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26.06.2008 | Patientenkommunikation

Umgang mit dementen Patienten

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

Etwa fünf Prozent der 65-Jährigen sind von Demenz betroffen, unter den 80-Jährigen beträgt der Anteil etwa 15 Prozent. Da dank guter medizinischer Versorgung immer mehr Menschen diese Altersstufen erreichen, steigt auch die Zahl der Demenzkranken kontinuierlich. Laut einer Auskunft der psychiatrischen Klinik an der Technischen Universität München werden in Deutschland bis zum Jahr 2040 etwa vier Millionen Menschen mit Demenz leben.  

Schrittweiser Verlust aller höheren geistigen Funktionen

Bei etwa 80 Prozent der Erkrankten liegt eine Demenz vom Alzheimer-Typ zugrunde. Inzwischen ist zwar der Krankheitsverlauf gut beschrieben, die Ursachen sind jedoch weiterhin unbekannt. Diese Demenz zeigt sich als ein langsam voranschreitender und unumkehrbarer Prozess, bei dem die Patienten schrittweise alle höheren geistigen Funktionen verlieren.  

 

Meist bemerken die Betroffenen selbst bzw. Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld zunächst eine gesteigerte Vergesslichkeit, die sich nach und nach ausweitet. Typischerweise ist zuerst das Kurzzeitgedächtnis betroffen. Weit zurückliegende Erlebnisse bleiben dementen Menschen lange erhalten.  

 

Die zweite, stark nach außen wirkende Folge der Krankheit ist die zunehmende Unfähigkeit, Emotionen zu steuern. Sie äußert sich nicht selten durch Aggressivität. Die emotionale Dysbalance speist sich einerseits aus den Veränderungen, denen das Gehirn unterworfen ist, und andererseits aus den unangemessenen Reaktionen von Mitmenschen, denen die Betroffenen im Alltag ausgesetzt sind.  

Die Bereiche der Einschränkung

Da die meisten älteren Menschen an mehreren Erkrankungen leiden, sind abgesehen von der Pädiatrie sämtliche medizinischen Disziplinen mit dem Thema Demenz konfrontiert. Um die besonders schutzbedürftigen Patienten angemessen versorgen zu können, sollten Praxisteams einige Regeln verinnerlichen, die ohne großen Aufwand umzusetzen sind. Sie ergeben sich aus den wesentlichen Einschränkungen, an denen die Dementen leiden:  

 

  • Die Kranken sind zunehmend unfähig, Absprachen einzuhalten. Dies betrifft die Terminplanung genauso wie die ärztlich verordnete Therapie.
  • Im persönlichen Umgang zeigen sich die Patienten oft uneinsichtig. Sie fühlen sich leicht ungerecht behandelt und reagieren darauf mit einer unangemessenen Wortwahl oder gar körperlicher Aggression. Da die Erkrankten diese Reaktionen nicht steuern können, liegt es ausschließlich in der Verantwortung der Kontaktpersonen (also dem Praxisteam), einen Umgang zu ermöglichen, in dem die Patienten sich sicher und unterstützt fühlen. In einem solchen Ambiente entstehen Aggressionen in deutlich reduziertem Umfang oder sie treten gar nicht erst auf.

Fortschreitende Erkrankung

Die amerikanische Sozialarbeiterin Naomi Feil hat über Jahrzehnte mit dementen Menschen gearbeitet und den fortschreitenden Prozess der Erkrankung exakt beschrieben. Sie unterscheidet vier Stadien, von denen für den alltäglichen Betrieb einer Arztpraxis vor allem die ersten beiden bedeutend sind:  

 

  • Stadium I: Patienten leugnen ihre Gefühle, empfinden Scham über Gedächtnislücken, haben eine negative Haltung der Umwelt gegenüber, beschuldigen ihre Mitmenschen, sind in ihren oft realitätsfernen Auffassungen unbeirrbar, bilden einen starken Sammeltrieb aus (kann sich auch auf Arzneimittel beziehen) und erzählen erfundene Geschichten.

 

  • Stadium II: Patienten ziehen sich zunehmend aus der Realität zurück, haben ihr Kurzzeitgedächtnis verloren, leben in einer vereinfachten Gefühlswelt, in der eindeutige Emotionen wie Hass, Liebe, Trauer und Angst vorherrschen, verlieren die Fähigkeit zu schreiben (bei erhaltener Lesefähigkeit) und sind auf unmittelbare Triebbefriedigung fixiert (zum Beispiel Liebe, Hunger).

