26.11.2009 | Patientenkommunikation
Trauernde Patienten in der Arztpraxis
von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München
In Ihrem Alltag als Medizinische Fachangestellte (MFA) werden Sie viele Formen der Trauer bei Patienten erleben. Naturgemäß handelt es sich meistens um Trauer, die in einem Zusammenhang mit Krankheit steht. Im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung sollten Sie jedoch daran denken, dass Trauer auch in völlig anderen Zusammenhängen entstehen kann. Ganz allgemein gesagt ist Trauer die Auseinandersetzung mit Gegebenheiten, die den eigentlichen Wünschen des Betroffenen widersprechen. Sie bezeichnet nicht nur den inneren Bearbeitungsprozess, sondern auch die nach außen gegebenen Signale, an denen sich das Stimmungsbild des Trauernden ablesen lässt. Wie gehen Sie am besten damit um?
Auslöser für Trauer
Grundsätzlich kann jeder Verlust einen Menschen zur Trauer veranlassen. Es ist wichtig, sich in diesem Punkt mit schnellen Urteilen zurückzuhalten, denn die Bedeutung eines Verlustes bemisst ausschließlich derjenige, der von ihm betroffen ist. Es gibt Menschen, die vom Tod eines Haustieres mehr verletzt werden als von dem eines Menschen. Auch der Verlust lieb gewonnener Dinge und Lebensumstände (Arbeitsplatz, Wertgegenstände, Wohnort etc.) kann Trauer auslösen.
Zeichen der Trauer
Es gibt keine Regeln für „angemessene“ Trauer. Jeder Mensch trauert auf seine eigene Weise. In Mitteleuropa hat sich eine Kultur der Distanz etabliert, unter deren Einfluss es im gesellschaftlichen Verkehr eher als unangemessen aufgefasst wird, andere Menschen in starke Gefühle einzubeziehen. Hier lässt vor allem das männliche Rollenbild sichtbare Emotionen des Trauerns kaum zu. Viele ältere Männer sind durch ihre Erziehung angehalten worden, sich zu verschließen: „Ein Mann weint nicht“, „Indianer kennen keinen Schmerz“. Dies kann im Extremfall zu einer verschleppten oder gänzlich unterdrückten Trauerreaktion führen, die sich gegebenenfalls viel später in einer (psychischen oder physischen) Erkrankung äußert.
In Ost- und Südeuropa sowie in muslimisch geprägten Ländern ist dagegen ein sehr offener Umgang mit Trauer weit verbreitet, weil man es als hilfreich erlebt, die Empfindungen im Kreis der Freunde, Bekannten und Nachbarn ausleben zu können.
Praxistipp: Beobachten Sie Patienten, die vermutlich einen Grund zur Trauer haben, besonders aufmerksam. Es ist nicht möglich, Zeichen der Trauer zu katalogisieren.
Trauern verläuft nicht nach festen Regeln
Trauer beginnt meist abrupt - mit dem zu betrauernden Ereignis oder in dem Moment, in dem der Trauernde davon Kenntnis erhalten hat. Von dort aus zieht sie sich über einen Zeitraum hin, der individuell unterschiedlich lang ist. So wie für die Intensität der Trauer lässt sich auch für die Zeit, die der Einzelne ihr einräumt, keine Regel aufstellen. In der Psychiatrie kennt man zwar den Begriff der „pathologischen Trauer“, doch sollte damit sehr vorsichtig umgegangen werden.
Am ehesten lassen sich Störungen in der Bewältigung von Trauer erkennen, wenn man den Prozess der Trauer betrachtet. Verharrt ein Betroffner längere Zeit bei denselben Reaktionen und zeigt sich eine vollständige Änderung der Lebensgewohnheiten (die bis zur sozialen Isolation reichen kann), sollte therapeutische Hilfe empfohlen werden. Diese Hilfe kann nicht dauerhaft in der Verabreichung von Psychopharmaka bestehen. Mit Arzneimitteln lassen sich emotionale Spitzen glätten - sie dürfen jedoch nicht als Ersatz für die Auseinandersetzung mit der Trauer missbraucht werden.
