27.10.2010 | Neue Mitarbeiter
„Hilfe, die Neue passt nicht ins Team!“ - Wie Sie eine neue Kollegin schnell integrieren
von Sybille David, Praxisberaterin, Groß-Gerau
Die Integration einer neuen Mitarbeiterin erfordert von allen Beteiligten viel Fingerspitzengefühl. „Praxisteam professionell“ hilft Ihnen mit bewährten Praxistipps.
Aller Anfang ist schwer? Nicht unbedingt!
Vielleicht kommt Ihnen die folgende Begebenheit bekannt vor? So oder ähnlich verlaufen viele erste Arbeitstage.
Der erste Arbeitstag - wie er nicht sein sollte
| Die neue Kollegin wartet schon vor der Tür, als die anderen Kolleginnen zur Arbeit kommen. In der Praxis gehen alle zusammen in den Umkleideraum und fangen an, sich umzuziehen. Die Neue steht nur verlegen lächelnd da. Will sie sich nicht umkleiden? Warum steht die da nur so rum? Endlich fällt der Groschen: Sie weiß ja nicht, welcher Spind zu ihrer Verfügung steht. Eine Kollegin zeigt ihn ihr. Alle sind fertig und gehen in die Sprechzimmer, um diese vorzubereiten. Wie lange braucht die Neue denn, bis sie fertig ist? Die hat ja wohl die Arbeit nicht gerade erfunden. Als der Arzt in die Praxis kommt, grüßt er flüchtig, schüttelt der Neuen im Vorbeigehen die Hand und wünscht ihr alles Gute. Bei Fragen könne sie sich jederzeit an die Kolleginnen wenden. Aber am Abend nach weiteren Missverständnissen und Verzögerungen sind sich alle einig: Die „Neue“ passt nicht in unser Team. |
6 typische Fallen beim Neustart einer Kollegin
Wenn ein paar wichtige Dinge beachtet werden, kommt es gar nicht dazu, dass die Vermutung geäußert wird, die neue Kollegin passe nicht ins Team. Was also ist zu tun, um eine neue Mitarbeiterin erfolgreich im Team einzuführen? Folgende „Fallen“ sind unbedingt zu vermeiden:
Falle 1: Stellenanzeige zu vage formuliert
Niemand weiß so recht, in welchem Bereich die Neue eingesetzt werden soll. Entsprechend vage wird die Stellenanzeige gestaltet. |
Die Lösung: Machen Sie bei jedem bevorstehenden Wechsel in der Praxis eine Bestandsaufnahme: Soll die neue Mitarbeiterin die alte ersetzen oder bekommt die Stelle ein neues Profil? Will jemand aus dem Team die freie Stelle übernehmen? Dann wird ein Ersatz für die Kollegin gesucht, die in einen anderen Bereich wechselt. Stimmen Sie daher auf jeden Fall rechtzeitig im Team ab, was genau Sie von der Neuen erwarten, und schreiben Sie dies dann auch in die Stellenanzeige, damit Sie ausschließlich Bewerbungen erhalten, die einigermaßen auf das Stellenprofil zutreffen. Alles andere kostet Sie unnötig Zeit, Kraft und Nerven.
Falle 2: Langweilige Allerwelts-Stellenanzeige
Eine wenig aussagekräftige Anzeige wie „ Aufgeschlossene, fortbildungswillige und engagierte Helferin gesucht. Bereitschaft zur Schichtarbeit wird vorausgesetzt.“ wird geschaltet. Solch eine Stellenanzeige wird eher abschrecken als eine Top-Kraft dazu zu bewegen, sich bei Ihnen zu bewerben. |
Lösung: Formulieren Sie Ihren Anzeigentext kreativ! Außer einer potenziellen neuen Kollegin lesen auch andere Praxisteams und Patienten Ihre Anzeige. Wenn sich eine gut ausgebildete und motivierte Kollegin melden soll, dann müssen Sie Anreize schaffen. Lassen Sie sich bei der Formulierung des Anzeigentextes helfen. Es gibt professionelle Agenturen, die so etwas übernehmen. Lassen Sie sich auch von anderen Anzeigen, die Ihnen positiv auffallen, inspirieren.
