26.01.2009 | Patientenkommunikation
Sehbehinderte Patienten in der Arztpraxis
von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München
Die Augen sind eines der wichtigsten Sinnesorgane. Vor allem mithilfe der Sehkraft orientieren sich Menschen im Raum und erkennen Hindernisse und Unfallgefahren. Außerdem dient das Sehen der Kommunikation. Das gilt vor allem für die Aufnahme gedruckter Informationen, aber auch für die Kontaktaufnahme zu anderen Menschen. Denn Kommunikation vollzieht sich nur zu einem Teil über das Gehör und die taktile Wahrnehmung. Erst die Sicht auf die Dinge erlaubt es uns zum Beispiel zu erkennen, wenn die Bedeutung einer Aussage im Widerspruch zur Gestik und Mimik eines Gesprächspartners steht. „Praxisteam professionell“ zeigt Ihnen in diesem Beitrag, wie Sie Sehbehinderte am besten unterstützen.
Zeichen einer Sehschwäche
Da sich die meisten Formen der Sehschwäche schleichend entwickeln, sind viele Patienten nicht in der Lage, das Ausmaß ihrer Behinderung in vollem Umfang einzuschätzen. Das Gehirn ist bestrebt, auch aus unvollständigen Informationen ein möglichst umfassendes Bild zu produzieren. Außerdem ist es unangenehm, sich mit den nachlassenden Fähigkeiten der eigenen Sinneswahrnehmung zu konfrontieren. Viele Menschen wollen nicht wahrhaben, dass sich ihre Sehkraft verschlechtert - sie verdrängen diese Tatsache.
In diesem Zusammenhang kommt Ihnen als Medizinische Fachangestellte (MFA) eine Schlüsselfunktion bei der Einleitung entsprechender Behandlungen sowie in der Beratung zu. Sehbehinderte Patienten entwickeln zahlreiche Verhaltensmuster, um ihre Wahrnehmungsdefizite auszugleichen bzw. vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Sie können Ihre Patienten kritisch beobachten und daraus professionelle Schlüsse ziehen. Zeichen einer nicht angemessen behandelten Sehstörung im Verhalten der Patienten sind:
- Intensives Anschauen von Gegenständen mit einem Wechsel der Entfernung zwischen den Augen und dem betrachteten Objekt.
- Häufiges Zwinkern und Zusammenkneifen der Lider beim Versuch, scharf zu sehen.
- Auffällige Unsicherheit bei zielgerichteten Bewegungen (zum Beispiel beim Ergreifen eines Kugelschreibers).
- Klagen über schmerzende Augen.
- Übermäßige Annäherung an den Gesprächspartner im Versuch, einen Eindruck von dessen Mimik zu erhalten.
- Unsicherheit in unbekannter Umgebung.
- Weigerung, unter Beobachtung zu lesen oder zu schreiben.
- Die Verwendung einer Brille ist stets als ein Beweis für eine Sehschwäche zu werten.
Hinweis: Die genannten Verhaltensmuster können trotz Brille auftreten, weil manche Patienten es versäumen, ihr Sehvermögen regelmäßig kontrollieren zu lassen und deshalb mit einer Brille ausgestattet sind, die dem tatsächlichen Bedarf nicht mehr entspricht.
Fehlsichtigkeiten kann man in folgende Kategorien einteilen:
- Weitsichtigkeit (Hyperopie): Unscharfes Bild von nahen Gegenständen.
- Kurzsichtigkeit (Myopie): Unscharfes Bild von weiter entfernten Gegenständen.
- Einschränkungen des Gesichtsfeldes (Skotom): Fehlende Sehinformation in einem Teil des normalen Bildausschnittes, den das Auge ohne Bewegung erfasst. Skotome können den Bildausschnitt von der Seite einengen oder als blinder Fleck in dessen Mitte auftreten. Patienten sind dadurch erhöht unfallgefährdet, weil sie die Sehstörung meist nicht bemerken.
