27.05.2008 | Praxisorganisation
Im Notfall richtig reagieren
Alle Mitglieder eines Praxisteams sollten sich stets darüber im Klaren sein, dass es auch in der Praxis zu Notfallsituationen kommen kann: Einem Patienten wird plötzlich unwohl, es kommt zu Atemnot und Schwindel – der Patient bricht zusammen. Jetzt ist es die selbstverständliche Pflicht des Teams, optimale Hilfe zu leisten.
ABC-Regel wurde abgelöst
Jahrzehntelang wurde in den Ersthelfer-Kursen die ABC-Regel vermittelt. Neuere Studien haben jedoch gezeigt, dass die Regeln einerseits zu kompliziert waren und andererseits nicht die optimale Hilfestellung gewährleisteten.
Herzunterstützung ist entscheidend
Mehrere Studien haben zweifelsfrei gezeigt, dass es die Überlebens-chancen erwachsener Menschen, die von einem kardiopulmonalen Versagen betroffen sind, deutlich erhöht, wenn Ersthelfer zunächst 30-mal Herzdruckmassage ausführen, bevor sie zwei Atemspenden verabreichen. Damit hat die ABC-Regel keinen Sinn mehr, denn das „C“ ist vor das „B“ gerutscht.
Neuerungen auf einen Blick
Die Reanimation beginnt stets mit 30 Thoraxkompressionen. Es ist nicht mehr empfohlen, mit der Atemspende zu beginnen.
- Die kardiopulmonale Reanimation beginnt sofort, nachdem der Ersthelfer erkannt hat, dass die betroffene Person nicht ansprechbar ist und keine Atemfunktion aufweist. Dazu ist ausnahmslos jeder Betroffene auf den Rücken zu lagern (ohne Berücksichtigung etwaiger Wirbelsäulenverletzungen). Es ist nicht mehr empfohlen, die Kreislauffunktion zu kontrollieren, da selbst das Tasten des Pulses über der A. carotis unzuverlässige Ergebnisse bringt. Der Esmarch-Handgriff ist kein Bestandteil der Ersthelferkurse mehr, da seine Anwendung schwierig zu erlernen ist und ungeübte Anwender sehr leicht ungewollte Bewegungen der Wirbelsäule verursachen.
- Der Druckpunkt für die Thoraxkompression befindet sich in der Mitte des Sternums (Brustbein). Ersthelfer drücken den Brustkorb unbedingt vier bis fünf Zentimeter tief ein. Es ist nicht mehr empfohlen, die Länge des Sternums abzuschätzen und den Druckpunkt auf der unteren Hälfte des Sternums erst umständlich zu suchen.
- Der Ersthelfer verabreicht die Atemspende innerhalb einer Sekunde und beobachtet dabei die Bewegungen des Brustkorbs. Die Menge der eingeblasenen Luft sollte so groß sein, dass sich der Brustkorb deutlich hebt. Zu hastige oder zu kräftige Atemspenden sind zu vermeiden. Nach zwei Beatmungsversuchen beginnen die Thoraxkompressionen erneut – unabhängig davon, ob die Atemspende erfolgreich war. Es ist nicht mehr empfohlen, den Atemzug zwei Sekunden dauern zu lassen. Ein dritter Beatmungsversuch erfolgt vor den Kompressionen nicht.
- Das Verhältnis von Thoraxkompressionen zu Atemspenden beträgt 30 : 2. Ersthelfer verzichten auf eine Effektivitätskontrolle durch Tasten der Pulswelle über den Aa. carotis oder femoralis. Es ist nicht mehr empfohlen, auf 2 Atemspenden 15 Kompressionen folgen zu lassen. Die Ersthelfer streben eine Kompressionsfrequenz von 100/Min. an, sodass wegen der Beatmungspausen ein effektiver Puls von etwa 80/Min. entsteht. Aufgrund der körperlichen Belastung durch die Thoraxkompression lässt es geraten erscheinen, dass die Helfer (sofern mindestens zwei verfügbar sind) ihre Positionen alle ein bis zwei Minuten tauschen, um Ermüdung zu vermeiden. Der Wechsel sollte keine Unterbrechung der Reanimation verursachen, da selbst Pausen von mehr als 15 Sekunden die Überlebenschancen des Betroffenen erheblich verringern.
