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29.10.2008 | Patientenkommunikation

Organspende rettet Leben – Medizinische Fachangestellte klären auf

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

Eine Organtransplantation ist für viele Menschen die letzte Behandlungschance. Allerdings besteht seit vielen Jahren ein erheblicher Mangel an Organspendern. Daran haben auch die Aufrufe der Bundesregierung und gemeinnütziger Organisationen sowie groß angelegte Werbekampagnen nichts geändert. Noch immer sterben Menschen, weil es nicht möglich ist, ihnen rechtzeitig ein Spenderorgan zur Verfügung zu stellen. Allein in Deutschland warten etwa 12.000 Menschen auf ein Organ, zwei Drittel von ihnen auf eine Niere. Obwohl die Zahl der Organübertragungen nach Auskunft der „Deutschen Stiftung Organtransplantation“ in den vergangenen Jahren gestiegen ist und im Jahre 2007 bei 4.885 lag, ist der Bedarf ungefähr dreimal größer als das Angebot. An dieser Stelle kommen Sie als Medizinische Fachangestellte (MFA) ins Spiel: Sie können wertvolle Aufklärungsarbeit leisten und Vorurteile ausräumen, die sich hartnäckig zum Thema „Organspende“ in der Bevölkerung halten.  

Umfassende Kenntnisse sind für die Aufklärung wichtig

Um Patienten aufklären zu können, ist es unabdingbar, über die Bedingungen der Organspende genau Bescheid zu wissen. Nur mithilfe detaillierter Kenntnisse lassen sich die Fragen potenzieller Organspender zufriedenstellend beantworten. Denn nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums halten 82 Prozent der Bundesbürger Organspenden grundsätzlich für richtig und wichtig. Trotzdem besitzen nur etwa 12 Prozent der Menschen einen Spenderausweis. Obwohl also die grundsätzliche Zustimmung sehr hoch ist, scheint es Vorbehalte zu geben, sich mit einem Dokument eindeutig auf die Spende von Organen festzulegen.  

 

Die Hinderungsgründe dafür liegen vermutlich darin, dass sich Organspender intensiv mit Gedanken an den eigenen Tod beschäftigen müssen. Vor diesem Thema schrecken viele Menschen zurück. Außerdem ist es selbst für aufgeklärte Menschen nicht leicht nachzuvollziehen, dass der Tod unwiderruflich eingetreten sein kann, obwohl einige Organe noch funktionstüchtig sind.  

 

Eine Forsa-Umfrage von 2004 betont die Bedeutung der Aufklärung der Bevölkerung in Sachen Organspende durch die Praxisteams niedergelassener Ärzte. Mehr als die Hälfte der Befragten sagen, dass sie den Hausarzt als bevorzugten Informationsgeber für das Thema betrachten. Umgekehrt gaben 56 Prozent der Hausärzte an, sie würden nur selten von Patienten darauf angesprochen, 18 Prozent werden nie mit Fragen dieser Art konfrontiert.  

 

Die Situation ließe sich durch eine gut sichtbare Bereitstellung entsprechender Broschüren sowie die Betonung des Nutzens von Spenderausweisen während der organisatorischen Gespräche am Empfang ärztlicher Praxen sicher deutlich verbessern. Oft brauchen Menschen nur einen kleinen Anstoß, um eine Entscheidung zu treffen – selbst wenn sie ganz persönliche und schwerwiegende Dinge betrifft.  

Transplantationen – Ein Blick in die Medizingeschichte

Die Idee, zerstörte Gewebe oder funktionslose Organe eines Menschen mithilfe der Spende eines anderen Individuums zu ersetzen, ist ziemlich alt. Aus dem frühen Mittelalter (400 n. Chr.) stammt die Sage von den heilig gesprochenen Zwillingen Cosmas und Damian, die angeblich das Bein eines Verstorbenen verwendeten, um einen Menschen zu heilen, der an einer Gangrän litt. Der Wahrheitsgehalt dieser Wundergeschichte ist sehr zweifelhaft, da zu jener Zeit kein Mensch über das Wissen verfügte, eine solch schwierige Operation erfolgreich durchzuführen.  

 

Im 17. Jahrhundert übertrugen Ärzte Haut, Zähne oder Sehnen. Zunächst endeten auch diese Versuche erfolglos. Man sah, dass der Körper des Empfängers die fremden Gewebe nicht annahm, konnte jedoch die Ursachen der Abstoßung nicht einordnen. Lediglich die Übertragung von Augenhornhaut erwies sich als problemloser, da die nicht durchbluteten Zellen kaum zu Problemen führen. Darüber hinaus verpflanzte der Schweizer Chirurg Theodor Kocher 1883 erstmals Schilddrüsengewebe.  

