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· Fachbeitrag · Kardiopulmonale Reanimation

Anwendung von Defibrillatoren bei Notfällen

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

| Störungen des Herz-Kreislauf-Systems gehören zu den häufigsten Ursachen lebensbedrohlicher Notfälle. In diesen Situationen besteht für die Betroffenen unmittelbare Lebensgefahr, die nur durch eine rasch eingeleitete Wiederbelebung zu beheben ist. Neben der Herzdruckmassage kommt der Defibrillation größte Bedeutung zu. Für die Anwendung durch Laien stehen vielerorts automatisierte externe Defibrillatoren (AED) bereit. |

Warum AED?

„Praxisteam professionell“ hat in Ausgabe 4/2011 die Herzdruckmassage als wichtigstes Element der Basis-Notfallmaßnahmen beschrieben. Die Defibrillation ist in der Literatur ganz überwiegend als erweiterte Maßnahme genannt und nimmt darin einen zentralen Platz ein. Die Bundesärztekammer rechnet allerdings den Einsatz von automatisierten externen Defibrillatoren (kurz: AED, im Bild oben) noch zu den Basismaßnahmen und berücksichtigt dabei, dass erweiterte Maßnahmen ausschließlich von medizinisch geschulten Ersthelfern zu erbringen sind, während der Einsatz eines AED auch durch Laien möglich (und erwünscht) ist.

Wirkung der Defibrillation

Der Begriff „Herzstillstand“ bezeichnet in den ersten Minuten einer Situation, in der ein Mensch reanimationspflichtig wird, meist nicht den vollständigen Ausfall der Herzfunktionen. In mehr als 80 Prozent der Fälle lassen sich mit einem EKG unmittelbar nach dem Ereignis sehr rasche und unkoordiniert verlaufende Erregungen des Herzmuskels ableiten. Diese - überwiegend von der Kammermuskulatur ausgehenden - Aktionen unterbrechen die Pumpfunktion des Herzens. Das heißt, das Herz ist nicht in der Lage, genügend Blut in den Kreislauf auszuwerfen und deshalb entsteht keine Pulswelle.

 

In einer solchen Situation des funktionalen Herzstillstands ist es möglich, die ungerichtete Erregungsleitung mit einem gezielten Stromstoß zu unterbrechen und das Herz auf diese Weise in den gewohnten Ablauf zurückzubringen. Die Defibrillation führt zu einer gleichzeitigen Verringerung der negativen elektrischen Potenziale der Zellen (Depolarisation). Die reaktiv folgende Repolarisation, also der erneute Aufbau der elektrischen Potenziale, versetzt den Sinusknoten (Ausgangspunkt der physiologischen Herzerregung) in den Stand, seine eigentliche Aufgabe wieder zu übernehmen.

 

Damit dieses Manöver gelingt, muss der Stromreiz des Defibrillators mindestens 75 Prozent der Herzmuskelzellen erreichen. Dies lässt sich durch die korrekte Platzierung der Defibrillations-Elektroden auf dem Brustkorb des Betroffenen sicherstellen. Darüber hinaus muss der Herzmuskel ausreichend mit Sauerstoff versorgt sein. Dafür ist eine effektive Herzdruckmassage erforderlich.

  • Durchführung der AED
  • EKG ableiten; dazu mindestens zwei Elektroden auf den Brustkorb des Betroffenen kleben (Herzaktion beurteilen; geschieht beim AED automatisch).
  • Energiemenge wählen (bei Einsatz eines AED nicht möglich).
  • Einmalhandschuhe anziehen.
  • Defibrillator laden.
  • Defibrillations-Elektroden (Paddles) mit Gel versehen (oder gebrauchsfertige Einmal-Paddles verwenden). Gel darf nicht zwischen den Paddles auf der Haut zusammenlaufen (Verbrennungsgefahr; verminderte Wirksamkeit der Maßnahme durch Umleitung des Stroms).
  • Systeme zur Sauerstoffapplikation mindestens einen Meter von den Paddles entfernen (Feuergefahr!).
  • Ein Paddle auf der rechten Brustkorbseite unmittelbar unter dem Schlüsselbein neben dem Brustbein platzieren.
  • Zweites Paddle auf der linken Brustkorbseite auf der vorderen Axillarlinie über dem fünften Zwischenrippenraum platzieren.
  • Anpressdruck der manuell geführten Paddles beträgt ca. 8 Kilogramm (Druck verringert den transthorakalen Widerstand).
  • Bevorstehenden Schock deutlich ankündigen (Bereitschaft der anderen Beteiligten prüfen).
  • Thoraxkompressionen und Atemspende unverzüglich für zwei Minuten fortführen - weiteren Schock erst anschließend auslösen.

