28.03.2011 | Notfallmanagement
Neue Richtlinien für die Wiederbelebung
von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München
Lebensbedrohliche Notfälle können in Arztpraxen täglich eintreten. Wenn ein Patient einen Kreislaufstillstand erleidet und seine Atmung zum Erliegen kommt, ist rasches Handeln erforderlich. Vorausschauendes Notfallmanagement bereitet Praxisteams auf solche Situationen vor.
Einfache Regeln für rasches Handeln
Die Richtlinien des European Resuscitation Council (ERC) geben im deutschen Sprachraum die Rahmenbedingungen für Herz-Lungen-Wiederbelebung vor. Im Abstand von fünf Jahren aktualisiert das ERC seine Leitlinien. Kürzlich hat das ERC mit seinen „Guidelines 2010“ die Novelle der im Jahr 2005 veröffentlichten Regeln herausgegeben. Darin finden sich keine umwälzenden Neuigkeiten im Vergleich zu den Bestimmungen, die „Praxisteam professionell“ in Ausgabe 6/2008 beschrieben hat - allerdings wurden die seinerzeit festgelegten Tendenzen konsequent weiterentwickelt.
Hauptsache: Herzfunktion unterstützen
Nach den neuen ERC-Richtlinien konzentrieren ungeschulte Ersthelfer sich bei der Wiederbelebung ausschließlich auf die unterbrechungsfreie und effektive Thoraxkompression (Herzdruckmassage). Ersthelfer sollen vor allem den Blutkreislauf aufrechterhalten. Die Bedeutung der Atemspende hat weiter abgenommen. Folgende Regeln gelten:
- Die Frequenz liegt bei 100/Minute.
- Der Druckpunkt liegt in der Mitte des Brustbeins.
- Die Drucktiefe beträgt mindestens fünf Zentimeter.
- Nach jeder Kompression ist der Brustkorb vollständig zu entlasten. Die aufeinander gelegten Hände des Ersthelfers bleiben im Kontakt zur Haut des Notfallopfers.
- Unterbrechungen sind zu vermeiden.
Zur Feststellung eines Kreislaufstillstandes dürfen vor Beginn der Thoraxkompression maximal zehn Sekunden aufgewendet werden. Als wichtigstes Zeichen gilt die Schnappatmung:
- Atemfrequenz liegt unter zehn Atemzügen/Minute und das Atemvolumen ist zu klein.
- Der Betroffene zeigt eine blasse oder bläuliche Hautfarbe.
- Die Atemhilfsmuskulatur ist in Aktion.
- Die Atmung erfolgt stoßweise und unter deutlicher Bewegung des Kopfes.
Geschulte Ersthelfer wenden eine Kombination aus Herzdruckmassage und Atemspende an. Sie erfolgt in einem Rhythmus von 30:2. Den Beginn machen stets die Thoraxkompressionen. Jede Atemspende erfolgt innerhalb einer Sekunde und unter Beobachtung der Bewegung des Brustkorbs. Nach zwei Beatmungsversuchen beginnen die Thoraxkompressionen erneut - unabhängig davon, ob die Atemspende erfolgreich war.
Merke: Die Herzdruckmassage darf nicht unterbrochen werden!
Defibrillation wichtig
Die Anwendung eines Defibrillators soll nach den neuen Regeln die Thoraxkompression für höchstens fünf Sekunden unterbrechen. Das heißt, die Ersthelfer nutzen auch die Ladephasen des Gerätes für die kontinuierliche Herzdruckmassage. Das ERC hält das Risiko der Ersthelfer, sich während des Stromstoßes zu verletzen, für unbedeutend. Dies gilt insbesondere, wenn Schutzhandschuhe (etwa aus Latex) zum Einsatz kommen, die aus hygienischen Erwägungen ohnehin getragen werden sollten.
Kinder wiederbeleben
Ungeschulte Helfer sollen sich auch bei Kindern auf die Thoraxkompression beschränken. Wenn sie die Kombination mit Atemspenden leisten können, wenden sie einen Rhythmus von 30 Kompressionen zu zwei Atemspenden (30:2) an. Professionelle Helfer verwenden einen 15:2-Rhythmus. Die Tiefe der Kompressionen soll etwa ein Drittel der Brustkorbhöhe betragen. Das sind bei Säuglingen etwa vier Zentimeter, bei älteren Kindern fünf Zentimeter (wie bei Erwachsenen). Die Frequenz liegt idealerweise bei 100 bis 120/Minute.
Praxistipps
Studien haben gezeigt, dass auch geschulten Ersthelfern Handlungsroutinen innerhalb des ersten halben Jahres nach einem Kurs abhanden kommen. Deshalb sind regelmäßige Auffrischungs-Lehrgänge unumgänglich.
In Praxisteams sollte die Handlungskaskade für Notfälle genau besprochen sein. Jeder Beteiligte muss exakt wissen, welche Rolle er zu welchem Zeitpunkt zu übernehmen hat. Die Notfall-Ausrüstung, zum Beispiel Masken, Beatmungsbeutel, ggf. Defibrillator sowie weiteres Zubehör müssen stets funktionstüchtig sein. Ein Mitglied des Praxisteams soll dies regelmäßig überprüfen.
Weiterführender Hinweis
- Das ERC hat weitere ausführliche Informationen zu den Richtlinien des Jahres 2010 veröffentlicht. Sie sind im Internet zu finden unter: www.erc.edu/index.php/doclibrary/en/211/1/