 

Erst im 20. Jahrhundert ermöglichte der medizinische Fortschritt mit Narkose und Antisepsis weitergehende Erfolge. Dem Chirurgen Joseph Murray gelang 1954 in Boston (USA) die erste Nierentransplantation zwischen Zwillingen. In Kapstadt (Südafrika) führte Christiaan Barnard 1967 die erste Transplantation eines Herzens durch – erfolgreich auch deshalb, weil man zuvor Arzneimittel zur Unterdrückung der Abstoßung eingeführt hatte.  

 

Die Weiterentwicklung dieser Medikamente sowie die konsequente Verfeinerung der Operationsmethoden haben dazu geführt, dass heute viele Organe, darunter Herz, Lunge, Leber, Niere, Bauchspeicheldrüse, Darm, Haut, Hirnhaut, Knochen, Knorpel und Sehnen, mit sehr guten Ergebnissen und einer langfristigen Funktionsdauer transplantiert werden können.  

Bedenken von Spendern

Menschen, die eine Organspende erwägen, müssen bereit sein, über ihren Tod nachzudenken und eine Entscheidung für die Zeit danach zu treffen. Deshalb ist es hilfreich, potenzielle Spender vollständig über die Vorgänge aufzuklären, die zu einer Organentnahme führen. In diesem Zusammenhang ist die Frage, wann ein Mensch wirklich tot ist, besonders schwer zu beantworten. Denn in der öffentlichen Meinung ist der Tod gleichbedeutend mit dem Verlöschen sämtlicher Lebensaktivitäten. Dies ist allerdings nur teilweise korrekt, denn der Tod eines Menschen tritt bereits ein, sobald das Gehirn, also die Steuerungszentrale aller körperlichen Vorgänge, unwiderruflich und vollständig seine Arbeit einstellt. Man bezeichnet einen Menschen in diesem Zustand als hirntot. Ohne maschinelle Unterstützung würden daher innerhalb kurzer Frist auch alle anderen Organe versagen.  

 

Beachten Sie: Dieser Zustand darf keinesfalls mit dem Wachkoma (apallisches Syndrom) verwechselt werden, bei dem zwar die höheren Hirnfunktionen (angesiedelt im Großhirn) erloschen sind, die tiefer liegenden Teile des Gehirns (zum Beispiel Zwischenhirn, Hirnstamm) jedoch noch arbeiten. Patienten im Wachkoma sind meist nicht in der Lage, Kontakt mit der Umwelt herzustellen oder sich zu bewegen. Bewusstsein ist überwiegend nicht mehr vorhanden. Die Regulation der Organe, etwa Atemtätigkeit, kann aber durchaus auf niedrigem Niveau stabil sein.  

Der Hirntod bedeutet den Tod des Menschen

Die Bundesärztekammer (BÄK) hat den Hirntod 1991 so definiert: „Zustand des irreversiblen Erloschenseins der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms bei einer durch kontrollierte Beatmung künstlich noch aufrechterhaltenen Herz-Kreislauffunktion. Mit dem Hirntod ist naturwissenschaftlich-medizinisch der Tod des Menschen festgestellt.“  

 

Darüber hinaus hat die BÄK eine sehr detaillierte Richtlinie zur Feststellung des Hirntodes erarbeiten lassen. Sobald bei einem Patienten eine schwere, alle Teile des Gehirns betreffende Schädigung festgestellt ist und auch feststeht, dass diese Schädigung nicht durch andere, etwa vorübergehende Ursachen (zum Beispiel Vergiftung) herbeigeführt wurde, kann die Hirntod-Diagnostik beginnen. Die Untersuchungen müssen von zwei (voneinander unabhängig arbeitenden) Medizinern ausgeführt werden, die über eine entsprechende Qualifikation verfügen und jeweils nicht an Weisungen der Ärzte gebunden sind, die an der Organübertragung teilnehmen.  

 

Es ist auch möglich, die absolute Funktionslosigkeit des Gehirns unter anderem durch ein EEG (bei Inaktivität erscheint eine Null-Linie) oder eine Dopplersonografie (zeigt den Stillstand der Blutversorgung des Gehirns) zu beweisen.  

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe

In Ausgabe 12/2008 erläutert Ihnen „Praxisteam professionell“ die rechtlichen Voraussetzungen der Organspende und gibt Ihnen Argumentationshilfen für Gespräche mit Patienten an die Hand.  

 

Quelle: Ausgabe 11 / 2008 | Seite 5 | ID 122499