Falle 3: Emotionale Bewertung
Die Bewerbungen werden emotional bewertet. Sie haben keine klare Vorstellung davon, wie eine professionelle Bewerbung aussieht. |
Die Lösung: Erstellen Sie eine Checkliste, worauf Sie achten wollen (Handschrift, fehlerfreies Anschreiben, Vollständigkeit der Unterlagen usw.). Sortieren Sie die Kandidatinnen gleich aus, die nicht infrage kommen. Vorstellungsgespräche sind zeitaufwendig - selektieren Sie daher soweit möglich schon vorab. Und wenn Ihr Chef einen Einstellungstest machen möchte, sollte das der Bewerberin vorab angekündigt werden, um sie nicht zu überrumpeln.
Falle 4: Das Team wird nicht einbezogen
Das Bewerbungsgespräch wird nach Feierabend allein vom Arzt oder der Ärztin durchgeführt. Die zukünftigen Kolleginnen, die mit der Neuen künftig erfolgreich arbeiten sollen, werden in die Entscheidung nicht mit einbezogen. |
Die Lösung: Laden Sie die Bewerberinnen zu einem Zeitpunkt ein, an dem das gesamte Team anwesend ist. Sie können eine Praxisführung machen, der Bewerberin Details der täglichen Anforderungen erklären usw. Erst danach erfolgt das Gespräch mit der Praxisleitung.Berufen Sie gleich am nächsten Morgen eine „Feedback-Runde“ ein, in der jede Kollegin ihren Eindruck von der Bewerberin - möglichst sachlich - schildert.
Falle 5: Einstellung ohne Probearbeiten
Die Neue wird ohne weitere vorherige Begegnung eingestellt. Das Team sieht sie dann erst am ersten Arbeitstag wieder. |
Falle 6: Vorbehalte gegen neue Kollegin und keine Einarbeitung
Die Neue wird mit der früheren Kollegin verglichen, links liegen gelassen und eine richtige Einarbeitung findet nicht statt. |
Die Lösung: Geben Sie der neuen Kollegin eine reelle Chance! Sie ist kein Klon Ihrer bisherigen Kollegin, sie ist eine eigenständige Persönlichkeit mit Ecken und Kanten. Helfen Sie ihr, möglichst rasch ein Mitglied des Teams zu werden. Bestimmen Sie eine Kollegin als Mentorin oder Patin. An diese kann sie sich bei Fragen und Unklarheiten wenden. Vereinbaren Sie eine bestimmte Einarbeitungszeit und führen Sie danach Feedback-Gespräche sowohl mit der neuen Mitarbeiterin als auch mit den anderen Teammitgliedern.
Fazit
Eine Neueinstellung ist ein Projekt, das umso erfolgreicher wird, je besser es geplant und vorbereitet wurde. Die Neuaufstellung eines Teams gehört zu den heikelsten Anforderungen der Praxisführung und sollte deshalb auf keinen Fall „so nebenbei“ erfolgen.
Natürlich gibt es auch Fälle, in denen sich trotz Probearbeiten erst nach der Einstellung herausstellt, dass die Wahl keine gute war. Stellen Sie jedoch sicher, dass es wirklich objektive Kriterien sind, die eine Zusammenarbeit nicht möglich machen. Wenn die neue Kollegin deutliche Schwachstellen aufweist, sollten Sie schnell handeln. Informieren Sie umgehend Ihren Chef, damit er entscheidet, wie es weitergehen soll.
Praxishinweis
Ist Ihre Kollegin fachlich nicht so versiert, wie es die Stelle erfordert, können Sie gemeinsam im Team überlegen, ob sie diese Defizite durch eine Fortbildung ausgleichen kann. Wenn Sie menschlich mit der neuen Kollegin gut klarkommen und auch die Patienten positiv auf sie reagieren, lohnt sich dieser Aufwand sicherlich. Stellen Sie menschliche Defizite fest, zum Beispiel mangelnde Hilfsbereitschaft oder mangelndes Teaminteresse, dann muss die Entscheidung selbstverständlich überdacht werden. |