28.03.2011 | Arbeitszufriedenheit
Finden Sie eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit - die Work-life-Balance
von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau
Will man Wohlbefinden und Lebensqualität, ist es unabdingbar, ein Gleichgewicht von Arbeit und Freizeit zu schaffen. Ist das Verhältnis dieser Lebensbereiche unausgewogen, drohen Depressionen und Burn-out. Sorgen Sie also für eine gute Work-life-Balance. Setzen Sie hierfür sowohl auf der individuellen Ebene als auch auf der Ebene der Arbeit an - „Praxisteam professionell“ zeigt Ihnen, wie es geht!
Was ist Work-life-Balance?
Unter Work-life-Balance wird ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit verstanden. Was genau mit „Freizeit“ gemeint ist, ist aber nicht immer definiert. Oft wird darunter auch die Zeit verstanden, in der man privaten Verpflichtungen nachgeht wie etwa dem Einkaufen. Da es jedoch beim Thema „Work-Life-Balance“ um Wohlbefinden geht, sollte man idealerweise von einem Gleichgewicht zwischen Arbeit und „pflichtfreier Zeit“ sprechen.
Wenn man Work-life-Balance auf diese Weise definiert, bedeutet das, dass man sich neben der Arbeit auch Zeit nimmt, sich von der Arbeit auszuruhen und sich um sich selbst zu kümmern. Das ist das Faulenzen auf der Couch, der Yoga-Kurs am Abend oder das Essengehen mit Freunden.
Das Work-life-Balance-Modell
Integrieren Sie alle Lebensbereiche in einem für Sie befriedigenden Maß! | |||
Arbeit: Pflichten | Freizeit: pflichtfreie Zeit | ||
Erwerbsarbeit; Aus- und Fortbildungen; alle weiteren Tätigkeiten, die der Karriere dienen | Private Pflichten: zum Beispiel Einkaufen, Hausaufgaben mit dem Kind, Vereinspflichten etc. | Familiäres und gesellschaftliches Leben: alle Freude bereitenden Aktivitäten mit anderen Menschen, zum Beispiel Shopping mit der Schwester, etc. | Zeit für sich selbst: zum Beispiel Malen, Ausruhen, zur Kosmetikerin gehen, Yoga machen, in sich kehren etc. |
Die Regel ist heute eher, dass dem Menschen für sich selbst wenig Raum bleibt. In Zeiten von Personalabbau muss der Einzelne mehr arbeiten, er kommt erschöpft von der Arbeit nach Hause und hat keine Reserven mehr, Dinge zu tun, die Freude machen. Sie und Ihre Praxis können dem entgegenwirken. Auf der individuellen Ebene lernen Sie, behutsamer mit sich umzugehen, auf der Ebene der Arbeit bemühen Sie sich im Team um Arbeitsbedingungen, die dem Work-life-Balance aller dienlich sind.
Individuelle Ebene: Was kann ich für meine Work-life-Balance tun?
Zunächst sollten Sie darüber nachdenken, wie es um Ihre Balance zwischen Arbeit und Freizeit steht. Ohne ein Problembewusstsein werden Sie auch kein Problem bewältigen können. Folgende Fragen können Ihnen dabei helfen:
- Geht es in letzter Zeit immer nur um die Arbeit?
- Klage ich seit Längerem darüber, dass ich abends nach der Arbeit völlig erschöpft bin?
- Klage ich seit Längerem, dass ich kaum noch Zeit und/oder Energien für mich selbst habe?
- Vermisse ich es, etwas für mich zu unternehmen, Dinge zu tun, die mir Freude machen?
- Erlebe ich zunehmend Müdigkeit, Schlappheit und Interesselosigkeit gegenüber allem?
