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02.03.2011 | Mobbing

Meine Kollegin schneidet mich immer - was kann ich tun?

von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau

In Ausgabe 4/2010 hat Sie „Praxisteam professionell“ mit dem Artikel „Die systematische Schikane Mobbing“ allgemein über Mobbing informiert. Jetzt soll es darum gehen, wie Sie bei bestimmten Mobbing-Handlungen reagieren können, um nicht so schnell zum Opfer der Schikane zu werden.  

Mobbinghandlungen

Jemandem auf eine Frage nicht zu antworten, ihn nicht anzusprechen und anzusehen oder zu sticheln, sind Mobbing-Handlungen. Die genaue Definition von Mobbing ist, dass solche Handlungen über einen längeren Zeitraum erfolgen müssen. Aber jede einzelne solcher Verletzungen ist ein Unrecht, von Anfang an. Warten Sie nicht zu lang, reagieren Sie gleich!  

Die Kollegin antwortet nicht auf eine Frage

Sie fragen Ihre Kollegin, ob sie weiß, wann die Blutergebnisse von einem Patienten kommen werden. Die Kollegin blättert aber in einer Akte weiter und reagiert nicht. Lassen Sie dieses Verhalten nicht auf sich beruhen und fahren Sie mit der Ansprache fort. Folgender Dialog könnte entstehen:  

 

  • „Frau X, wissen Sie, wann die Blutergebnisse von Frau Y kommen?“
  • (Reagiert nicht.)
  • „Frau X?“ (Sie sprechen nicht zu leise, nicht zu laut, nicht aggressiv, sondern neutral.)
  • (Reagiert immer noch nicht.)
  • (Jetzt gehen Sie zu ihr, stellen sich direkt vor sie, schauen sie an und sagen) „Frau X, ich habe Ihnen eben eine Frage gestellt. Haben Sie das nicht gehört?“

 

Die Wahrscheinlichkeit, dass Frau X Sie jetzt weiterhin wie Luft behandelt, sinkt. Sie haben gezeigt, dass Sie immer noch eine Antwort erwarten, dass Sie den Kontakt zur Kollegin nicht scheuen, dass Sie sich nicht einschüchtern lassen. Sie demonstrieren damit Selbstbewusstsein, und Mobbing-Täter schikanieren eher wenig selbstbewusste Menschen. Die Kollegin müsste jetzt verunsichert sein, einlenken und auf die Frage antworten.  

 

Angenommen Frau X bleibt hartnäckig und antwortet immer noch nicht, sieht Sie gar nicht an. Dann sagen Sie Folgendes:  

 

  • „Ich sehe, Sie wollen nicht mit mir reden. Ich erlebe das jetzt das dritte Mal mit Ihnen. So ist eine Zusammenarbeit in der Praxis nicht möglich. Ich bitte Sie, mir zu sagen, was los ist.“

 

Mit diesen Äußerungen gehen Sie von der Sachebene auf die persönliche Ebene. Denn jetzt besteht kein Zweifel mehr, dass Frau X Sie offen schikaniert. Sie benennen das Problem und machen ein Gesprächsangebot. Sie demonstrieren damit weiterhin Selbstbewusstsein und zeigen, dass Sie keine Angst vor der Konfrontation haben. Oder Sie haben durchaus Angst, aber nicht so sehr, dass Sie das daran hindert, in Kontakt zu gehen. Wenn die Kollegin noch immer nicht reagiert, dann sagen Sie:  

 

  • „Gut, dann werde ich Ihr Verhalten bei der nächsten Teamsitzung ansprechen. Ich sehe keine Möglichkeit, gute Arbeit zu leisten, wenn ich geschnitten werde. Deshalb ist das keine Sache mehr, die nur Sie und mich betrifft.“ (Sie wenden sich jetzt ab und arbeiten weiter.)

 

Sie haben nun angekündigt, Dritte hinzuzuziehen. Sie zeigen, dass Sie mit dem Problem nicht allein bleiben werden. Jetzt sollte die Mobbing-Täterin einlenken. Tut sie es immer noch nicht, dann sprechen Sie das Problem in der Teambesprechung tatsächlich an.  

