29.01.2010 | Patientenkommunikation
Der essgestörte Patient in der Arztpraxis - Anorexia nervosa und Bulimia nervosa
von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau
Die Anorexie, also die Magersucht, und die Bulimie, die Ess-Brech-Sucht, sind die häufigsten Ess-Störungen. Mit beiden werden Sie auch in der Arztpraxis regelmäßig konfrontiert. Lesen Sie in „Praxisteam professionell“, was diese Störungen im Einzelnen sind und wie Sie sich gegenüber diesen Patienten verhalten sollten - oder besser: wie Sie sich nicht verhalten sollten.
Störungsbild und Ursachen der Anorexie
Von der Anorexie sind meist junge - in der Regel ehrgeizige, intelligente - Frauen betroffen, doch immer häufiger leiden auch (junge) Männer unter dieser Ess-Störung. Die Anorexie beginnt gewöhnlich in der Pubertät. An Anorexie erkrankte schränken ihre Nahrungsaufnahme so stark ein, dass sie lebensgefährlich abnehmen. Es können Essattacken vorkommen, sie erbrechen dann gezielt oder sie nehmen Abführmittel ein. Ihr Ziel ist es, dem Schlankheitsideal zu entsprechen. Allerdings magert ihr Körper so stark ab, dass hier nicht mehr von Schönheit gesprochen werden kann.
Dass sie nur noch Haut und Knochen sind, sehen sie nicht. Sie stellen sich vor den Spiegel und finden Stellen am Körper, die vermeintlich noch zu dick sind. Deshalb wird hier von einer sogenannten Körperschemastörung gesprochen: Sie sehen ihren Körper nicht realistisch. Gesicherte Erkenntnisse über die Ursachen der Anorexie gibt es nicht. Es wird davon ausgegangen, dass Veranlagung, Medienwirkung und Konflikte in der Familie zusammenkommen.
Anorektische junge Menschen sind oft die Symptomträger in der Familienstruktur. Dies bedeutet: In der Familie gibt es Konflikte, die von den Einzelnen nicht oder nicht genug erkannt werden. Sie werden verleugnet. Diese Verleugnung führt dazu, dass sich bei einem der Familienmitglieder, dem psychisch sensibelsten, eine Störung entwickelt. Nun hat die Familie ein „Sorgenkind“, auf das sie ihr Augenmerk richten und die eigenen Konflikte weiterhin verleugnen kann.
Störungsbild und Ursachen der Bulimia nervosa
Von der Bulimia nervosa sind meist Frauen zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr betroffen. Die Person erlebt Essattacken und um nicht zuzunehmen, erbricht sie. Sie hält so ihr Gewicht. Es findet also kein Abmagern wie bei der Magersucht statt. In schweren Fällen erbricht die Betroffene mehrfach am Tag, was zur Schädigung der inneren Organe, der Speiseröhre und Zähne führt.
Im Vergleich zur Anorexie ist sich die Person bewusst, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Die Anorektikerin verleugnet, dass sie ein Problem hat - sie sieht ihr einziges Problem darin, dass sie zu dick ist und abnehmen muss. Die Bulimie-Betroffene hingegen weiß um ihr problematisches Verhalten. Weil sie es nicht schafft, dem Heißhunger zu widerstehen und anschließend erbricht, hat sie starke Schuld- und Schamgefühle.
Als Ursache für die Bulimia nervosa wird eine übermäßige Leistungsorientierung bei geringem Selbstwertgefühl angenommen. Diese Frauen wollen schön und erfolgreich sein, wie es dem gesellschaftlichen Ideal entspricht. Sie fühlen sich aber minderwertig und versuchen dies mit Schönheit und Erfolg auszugleichen (lesen Sie hierzu auch den Beitrag „Selbstwertschätzung - eine Quelle psychischer Stabilität“ in „Praxisteam professionell“, Ausgabe 7/2008).
Was Sie bei essgestörten Patienten beachten sollten
Als MFA, das heißt als eine Person, die der Gesundheit dient, wird es ihnen wahrscheinlich schwer fallen zu verstehen, warum sich Menschen selbst derart schädigen können. Vielleicht kommt bei Ihnen Wut auf, im Falle der Bulimia nervosa auch Ekel. Nehmen Sie diese Gefühle durchaus ernst. Sie entspringen einer gesunden Haltung. Gleichzeitig sollten Sie sich davor hüten, mit einem urteilenden Blick auf die Person zu schauen. Ess-Störungen sind psychische Erkrankungen und unterliegen nicht der Kontrolle der Betroffenen. Für sie ist es äußerst schwer, aus ihrem Kreislauf herauszukommen. Sie schämen sich ohnehin. Ein verständnisloser, verärgerter oder angeekelter Blick wird ihre Scham umso mehr steigern.
Sagen Sie einer anorektischen Patientin nicht, dass sie sich schädigt, dass sie zu dünn ist oder dergleichen. Es bringt nichts. Sie wird Ihnen nicht glauben, denn sie hat keine Einsicht in ihre Krankheit. Gerade weil diese Einsicht fehlt, kann die Anorexie derart fortschreiten und ist eher schwer zu heilen.
Beim Kontakt mit der Bulimie-Patientin sollten Sie sich deren Scham und Schuldgefühle vor Augen halten. Äußern Sie nichts, was diese Gefühle steigern könnte. Das können Äußerungen sein wie „Sie schädigen sich“ oder „Es liegt doch in Ihrer Hand“. Verhalten Sie sich gegenüber Ihren essgestörten Patienten so, wie Sie sich gegenüber Ihren anderen Patienten verhalten. Bleiben Sie sachlich und freundlich.
Beachten Sie: Möglicherweise unterliegen Sie selbst - als Frau - dem Schlankheitsideal. Dann werden Sie von Vornherein mehr Verständnis für die Betroffenen haben. Wenn Sie denken „Ich würde aber nie so weit gehen, dass ich erbreche/abmagere“, beachten Sie, dass dies in Zukunft doch der Fall sein könnte. Niemand ist vor der Entwicklung einer psychischen Störung geschützt.