 

  • Stadium III und IV: Die beiden darauf folgenden Stadien gehen mit einer weitgehenden Unfähigkeit einher, den Anforderungen des Alltags nachzukommen. Die körperliche Beweglichkeit reduziert sich schrittweise, bis die Patienten nur noch im Bett liegen und nicht mehr in der Lage sind, verbal zu kommunizieren. In diesen Phasen der Erkrankung erreichen niedergelassene Ärzte die Patienten ausschließlich über Hausbesuche.

Zugewandte Kommunikation

Für den Umgang mit dementen Menschen hat Naomi Feil ein Konzept entwickelt, das sie als „Validation®“ bezeichnete. Dabei handelt es sich um eine Kommunikationstechnik, die einen Zugang zu dieser spezifischen Erlebniswelt ermöglicht. Im Kern geht es für die gesunden Kommunikationspartner darum, in den Gesprächen auf den sonst üblichen Realitätsbezug zu verzichten, weil die Betroffenen ihn krankheitsbedingt ohnehin meist nicht nachvollziehen können. Statt die Patienten permanent auf ihre Defizite hinzuweisen, ist es ratsam, Verständnis für die Sorgen und Gedankengänge zu signalisieren, selbst wenn sie völlig aus der Luft gegriffen wirken.  

 

Zugewandte Kommunikation muss ehrlich gemeint sein

Die zugewandte Kommunikationshaltung darf keinesfalls verwechselt werden mit einer unehrlichen Beschwichtigung. Selbst stark verwirrte Menschen sind sehr gut in der Lage zu registrieren, ob ihr Gegenüber es ehrlich meint oder einfach nicht bereit ist zuzuhören.  

 

Obwohl die Validation® für den intensiven täglichen Umgang und den daraus folgenden Beziehungsaufbau mit dementen Menschen entwickelt wurde, können die grundlegenden Prinzipien sehr einfach auf den Alltag in Arztpraxen übertragen werden. Die drei Pfeiler einer gelingenden Kommunikation mit dementen Patienten sind:  

 

  • Mitgefühl: Signale geben, dass man die jeweilige Situation nicht nur versteht, sondern auch nachempfinden kann.
  • Anerkennung: Den Patienten als gleichwertigen Gesprächspartner akzeptieren.
  • Übereinstimmung: Keinesfalls falschen oder billigen Trost erteilen (Floskeln wie: „das wird schon wieder“). Darauf achten, dass die verbale Information der jeweiligen Situation entspricht.

 

Aus diesen drei Regeln ergibt sich eine professionelle Haltung, die es ermöglicht, Konflikte (zum Beispiel Schuldzuweisungen wegen versäumter Termine) befriedigend zu lösen. Teammitglieder sind gut beraten, wenn sie Anschuldigungen, die demente Patienten häufig vorbringen, nicht auf sich beziehen, sondern als das betrachten, was sie tatsächlich sind, nämlich ein Ausdruck der Erkrankung.  

 

Trotz allem kann der berufliche Kontakt zu dementen Menschen extrem anstrengend sein. Es ist hilfreich, die entstehenden Probleme während einer Teamsitzung zu besprechen und gemeinsam Strategien zur Lösung festzulegen. Das Verhalten und die Kommunikationsform einem dementen Patienten gegenüber sollten von allen Mitgliedern des Teams einheitlich umgesetzt werden.  

Das soziale Umfeld einbeziehen

Es ist für demente Menschen extrem wichtig, so lange wie möglich in der angestammten Wohnsituation zu bleiben. Praxisteams können dazu beitragen, die Zeit des Lebens außerhalb von stationären Einrichtungen zu verlängern, indem sie:  

 

  • Hilfsmittel nutzen, die dem Patienten entsprechen (zum Beispiel Erinnerungsanrufe)
  • Termine mit Familienangehörigen absprechen und diese veranlassen, den Betroffenen zu begleiten (eignet sich auch für die Sicherung der angeordneten Arzneimitteleinnahme)
  • Ggf. Unterstützung durch Nachbarschaftshilfen anregen
  • Hausbesuche in höchstmöglicher Frequenz anstreben
  • Enge Kooperation mit ambulanten Pflegediensten eingehen

 

Quelle: Ausgabe 07 / 2008 | Seite 5 | ID 120050