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02.03.2009 | Patientenkommunikation

Schamgefühlen in der Arztpraxis angemessen begegnen

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

Scham ist ein Gefühl der Bloßstellung oder der Verlegenheit. Schamgefühle von Patienten ergeben sich dementsprechend durch die spezifische Situation in einer Arztpraxis. Hier steht möglicherweise eine beschämende Fehlfunktion des Körpers im Mittelpunkt (zum Beispiel Inkontinenz). Außerdem bringt die Behandlung oft einen Eingriff in die innerste Privatsphäre mit sich, zum Beispiel Berührungen der Geschlechts- oder Ausscheidungsorgane. „Praxisteam professionell“ erläutert Ihnen die Auslöser von Scham und zeigt Wege auf, wie Sie Patienten entlasten können.  

Auslöser für Schamgefühle

Schamgefühle entstehen nicht nur beim Entblößen des Körpers, sondern auch im Zusammenhang mit körperlichen Auffälligkeiten (zum Beispiel Deformitäten, entstellende Krankheiten oder Narben) und mit körperlichen Funktionen, die mit Tabus belegt sind. Dazu zählen Sexualität und Ausscheidung, aber auch alle Mängel an Fähigkeiten, die man gemeinhin zum menschlichen Handlungsspielraum zählt. So kann ein Patient zum Beispiel heftige Schamgefühle entwickeln, weil seine Sehkraft abgenommen hat oder er aufgrund einer neurologischen Erkrankung Bewegungen nicht mehr steuern kann.  

 

Eine besondere Nähe zu ausgeprägten Schamgefühlen haben Menschen in folgenden spezifischen Lebensumständen:  

 

  • Kinder - weil sie sich über die Regeln, die im sozialen Miteinander gelten, nicht vollständig sicher sind und deshalb häufig von der Vorstellung geplagt werden, sie selbst oder ihre Angehörigen (v.a. Eltern) würden sich nicht gesellschaftskonform verhalten.
  • Alte Menschen - weil sie befürchten, durch nachlassende Kräfte, verringerte körperliche Fähigkeiten oder die voranschreitende Entfernung von einem als allgemeingültig wahrgenommenen Schönheitsideal nicht mehr dem Bild zu entsprechen, das sie sich selbst von einem erwachsenen, autarken Menschen gemacht haben.
  • Behinderte Menschen - weil sie ihr Defizit als eine andauernde Belastung im Beziehungsaufbau zu Menschen empfinden.
  • Arme Menschen - weil sie mutmaßen, durch einen Mangel an Statussymbolen gering geschätzt zu werden.
  • Menschen ausländischer Herkunft - weil sie sich dem Unverständnis ihres tradierten Wertekanons ausgesetzt sehen und im täglichen Umgang fremdenfeindliches Verhalten und Misstrauen erleben.

 

In Arztpraxen gibt es darüber hinaus folgende Auslöser für Scham:  

 

  • Mangelnde Beherrschung von Zivilisationstechniken, zum Beispiel Analphabetismus
  • Kurz- oder längerfristige Kontrollverluste bzw. Fehlleistungen des Körpers - etwa Stolpern, Stürzen, Stottern oder Missgriffe
  • Krankheiten; v.a. solche, bei denen Vorurteile auf ein persönliches Verschulden schließen, zum Beispiel Sucht.

 

Scham löst auch körperliche Reaktionen aus, die Sie als Medizinische Fachangestellte (MFA) in der täglichen Arbeit genau beobachten sollten, um den Patienten bei der Überwindung der daraus entstehenden Hemmungen helfen zu können:  

 

  • Erröten, v.a. des Gesichtes und am Hals
  • Anstieg von Puls und Blutdruck (Weißkittelsyndrom)
  • Stottern und Verstummen
  • Vermeidung von Blickkontakt
  • Bewegungshemmungen, zum Beispiel Verkrampfung
  • Starkes Schwitzen, zum Beispiel feuchte Hände.

 

Beachten Sie: Dinge, die Sie selbst als nicht schämenswert erachten, können bei einem anderen Menschen Schamgefühle auslösen. Genauso gilt umgekehrt: Dinge, die Sie beschämend finden, beurteilen andere Menschen nicht zwingend ebenso.  

Der sichere Umgang mit Schamgefühlen von Patienten

Menschen definieren sich hauptsächlich im Verhältnis zu ihren Mitmenschen. Alle Handlungen sind mit der Frage verknüpft, wie sie auf andere wirken. Es ist ein Bedürfnis, akzeptiert zu sein und als vollwertiges Gegenüber wahrgenommen zu werden. Deshalb baut jeder psychisch gesunde Mensch eine Intimzone auf, in der nur er selbst über sich bestimmt. Unbefugtes Eindringen in diesen Bereich wird als außerordentlich unangenehm empfunden, weil der Betroffene sich dadurch in seiner Integrität beeinträchtigt fühlt. Situationen, die mit Schamgefühlen bewehrt sind, betreffen also den innersten Kreis des Selbstverständnisses.  

