsätzlich haben.
Dass Sie die Vorstellung nicht in die Tat umsetzen, könnte daran liegen, dass Sie dabei Demotivierendes denken, etwa: „Aber das traue ich mich ja nicht. Ich bin so ein Angsthase“. Verzichten Sie auf solche entmutigende Selbstgespräche. Machen Sie sich klar, dass Ihre Vorstellungen Ihre Fähigkeiten anzeigen und zugleich als Übung wirken. Malen Sie sich gezielt die Dinge aus, die Sie sich nicht zutrauen und die Sie bewältigen möchten.
Wie Sie mit Imaginationen Stress abbauen können
Mit Imaginationen können Sie sehr einfach Stress abbauen. Probieren Sie die folgenden Möglichkeiten einmal selbst aus!
Träumen, wie die Träume kommen
Zunächst einmal sollten Sie sich nicht daran hindern, wenn Ihnen im Alltag wohltuende Traumbilder hochkommen. Erinnern Sie sich daran, dass sie Ihnen Freude bereiten und Sie entspannen. Sie dürfen auch sehr unrealistische Träume haben. Schämen Sie sich auch nicht für „kitschige“ Träume, wie etwa, dass Sie eine Prinzessin wären. Nehmen Sie sich mit Ihren Bedürfnissen ernst.
Beachten Sie: Tagträumen ist natürlich dann nicht heilsam, wenn Sie nur noch darin verweilen. Selbstverständlich sollen Sie Ihren alltäglichen Pflichten nachkommen und am normalen Leben teilnehmen. Wenn Sie bemerken, dass Sie vor lauter Träumen Beruf und Privatleben vernachlässigen, dann flüchten Sie aus der Realität. Sie sind dann mit Ihrem Leben sehr unzufrieden. In dem Fall sollten Sie eine therapeutische Begleitung anstreben.
Einmal die Woche tiefe Entspannung
Auf dem Markt gibt es zahlreiche CD-Angebote mit begleiteten Phantasiereisen. Darin sind die Bilder vorgegeben. Sie können sich eine für Sie passende Phantasiereise aussuchen. Noch besser ist es, eine Meditationsmusik ohne Begleitung zu besorgen. Wählen Sie diejenige sanfte Musik aus, die Sie am besten entspannt. Wasserplätschern bedeutet für die einen die größtmögliche Entspannung, für die anderen ist es ein Störfaktor.
Dann überlegen Sie sich und fühlen nach, welche Umgebung Ihnen am meisten gut tut. Sind es die Berge, ist es eine Blumenwiese oder das Meer? Was tun Sie am liebsten? Atmen die frische Luft tief ein, lassen Ihre Haut von der Sonne berühren oder den Wind durch Ihre Haare gehen? Liegen Sie auf dem Boden oder gehen Sie barfuß auf einem Weg? Malen Sie sich Ihre Entspannungsbilder ganz konkret aus.
Nehmen Sie sich einmal die Woche 30 bis 60 Minuten Zeit für sich allein, sorgen Sie dafür, dass Sie nicht gestört werden, und machen Sie Ihre individuelle Phantasiereise.
Mini-Traum bei akutem Stress
Auch das Träumen, das nur ein paar Minuten dauert, kann wirksam sein. Wenn in der Praxis das totale Chaos ausbricht und Sie in enormen Stress geraten, ziehen Sie sich für drei, vier Minuten zurück. Sie wissen jetzt, welche inneren Bilder Sie am meisten entspannen. Wenn es das tiefe Einatmen der frischen Luft in den Alpen ist, dann stellen Sie sich das gezielt vor. Sehen Sie die Berge vor sich und fühlen sich auf dem Berg stehend, atmen Sie die Luft tief ein und aus. Und kehren nach diesem Mini-Abstand an Ihre Arbeit zurück.