Blindheit
Von Blindheit spricht man, wenn der Visus (Sehschärfe) auf 0,02 (oder weniger) der Normalsichtigkeit reduziert ist. Das Gesetz geht bei einem Visus von 1,0 von Normalsichtigkeit aus.
Wie erblindete Patienten mit ihrer Behinderung umgehen, hängt ganz wesentlich vom Lebensalter ab, in der der Sehverlust eingetreten ist. Junge blinde Menschen sind oft sehr gut in der Lage, sich auch in unbekannter Umgebung selbstständig zurechtzufinden (zum Beispiel in städtischem Umfeld mit hoher Verkehrsdichte). Stark sehbehinderte Kinder besuchen oft Blindenschulen und lernen dort den Umgang mit Hilfsmitteln, zum Beispiel:
- Langstock (umgangssprachlich Blindenstock genannt): Der Stock ist in der Signalfarbe weiß gehalten und dient deshalb auch als Erkennungsmerkmal. Mithilfe einer Pendeltechnik tastet der Benutzer des Stocks das Areal vor sich nach Hindernissen ab. Nachteilig ist, dass sich mit dem Stock lediglich Gegenstände bis etwa zur Brusthöhe aufspüren lassen. Hindernisse in Kopfhöhe bleiben unbemerkt.
- Blindenführhund sind aufwendig trainierte Hunde, die auch auf unbekanntem Terrain Sicherheit bieten. Die Ausbildung dieser Hunde ist sehr teuer. Außerdem muss der Halter in der Lage sein, das Tier angemessen zu versorgen.
- Akustische Orientierungshilfen sind in großer Vielfalt erhältlich. Sie funktionieren häufig per Laserlicht und geben akustische Alarme. Nicht selten können früh erblindete Menschen einen Teil der Sehfunktion mit anderen Sinnesorganen kompensieren. Manchen gelingt es, sich mit Hilfe von selbst produzierten Schallwellen (zum Beispiel durch Zungenklicks) zu orientieren. Der Schall wird von massiven Gegenständen reflektiert und zeigt den Betroffenen an, wo sie sich im Raum befinden (menschliche Echo-Ortung).
- Braille-Schrift: Vor knapp 200 Jahren hat der Franzose Louis Braille eine Schrift entwickelt, mit der sich geschriebene Information in einem System aus sechs tastbaren Punkten praktikabel darstellen lässt. Diese Schrift ermöglichte Blinden über viele Jahrzehnte einen nahezu ungehinderten Zugang zur Literatur sowie zu tagesaktuellen Informationen. Inzwischen verdrängt die Computerisierung diese Tastschrift. Nach Schätzungen des Blindenverbandes beherrscht nur etwa ein Viertel der erblindeten Menschen Braille.
Umgang mit sehbehinderten und blinden Patienten
Menschen, die eine eingeschränkte oder fehlende Sehfunktion haben, benötigen spezifische Unterstützung - vor allem, wenn sie sich in Situationen befinden, die ein vollständiges Verständnis aller Vorgänge erfordern, so wie es in Arztpraxen der Fall ist. In Ihrer Funktion als primärer Ansprechpartner können Sie Ihren Patienten die Orientierung erleichtern und sie assistierend durch den Behandlungsprozess begleiten. Grundsätzlich empfiehlt es sich, bei der Ausstattung der Praxis auf Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit Rücksicht zu nehmen.