Wenn bei Ihren Überlegungen herauskommt, dass Sie eine bessere Balance brauchen, gehen Sie zum nächsten Schritt über: Überlegen Sie, welche Tätigkeiten Ihnen Freude machen. Notieren Sie erst alle Tätigkeiten untereinander, die Ihnen spontan einfallen. Es spielt erst einmal keine Rolle, ob sie realistisch sind. Allein der Gedanke an etwas Schönes ist ein kreativer Akt und ist wohltuend.
Erst im nächsten Schritt sondieren Sie die realistischen Tätigkeiten. Streichen Sie von der Liste diejenigen, die Sie zurzeit nicht realisieren können. Welche Tätigkeiten bleiben übrig? Beginnen Sie mit einer dieser Tätigkeiten. Wenn Sie zum Beispiel feststellen, dass Sie schon lange nicht mehr Bilder malen, was Sie früher gern taten, dann geben Sie sich einen Ruck und holen Sie die Materialien aus dem Schrank. Oft ist es so, dass die Energien und der Spaß an der Sache zurückkehren, wenn man einmal den inneren Schweinehund überwunden hat.
Tappen Sie nicht in die Falle „Freizeitstress“!
Viele Menschen glauben, sich etwas Gutes zu tun, wenn sie möglichst vielen Freizeitaktivitäten nachgehen. Wenn man aber jeden Abend zu einem Kurs geht, in vier Vereinen aktiv ist und am Wochenende noch Kulturreisen macht, dann gerät man in Freizeitstress. Finden Sie das Mittelmaß. Gönnen Sie sich anregende Tätigkeiten, aber ebenso das Ausruhen und die Selbstbesinnung.
Wenn Sie von Natur aus ein Mensch sind, der vor Energien sprüht und sich bewegen muss, dann fällt Ihnen die schwierige Aufgabe zu, zu unterscheiden, welches Maß noch gesund ist und welches nicht. Seien Sie ehrlich zu sich und fragen Sie sich, ob Ihnen Ihr Freizeitverhalten Wohlbefinden und Entspannung bereitet. Wenn ja, dann ist Ihre Aktivität in Ordnung.
Delegieren Sie unliebsame Verpflichtungen
Erhöhen Sie nicht nur die Tätigkeiten, die Ihnen gut tun, sondern minimieren Sie auch private Pflichten, die für Sie besonders anstrengend sind. Gehören Sie zum Beispiel zu den Menschen, die das Einkaufen hassen? Dann schauen Sie, ob das jemand anderes aus der Familie übernehmen kann. Falls nicht: Eine wöchentliche Bio-Kiste mit den wichtigsten Lebensmitteln, die Ihnen geliefert wird, wird Sie enorm entlasten. Es kostet Sie zwar etwas mehr Geld, aber Sie schonen Ihre Reserven, die Sie gerade fürs Geldverdienen dringend benötigen.
Merke!
Ob es das Einkaufen oder etwas anderes ist: Sie müssen nicht Ihr Leben lang eine Tätigkeit ausführen, die Ihnen verhasst ist. Unterschätzen Sie dabei die psychische Wirkung nicht. Was wir gern tun, erscheint nicht wie eine Pflicht, umgekehrt belastet eine unliebsame Arbeit um ein Mehrfaches. |
Leben Sie gesund
Zu einer Work-life-Balance gehört auch eine gesunde Lebensführung. Man kann die Rolle der Bewegung gar nicht genug betonen. Bewegung ist nicht nur körperlich gesund, sondern wirkt auch antidepressiv. Machen Sie aus dem Sport wiederum keinen Hochleistungssport. Das führt wieder in den Stress.
Achten Sie ebenso auf gute Ernährung. Unser Körper benötigt Vitalstoffe, die Sie in frischem Obst und Gemüse finden. Und auch hier gilt: Sünden sind erlaubt; verboten ist, die Ernährung zu einer Stressquelle zu machen.
Schaffen Sie auch eine Balance während der Arbeit
Besonders während der Arbeit sollten Sie auf das Einhalten der Mittagspause achten und zwischendurch auch kurze Pausen einlegen.