Technische Voraussetzungen

Zielorientierte Defibrillation erfordert die Ableitung eines EKGs, mit dessen Hilfe sich die Herzaktionen exakt beurteilen lassen. Die AED - speziell konstruiert, um die Anwendung dieser Form der Elektrotherapie auch für ungelernte Ersthelfer zu ermöglichen - analysieren die Herzaktivität automatisch und lassen einen Stromstoß nur in optimalen Momenten und beim Vorliegen einer durch Defibrillation beeinflussbaren Erregungsstörung zu.

 

Für den Einsatz in der ärztlichen Praxis stehen jedoch auch Geräte zur Verfügung, die eine von den Defibrillations-Paddles getrennte EKG-Aufzeichnung gestatten. Solche Defibrillatoren können manuell oder halbautomatisch gesteuert sein und gehören ausschließlich in die Hände geschulter Helfer.

 

Die bei einer Defibrillation abgegebene Energiemenge ist an Geräten, die für den professionellen Einsatz gedacht sind, einstellbar. Sie variiert zwischn 120 und 360 Joule - abhängig von den Eigenheiten des verwendeten Gerätes sowie den körperlichen Voraussetzungen des Betroffenen. Kinder werden mit deutlich niedrigeren Energiemengen behandelt.

Zeit ist Leben

Mehrere Studien haben einen Zusammenhang zwischen der raschen Reanimation in Notfällen und der Überlebensrate der Betroffenen eindeutig nachgewiesen. Als Faustregel gilt: Mit jeder Minute, die ohne Reanimation - zu der als integraler Bestandteil die Defibrillation gehört - verstreicht, sinkt die Überlebenschance um etwa 10 Prozent. Diese Erkenntnisse führten dazu, dass die Anstrengungen gesteigert wurden, Plätze mit hohem Passantenaufkommen (etwa Bahnhöfe, Flughäfen) mit AED auszustatten.

 

Inzwischen beschreibt das European Resuscitation Council (ERC) unmissverständlich, dass die durch Defibrillation entstehenden Reanimationspausen unbedingt auf ein Minimum zu verkürzen sind und nicht länger als 5 Sekunden dauern sollen.

 

Die Gefahr, dass Ersthelfer sich durch die Elektroschocks verletzen, wird allgemein als marginal eingeschätzt. Zur Vermeidung eines versehentlichen Kontakts mit der Strombahn sollen Ersthelfer Einmalhandschuhe tragen. Zusätzlich gibt der defibrillierende Ersthelfer vor der Auslösung des Schocks ein klares Signal, nach dem die anderen Beteiligten ihren Körperkontakt zum Notfallopfer sowie allen stromleitenden Gegenständen lösen, die mit dem Betroffenen verbunden sind. Sie zeigen ihre Bereitschaft zur Durchführung des Schocks an, indem sie kurz zurücktreten und ggf. die Arme heben.

 

Unmittelbar im Anschluss an den Schock, noch während der Aufladezeit des Defibrillators, ist die Reanimation mit Thoraxkompression und Atemspende nach den Richtlinien des ERC für zwei Minuten fortzusetzen, bevor der nächste Schock erfolgt.

 

Beachten Sie: Die Bundesärztekammer empfiehlt die regelmäßige Schulung der Ersthelfer durch Ärzte mit entsprechender Qualifizierung in Notfallmedizin.

  • Kontraindikationen der Defibrillation (Auswahl)
  • Reguläre Herzaktion ohne Auswurfleistung und ohne Kontraktion des Herzmuskels (pulslose elektrische Aktivität/PEA). In diesem Fall sind die Weiterführung der Basismaßnahmen mit Thoraxkompression und Beatmung im Rhythmus 30:2, mindestens zweiminütige EKG-Kontrollen sowie die Gabe von Adrenalin (i.v. oder intraössär) empfohlen.
  • Feinschlägiges Kammerflimmern (nur schwer von einer Asystolie zu unterscheiden). In diesem Fall können die Basismaßnahmen der Reanimation (siehe oben) sowie die Gabe von Adrenalin einen Zustand herbeiführen, in dem eine Defibrillation sinnvoll einzusetzen ist.
  • Asystolie (keine Herzaktionen, die sich im EKG erkennen lassen). In diesem Fall können die Basismaßnahmen der Reanimation (siehe oben) sowie die Gabe von Adrenalin einen Zustand herbeiführen, in dem eine Defibrillation sinnvoll einzusetzen ist.
  • Vorliegen einer Patientenverfügung, die eine Reanimation untersagt.

Weiterführender Hinweis

  • Neue Richtlinien für die Wiederbelebung („Praxisteam professionell“ - PPA- Nr. 4/2011, S. 16)
Quelle: Ausgabe 07 / 2011 | Seite 16 | ID 27694780