Trauerphasen
Zahlreiche Beobachtungen haben gezeigt, dass die Trauer sich in Phasen vollzieht, durch die ein Betroffener von der unmittelbaren Wucht des Verlustes in mehreren Schritten bis zu einer Aussöhnung gelangen kann. Mehrere Wissenschaftler haben Modelle entwickelt, um diesen Prozess greifbar zu machen. Es besteht prinzipielle Übereinkunft darüber, dass es sich um vier Trauerphasen handelt, die allerdings je nach Autor (zum Beispiel Elisabeth Kübler-Ross, Yorick Spiegel) unterschiedlich charakterisiert werden. „Praxisteam professionell“ stellt Ihnen das Trauermodell der schweizerischen Psychotherapeutin Verena Kast vor:
1. Phase: Nicht-Wahrhaben-Wollen
Der Betroffene hat das Geschehene noch nicht erfasst, leugnet es, kann und will es nicht glauben. Manche Menschen sind in dieser Phase erstarrt, verstört und völlig apathisch, andere reagieren unkontrolliert oder brechen zusammen. Diese Phase kann wenige Stunden bis mehrere Wochen dauern.
2. Phase: Aufbrechende Emotionen
Im Betroffenen entstehen widerstreitende Gefühle wie Leid, Schmerz, Wut, Zorn, Freude, Traurigkeit und Angst. Auch Schuldgefühle sind möglich. In dieser Phase ist eine einfühlsame Begleitung besonders wichtig. Sie kann mehrere Wochen bis Monate dauern.
3. Phase: Suchen und Sich-Trennen
Der Betroffene begibt sich auf die Suche nach Anknüpfungspunkten zu dem Verlorenen. Die daraus entstehende Nähe zum Objekt der Trauer kann dazu führen, dass der Trauernde in dieser Position verharrt oder aber die Kraft findet, sich auf die Zukunft auszurichten. In dieser Zeit besteht auch das Risiko eines Suizids. Die Phase kann Wochen, Monate oder Jahre dauern.
4. Phase: Neuer Selbst- und Weltbezug
Allmählich kehrt innere Ruhe ein. Der Trauernde hat dem Verlorenen einen Platz zugewiesen und einen Weg gefunden, mit der Erinnerung das nun veränderte Leben weiterzuführen.
Hilfen bei der Trauerbewältigung
Trauer kann nach rückwärts oder vorwärts gewandt sein, je nachdem, ob der Betroffene einen bereits eingetretenen Verlust beklagt oder der Grund der Trauer bevorsteht: etwa der zu erwartende eigene Tod oder der Tod einer Bezugsperson. Deshalb müssen sich die Hilfen nicht nur an der jeweiligen Trauerphase orientieren, sondern auch auf diesen Umstand bezogen sein.
Es geht nicht darum, Trauer so schnell wie möglich zu überwinden, sondern sie bewusst zu erleben und sich damit auseinanderzusetzen, denn nur auf diese Weise eröffnen sich nach einem großen Verlust neue Perspektiven. Bei Menschen, die darüber trauern, dass sie selbst sterben müssen, kann dieser Prozess in die Akzeptanz des Unvermeidbaren münden und so einen bewussten und friedlichen Abschied ermöglichen.
In der Trauer lässt sich nicht zwischen richtigen und falschen Gefühlen unterscheiden. Deshalb verlangt die Trauerbegleitung viel Einfühlungsvermögen, Offenheit und Flexibilität. In diesem Punkt sollten Sie mit Erwartungen sehr vorsichtig sein. Bieten Sie Gesprächsbereitschaft an, aber zwingen Sie niemandem den Austausch auf. Hüten Sie sich davor, Gefühle in den Betroffenen hineinzuinterpretieren, sondern reflektieren Sie dessen Äußerungen wertneutral und zugewandt. Verwenden Sie keine billigen Worthülsen.
Es ist wichtig, auch einmal das Schweigen aushalten zu können (akzeptieren, dass man zu manchen Dingen nichts Sinnvolles sagen kann). In solchen Momenten ist es besser, das Mitgefühl durch eine Geste zu zeigen (zum Beispiel durch Handdrücken). Gehen Sie hierbei jedoch nicht zu weit, denn nicht jeder Mensch schätzt in diesen Momenten körperliche Nähe.
Hin- statt wegschauen!
Vor allem gilt: hin- statt wegschauen! Nehmen Sie Ihr Gegenüber als Trauernden wahr. Gehen Sie nicht möglichst schnell zur Tagesordnung über, sondern stellen Sie sich dem Thema. Gegebenenfalls kann es sinnvoll sein, den Traueranlass direkt anzusprechen und dann zu sehen, wie sich der Trauernde äußert.