Nach der aktuellen Leitlinie hat die Gabe von Medikamenten gegenüber der kardiopulmonalen Reanimation an Gewicht verloren. Das fortlaufende Schema von Thoraxkompressionen und Atemspenden ist keinesfalls für die ungestörte Applikation von Arzneimitteln zu unterbrechen. Auch die Wertigkeit der Zugänge hat sich verändert. Sofern ein intravenöser Zugang sich nicht anlegen lässt, genießt die intraossäre Applikation (in den Knochen; vorzugsweise Tibia, Femur oder Humerus) deutlichen Vorrang vor der Medikamentengabe über die Trachea.
Neue Regeln bei der Defibrillation
Zur Anwendung des Defibrillators gelten ebenfalls neue Regeln. Der Elektroschock hatte früher Vorrang vor allen anderen Wiederbelebungsmaßnahmen. Studien haben jedoch gezeigt, dass eine kontinuierlich aufrecht erhaltene kardiopulmonale Reanimation die Überlebenschancen der Betroffenen erhöhen kann, sofern bis zur Verfügbarkeit eines Defibrillators (gelangt überwiegend mit professionellen Rettungsteams an den Ort des Notfalls) mehr als fünf Minuten verstreichen. Liegt eine Herzaktion vor, die den Elektroschock indiziert, erfolgt ein Defibrillationsversuch mit 150 – 360 Joule biphasisch oder 360 Joule monophasisch. Danach setzen die Helfer ohne vorherige Kontrolle von Atmung oder Kreislauf die Reanimationsbemühungen im Verhältnis von 30 Thoraxkompressionen zu 2 Atemspenden fort.
Reanimation von Kindern
Laien wird empfohlen, auch bei Kindern den Algorithmus von Erwachsenen (30 Thoraxkompressionen : 2 Atemspenden) anzuwenden. Für Fachpersonal gelten andere Vorschriften:
- Nach Feststellung, dass die Atmung ausgefallen ist, beginnt die Reanimation mit fünf Atemspenden. Dauer jeweils 1 bis 1,5 Sekunden.
- Ist das Kind weiterhin bewusstlos: kontinuierlich 15 Thoraxkompressionen und 2 Atemspenden im Wechsel ausführen (Einhelfer-Methode in diesem Fall 30 : 2).
Die früher gültige Altersgrenze von acht Jahren hat keine Relevanz mehr. Die Helfer entscheiden, ob sie ein Kind vor sich haben oder eher einen Jugendlichen, für den das Erwachsenen-Schema angemessen ist. Der Einsatz von automatischen externen Defibrillatoren ist bei Kindern möglich, die älter als ein Jahr sind. Sofern das Kind jünger als acht Jahre ist, bevorzugen Ersthelfer die Verwendung von kindgerechtem Equipment. Steht es nicht zur Verfügung, setzen sie die Geräte für Erwachsene ein.
Praxistipps
An Arztpraxen richtet sich – zumindest wegen ihrer personellen Ausstattung – ein hoher Anspruch an die Professionalität im Umgang mit lebensbedrohlichen Zwischenfällen. Um dieser (berechtigten) Erwartung entsprechen zu können, sollten die Mitglieder des Teams Folgendes beachten:
- Regelmäßig (mindestens einmal jährlich) ihre praktischen Fertigkeiten in Notfallsituationen trainieren und auch das theoretische Wissen auffrischen. Viele Träger der Wohlfahrtspflege bieten entsprechende Kurse an. Inzwischen haben sich auch privatwirtschaftliche Schulungsunternehmen etabliert.
- Innerhalb des Teams sollte die notwendige Handlungskaskade genau besprochen sein und jeder Beteiligte exakt wissen, welche Rolle er zu welchem Zeitpunkt zu übernehmen hat. Dies ist erleichtert durch die Standardisierbarkeit des Notfallmanagements.
- Von großer Bedeutung ist die regelmäßige Kontrolle der Gerätschaften, die für Notfälle zur Verfügung stehen. Masken, Beatmungsbeutel, ggf. Defibrillator sowie das Applikations- instrumentarium müssen stets funktionstüchtig sein. Notfall- medikamente sind regelmäßig auf Haltbarkeit zu überprüfen. Es empfiehlt sich, für diese Aufgabe entweder einen Verantwortlichen zu benennen oder einen festen Überprüfungsrhythmus zu installieren.
- Das Notfallschema (siehe Grafik unter weitere Dokumente) sollte an einer gut zugänglichen Stelle ausgehängt werden, damit sich die Beteiligten, sofern sie nicht ausreichend geschult sind, ohne großen Aufwand orientieren können.