Bauliche und organisatorische Unterstützung
Die Anpassung der räumlichen Bedingungen hilft den Betroffenen, sich selbstständig in der Praxis zurechtzufinden:
- Formulare mit extragroßer Schrift verwenden (ist auch angenehm für normalsichtige Patienten), großformatige Piktogramme an den Türen von Funktionsräumen und WC anbringen,
- Gute Beleuchtung an der Rezeption sowie in den anderen Praxisräumen sicherstellen (nach arbeitsrechtlichen Bestimmungen ist an Arbeitsplätzen eine Beleuchtung von mindestens 200 Lux einzuhalten; zur Unterstützung Sehbehinderter kann helleres Licht erforderlich sein),
- Stolperfallen aus den Räumen entfernen (zum Beispiel kleinteilige Teppiche); Schwellen oder Stufen mit Rampen versehen,
- Informationen über die Sehbehinderung eines Patienten dem gesamten Praxisteam zugänglich machen, zum Beispiel durch eine Farbkodierung der Dokumentation; gegebenenfalls empfiehlt es sich, an schnell zugänglicher Stelle die Ursache der Behinderung zu vermerken,
- Gegebenenfalls Internet-Auftritt der Praxis mit variabler Schriftgröße und Audio-Informationen barrierefrei gestalten.
Persönliche Unterstützung
Auch die persönliche Unterstützung sollte immer auf den spezifischen Bedarf der Patienten fokussiert sein:
- Stellen Sie sich zur Begrüßung dem Patienten mit Namen und Funktion vor.
- Erklären Sie vorab und detailliert das Procedere der Diagnostik oder Behandlung.
- Begleiten Sie den Patienten auf dem Weg zum Wartezimmer oder zu den Behandlungsräumen.
- Erklären Sie alle Handlungen präzise und in verständlichen Worten - bevor sie stattfinden - und nehmen sich Zeit für Fragen des Patienten. Dies gilt auch für Handlungen, die im Gesichtskreis des Patienten stattfinden.
- Kündigen Sie jede Berührung des Körpers mit ausreichender Vorlaufzeit an.
- Erklären Sie Eigenschaften und Wirkungen sowie den korrekten Umgang mit Arznei- und Hilfsmitteln sowie Medizinprodukten.
- Kontrollieren Sie, ob der Patient sich nach der Untersuchung vollständig und korrekt angekleidet hat. Sehbehinderte Menschen sind oft über den Zustand ihrer Kleidung unsicher, weil sie sie selbst nicht beurteilen können, und sind dankbar für diskrete Hinweise.
- Halten Sie Termine oder andere Notizen in einer Form fest, die der Patient wahrnehmen kann (zum Beispiel aufgeschrieben mit einem dicken Filzstift und sehr großen Buchstaben). Besprechen Sie zur Sicherheit die Informationen mit dem Patienten und prüfen so nach, ob alle Details verstanden worden sind.
- Positionieren Sie Gegenstände, die der Patient benötigt, so, dass sie leicht zugänglich sind und benennen ihre Position exakt mit Worten. Gegebenenfalls ist es notwendig, die Hand des Patienten zu führen.
Tipps zum Führen eines Patienten mit Einschränkung der Sehkraft
Patienten mit stark reduzierter Sehleistung benötigen häufig Hilfe, um sich in unbekannten Räumen sicher bewegen zu können. Beim Führen eines Menschen sollten Sie die richtige Technik beachten, um das Selbstwertgefühl des Patienten nicht zu untergraben. Es ist wesentlich, jeden Verdacht von Bevormundung zu vermeiden:
- Sprechen Sie den Patienten zuerst an, offerieren Sie Hilfe und erklären Sie, wohin er sich bewegen soll.
- Fassen Sie den Ellenbogen/Unterarm von hinten und unten. Damit geht der Patient vor Ihnen, behält die Initiative und kann auf diese Weise leicht die Gehgeschwindigkeit bestimmen.
- Machen Sie rechtzeitig auf Hindernisse (zum Beispiel geschlossene Türen) und Richtungswechsel aufmerksam.
- Informieren Sie den Patienten über die Umgebung, in der er sich befindet (zum Beispiel: „Hinter Ihnen steht ein Stuhl, auf den Sie sich setzen können.“)
- Sprechen Sie deutlich und fragen nach, ob der Patient alles verstanden hat. Falls Wartezeiten auftreten, informieren Sie den Patienten auch darüber.
- Sagen Sie dem Patienten, wenn Sie vorhaben, den Raum zu verlassen und er gegebenenfalls für einige Zeit allein sein wird.