24.05.2011 | Mitarbeitersuche
Anonymisierte Bewerbungen - Eine Idee mit Zukunft?
von Dipl.-Päd. Dr. Wolfgang Huge, Bad Essen
Damit Frauen mit Kindern, ältere Menschen oder Mädchen mit ausländisch klingenden Namen nicht weiterhin deutlich schlechtere Chancen bei Bewerbungsverfahren haben, laufen seit November 2010 Untersuchungen mit sogenannten „anonymisierten Bewerbungen“, die besseren Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz bieten sollen. Dabei geht es um Bewerbungen ohne Namen und Foto. Ziel ist es, den Bewerbungsprozess fairer zu machen. „Praxisteam professionell“ stellt Ihnen die Idee vor.
Anonymisierte Bewerbungen
So manches Bewerbungsverfahren endet, ehe es richtig begonnen hat. Ein Blick auf den Namen der Bewerberin, ihr Alter oder ihre Religionszugehörigkeit reicht aus, und schon landen selbst aufwendig erstellte, professionelle Bewerbungsunterlagen in der „Ablage P“. Das belegen zahlreiche Studien und die Beratungserfahrung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Deshalb fordert die ADS (www.antidiskriminierungsstelle.de), vollkommen anonyme Unterlagen einzusetzen
In anonymisierten Bewerbungen finden sich ausschließlich sachliche Informationen zur Bewerberin/zum Bewerber, der Name und die Adresse tauchen dort jedoch nicht auf, da sie Rückschlüsse auf die Herkunft ermöglichen. Ebenso fehlen Angaben zur Nationalität, zum Familienstand und zum Alter, und zu guter Letzt bleibt auch das Foto auf der Strecke. Ohne Bild und Angaben zur Person sollen allen Bewerberinnen die gleichen Chancen auf ein persönliches Vorstellungsgespräch eingeräumt werden, allein die Qualifikation soll zählen - soweit die Theorie.
Hintergrund des Projekts der ADS ist, das nicht nur Ausländerinnen häufig bereits in der ersten Bewerbungsrunde scheitern, sondern auch Mädchen mit ausländisch klingenden Namen werden früher aussortiert - bei gleicher und teilweise sogar besserer Qualifikation als ihre Konkurrentinnen mit deutschen Namen. So zeigte eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), dass die Angabe eines türkisch klingenden Namens die Chancen auf einen Praktikumsplatz im Durchschnitt um 14 Prozent, bei kleineren Unternehmen sogar um 24 Prozent verringert.
Aufgabe anonymisierter Bewerbungen ist die Herstellung von mehr Chancengleichheit. Praktisch heißt dies, dass Einladungen zum Vorstellungsgespräch ausschließlich aufgrund der Qualifikation erfolgen.
Das Modellprojekt
Ausgehend von guten Erfahrungen in anderen Ländern hat die ADS im November 2010 ein deutschlandweites Modellprojekt gestartet, in dem verschiedene Unternehmen (u.a. Deutsche Post, Deutsche Telekom), Behörden (Bundesfamilienministerium, Bundesagentur für Arbeit in Nordrhein-Westfalen) und die Stadtverwaltung von Celle anonymisierte Bewerbungsverfahren testen. Beim Pilotprojekt werden mehrere Tausend Bewerbungen für rund 225 Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplätze anonymisiert. Die Stellen reichen von der Lehrlingsausbildung über zu vergebende Studienplätze bis hin zu technischen Berufen oder Jobs im Kundenservice.
Wie werden anonymisierte Bewerbungen umgesetzt?
Es gibt verschiedene Methoden der Anonymisierung von Bewerbungsunterlagen, die sich an die bisherige Bewerbungspraxis anpassen lassen - mit sehr unterschiedlichen Resultaten. Im Modellprojekt werden folgende Methoden auf ihre Tauglichkeit geprüft:
- Anonymisierte Online-Bewerbungsbögen, die passgenau die Kompetenzen, Qualifikationen und Motivation erfassen, die für die Arbeitgeber wichtig sind.
- Einheitliche, anonymisierte Bewerbungsformulare, die Bewerberinnen per Download, E-Mail oder Post erhalten und ausgefüllt zurückschicken und
- Nachträgliche Anonymisierung der herkömmlichen Bewerbungsunterlagen (durch Schwärzen oder Übertragen von Daten).
In der ersten Auswahlrunde wird der Blick des einstellenden Personalverantwortlichen ausschließlich auf die Qualifikation gelenkt. Erst in der zweiten Phase, wenn die Einladung zum Vorstellungsgespräch erfolgt, erhält er die vollständigen Unterlagen mit persönlichen Angaben und kann sich so gezielt auf das Gespräch vorbereiten.
Einsatz in Arztpraxen realistisch?
Der Aufwand, anonymisierte Online-Bewerbungsbögen anzubieten, dürfte für Arztpraxen zu umständlich und bürokratisch sein. Die nachträgliche Anonymisierung kann nur funktionieren, wenn sich die Bewerbungen nicht direkt an den Praxisinhaber richtet, was ebenfalls kaum umsetzbar ist. Und auch wenn diese Wege gegangen werden: Nach wie vor bildet das Vorstellungsgespräch selbst die größte Hürde auf dem Weg zur Beschäftigung. Zwar lassen sich etwaige Vorurteile und Vorlieben des Chefs durch ein verändertes Bewerbungsverfahren im ersten Schritt unterbinden, doch für die weitere Entscheidungsfindung ausschließen lassen sie sich auch bei anonymisierten Verfahren nicht.