Gibt es Konflikte unter Kolleginnen? Sprechen Sie die Probleme an und bemühen Sie sich um Problemlösung. Alles, was in Ihnen nagt, zehrt ungemein an Ihren Kräften. Um so schwerer werden Sie nach der Arbeit abschalten können.
Bemerken Sie auch Konflikte in sich? Fühlen Sie sich zum Beispiel nicht kompetent genug oder haben oft Angst vor Fehlern? Dann eignen Sie sich eine schonendere Haltung sich selbst gegenüber an. Nehmen Sie alles nicht furchtbar wichtig; konzentrieren Sie sich vielmehr auf die wirklich wichtigen Tätigkeiten, bei denen keine Fehler passieren dürfen.
Organisationsebene: Was können wir im Team für eine Work-life-Balance tun?
In erster Linie sollten alle Arbeitsbedingungen, die unweigerlich zu Stress führen, abgeschafft oder zumindest minimiert werden. Gehen Sie einmal folgende Punkte durch. Welche treffen auf Ihre Praxis zu? Im nächsten Schritt gehen Sie diese Schwachstellen gezielt an:
- Verfügen wir über ein gutes Zeitmanagement? Verschwenden wir Zeit mit doppelten oder sinnlosen Tätigkeiten?
- Wird darauf geachtet, dass Pausen wirklich zum Ausruhen genutzt werden?
- Können wir weitgehend auf Überstunden verzichten?
- Können wir hektische Tage durch darauf folgende stressfreiere Tage ausgleichen?
- Haben wir einen Raum dafür, Konflikte im Team frei anzusprechen, ohne dadurch Nachteile befürchten zu müssen?
Flexibel auf Mitarbeiterinnenbedürfnisse eingehen
Ihre Praxisleitung sollte - sofern machbar - flexibel auf die Lebensbedingungen der Mitarbeiterinnen reagieren. Einer Kollegin, die eine pflegebedürftige Mutter hat, könnte zum Beispiel gestattet werden, zu solchen Arbeitszeiten zu arbeiten, die sich mit der Pflege besser koordinieren lassen. Solche Rücksichtnahme funktioniert natürlich nur in Abstimmung mit dem gesamten Team - denn viele Kolleginnen werden vielleicht Probleme haben, Termine und Arbeitszeiten unter einen Hut zu bringen. Aber vielleicht ergibt sich im Gespräch, dass die Arbeitszeitwünsche zweier Kolleginnen sich perfekt ergänzen - sprechen Sie bei der nächsten Teamsitzung darüber!
Work-life-Balance als Erfolgsfaktor der Praxis
Machen Sie sich als Praxisleitung und/oder leitende MFA bewusst, dass das Schaffen von gesunden Arbeitsbedingungen nicht nur Verantwortung gegenüber den Mitarbeiterinnen bedeutet, sondern auch einen Wirtschaftsfaktor für Ihre Praxis darstellt. Gesunde Mitarbeiterinnen sind letztlich leistungsfähiger und fühlen sich motivierter. Die Qualität der Arbeit steigt und Fehlzeiten verringern sich. In Praxen, in denen die Work-life-Balance berücksichtigt wird, ist auch die Identifikation der Mitarbeiterinnen mit der Praxis stärker. Und dies wirkt sich in der Regel direkt auf die Praxisumsätze aus!
Weiterführende Hinweise
- Wie steht es mit Ihrer Arbeitszufriedenheit? („Praxisteam professionell“ - PPA - Nr. 10/2010, S. 6)
- Träume sind keine Schäume - wie Sie mit Imaginationen Stress abbauen können („Praxisteam professionell“ - PPA - 1/2011, S. 18)
- Was tun, wenn private Sorgen die Arbeit behindern? („Praxisteam professionell“ - PPA - Nr. 6/2009, S. 15)