Die Kollegin stichelt

Sticheleien sind beleidigende Aussagen. Sie verunsichern den anderen, verletzen das Selbstwertgefühl. Ziehen Sie sich den Schuh nicht an, bleiben Sie bei sich selbst und konzentrieren Sie sich auf das unrechte Verhalten Ihrer Kollegin. Hier ein möglicher Dialog:  

 

  • „Ach, unsere Stille kommt herein.“ (Kichert.)
  • „Oh, jeder hat so seine Eigenarten. Und ich rede nicht viel. Ist doch in Ordnung.“

 

Sie bleiben sachlich, gehen auf den Inhalt der Aussage ein. Sie demonstrieren Selbstbewusstsein, zeigen, dass Sie mit sich selbst einverstanden und nicht so leicht zu verunsichern sind. Die Kollegin könnte jetzt weitersticheln.  

 

  • „Ja, ja, du hast wirklich Eigenarten.“ (Betont das Wort „Eigenarten“.)
  • (Jetzt gehen Sie von der Sachebene auf die persönliche Ebene:) „Was willst du mir jetzt eigentlich sagen?“

 

Sie zeigen, dass Sie verstanden haben, dass es der Kollegin um etwas anderes geht - nämlich Sie zu verletzen! Ihre konkrete, offene Frage müsste die Kollegin jetzt verunsichern. Sie muss offenlegen, was sie gegen Sie hat. Menschen, die es nötig haben, andere kleinzumachen, sind normalerweise nicht so selbstbewusst, um in ein offenes Gespräch hineinzugehen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Kollegin mit einem „Oh, nichts“ oder Ähnlichem das Sticheln beendet. Aber angenommen, sie macht weiter:  

 

  • „Ach, stell dich nicht so an, was habe ich denn schon gesagt?“ (Sie benutzt Ihre selbstbewusste Reaktion für eine neue Verletzung.)
  • „Das ist kein Sich-Anstellen. Du machst eine vage Äußerung und ich möchte sie verstehen. Deshalb frage ich nach. Oder möchtest du nicht, dass ich verstehe, was du mir sagen willst?“

 

Die Kollegin ist jetzt in Zugzwang. Souverän darauf einzugehen würde bedeuten, dass sie sagen muss, dass sie Sie beleidigen will, was sie natürlich ungern tun wird. Höchstwahrscheinlich wird sie sehr verunsichert sein und die Situation mit einem „Ist schon gut“ retten wollen. Sie wird sich nicht mehr so leicht trauen zu sticheln. Denn Sie sind mutig in die Konfrontation gegangen. Wenn die Kollegin später doch wieder stichelt, machen Sie ein Gesprächsangebot wie in dem obigen Beispiel:  

 

  • „Ich erlebe es jetzt immer öfter, dass du mir Dinge sagst, die verletzend sind. Ich möchte gern wissen, was mit dir los ist. Sollten wir nicht reden?“

 

Wenn die Kollegin immer noch nicht einlenkt, kein Gespräch will, kündigen Sie auch hier an, dass in dieser Weise eine Zusammenarbeit sehr schwer ist und dass Sie das Problem bei der nächsten Teamsitzung ansprechen wollen.  

Fazit

Auf Konfrontationskurs zu gehen, ist keine leichte Sache. Wir wissen, da hat jemand etwas gegen uns. Machen wir das offen, könnten schlimmere Verletzungen folgen. Deshalb sollten Sie nicht erwarten, dass Sie vollkommen selbstsicher auftreten können. Wenn Sie merken, Ihre Stimme wird − vor Wut, aus Angst oder anderen Gefühlen − zittrig, stören Sie sich nicht daran. Sprechen Sie trotzdem. Denn das Wichtigste ist, dass Sie zeigen, dass Sie die Situation so nicht auf sich beruhen lassen. Sie demonstrieren, dass Sie kein leichtes Mobbing-Opfer darstellen!  

 

Checkliste „Was tun, wenn die Kollegin einen schneidet“

Ruhig bleiben, tief ein- und ausatmen.  

Die Schikane nicht als Ihr Problem, sondern als das Problem des anderen betrachten („Sie ist schwach, sonst hätte sie es nicht nötig zu versuchen, andere zu schwächen“).  

Ansprechen mit möglichst nicht zu leiser und nicht zu lauter Stimme.  

Immer erst sachlich bleiben, erst danach auf die persönliche Ebene gehen.  

Problem benennen („So ist eine Zusammenarbeit nicht möglich“) und Gespräch unter vier Augen anbieten.  

Wenn auf das Gesprächsangebot nicht eingegangen wird: ankündigen, das Verhalten in der Teamsitzung anzusprechen.  

 

Quelle: Ausgabe 03 / 2011 | Seite 14 | ID 142673