 

Wird in den innersten Kreis eines Menschen eingedrungen, funktioniert die Verarbeitung von Scham nach wissenschaftlichen Erkenntnissen geschlechtsgebunden: Männer neigen eher zu einer aggressiven Ausarbeitung des Gefühls der Unzulänglichkeit. Frauen machen diese Konflikte überwiegend mit sich selbst aus, schneiden also die Außenwelt von ihren Problemen ab.  

 

Für Ihre Arbeit als MFA ist es wichtig, die verschiedenen Reaktionsmuster zu kennen, weil Sie dadurch in die Lage versetzt werden, die Reaktionen der Patienten auf schambelastete Ereignisse richtig zu deuten und personenzentriert darauf einzugehen.  

 

Maßnahmen zur Berücksichtigung von Schamgefühlen

  • Jede Praxis sollte unbedingt über einen ausreichenden Sicht- und Schallschutz aller sensiblen Bereiche verfügen. Es ist absolut inakzeptabel, Türen zu Behandlungsräumen lediglich angelehnt zu lassen, weil dann der Patient nicht sicher sein kann, ob weitere Anwesende Details der Untersuchung oder des Gespräches wahrnehmen.
  • Sichtbare Hektik vermeiden, um dem Patienten nicht das Gefühl serieller Abfertigung zu vermitteln.
  • Rückzug in abgeschlossene Räume zu einem Vier-Augen-Gespräch anbieten (intime Details einer Behandlung oder Erkrankung nicht am Empfang erörtern). Dies gilt auch, wenn keine dritte Person anwesend ist. Allein der Eindruck, in einem nicht eindeutig begrenzten Raum sprechen zu müssen, kann schamverstärkend wirken.
  • Signale des Verständnisses für (zum Beispiel kulturell bedingte) Scham geben. Es ist empfehlenswert, direkt nach Wünschen der Patienten zu fragen, um herauszufinden, welches Vorgehen ihnen die bevorstehende Situation erleichtert.
  • Einhaltung einer zugewandten, aber nicht zudringlichen Gesprächsführung, die dem Patienten stets die Abgrenzung und damit die Wahrung seiner Intimsphäre ermöglicht.
  • Selbstverständliche Unterstützung des Patienten bei der Ausführung von Handlungen, die seine körperlichen Fähigkeiten übersteigen. Dazu ist eine umfassende Information über das Befinden sowie die Defizite des Patienten erforderlich (Beispiel: Wenn Sie nicht wissen, dass ein Patient Schwierigkeiten beim Schreiben hat, können Sie nicht assistierend agieren).
  • Praxisabläufe so organisieren, dass jeder Patient sich vollständig auf Diskretion verlassen kann. Dazu gehört nicht nur der sorgsame Umgang mit Akten, die in Papierform vorliegen (sie dürfen niemals von Dritten einsehbar sein), sondern auch der verantwortungsbewusste Umgang mit elektronischen Dateien. Sofern die Praxis über mehrere Untersuchungszimmer verfügt, in die Patienten gebeten werden, um auf das Gespräch mit dem Arzt zu warten, darf der dort stationierte Bildschirm auf keinen Fall Daten des zuvor behandelten Patienten zeigen. Darüber hinaus dürfen solche Daten nicht ohne Kenntnis eines Kennworts sichtbar zu machen sein. Das Ambiente absoluter Vertraulichkeit beeinflusst Schamgefühle günstig.
  • Etablierung eines Umgangstones im Praxisteam, das die Wertschätzung der Patienten deutlich macht: kein Duzen; keine Kommentare über abwesende Patienten, die von Anwesenden hörbar sind; keine Übermittlung von patientenbezogenen Informationen durch lautes Sprechen, das von anderen Patienten mitgehört werden kann.
  • Gesprächsführung während der Untersuchung kultivieren. Menschen, die sich einer Situation ausgeliefert fühlen, interpretieren Schweigen häufig als Bedrohung.
  • Auf jeden Fall den unerwarteten Eintritt in einen Raum vermeiden, in dem sich ein Patient entkleidet oder in einer schambewehrten Situation befindet. Solche Veränderungen in der Anwesenheit von Personen werden grundsätzlich als Angriff auf die persönliche Integrität gewertet und verstärken deshalb die Schamgefühle.
  • Entkleidung eines Patienten auf das notwendige Maß reduzieren, zum Beispiel muss für eine Blutentnahme aus einer Armvene oder das Messen des Blutdrucks die Oberbekleidung nur in Ausnahmefällen abgelegt werden.
  • Eindeutigkeit bei Berührungen herstellen. Wer lediglich mit den Fingerspitzen oder flüchtig angefasst wird, empfängt ein ablehnendes Signal, das schamverstärkend wirkt. Besser ist eine flächige Berührung mit der gesamten Hand. Der eindeutige Körperkontakt sollte während der gesamten auszuführenden Handlung aufrecht erhalten bleiben.
  • Direkte Ansprache schamauslösender Situationen. So kann zum Beispiel die Erklärung der Funktion und des Nutzens eines gynäkologischen Untersuchungsstuhls die Ablehnung und damit die Scham mindern.
 

Fortsetzung: Lesen Sie in der nächsten Ausgabe, wie Sie mit aufdringlichen und schamlosen Patienten umgehen.  

 

Quelle: Ausgabe 03 / 2009 | Seite 18 | ID 125073