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03.05.2011 | Medizinwissen

Wie erkennt man einen Schlaganfall?

von Dr. med. Maria-Anna Schoppmeyer, Medizinjournalistin, Nordhorn

In Deutschland ereignen sich pro Jahr mehr als 200.000 Schlaganfälle. Jeder vierte Betroffene stirbt innerhalb eines Jahres an den Folgen der Erkrankung. Nur 40 Prozent der Patienten erleben ein Jahr nach dem Schlaganfall keine Einschränkungen im täglichen Leben. Viele Patienten werden pflegebedürftig und verlieren ihre Selbstständigkeit. Bleibende Folgeschäden lassen sich durch die rasche Einleitung einer Therapie mindern oder sogar verhindern. Daher sollte jede MFA die Symptome eines Schlaganfalls schnell erkennen.  

Schnelles Handeln ist wichtig, denn „Time is brain“!

Kommt ein Patient in die Praxis, bei dem auch nur der leiseste Verdacht auf einen Schlaganfall besteht, ist schnelles Handeln gefragt. Jetzt zählt jede Minute. Durch das rasche Erkennen der Symptome sowie eine unverzüglich eingeleitete Behandlung können Folgeschäden gemindert werden. Lediglich innerhalb der ersten drei (bis höchstens viereinhalb) Stunden nach Symptombeginn kann in der Klinik eine Lyse-Therapie, also die Auflösung eines Blutgerinnsels im Hirngefäß, durchgeführt werden. Und nur so kann Hirnsubstanz gerettet und einer weitreichenden Behinderung entgegengewirkt werden. Das Schlagwort lautet „Time is brain“ („Zeit ist Hirn“).  

Warnzeichen eines Schlaganfalls

Typisch für einen Schlaganfall ist das plötzliche Auftreten neurologischer Ausfälle, bedingt durch die Mangeldurchblutung des Gehirns. Hierzu zählen:  

 

  • Lähmungserscheinungen auf einer Körperhälfte: Betroffen können Gesicht, Arm und Hand sowie das Bein sein. Typisch ist beispielsweise der herabhängende Mundwinkel. Die Lähmung muss nicht komplett sein, häufig äußert sie sich nur durch eine Muskelschwäche.

 

  • Sensibilitätsstörungen im Gesicht, am Arm oder einer Körperhälfte: Sie äußern sich als gestörtes Berührungsempfinden, wie zum Beispiel bei einem eingeschlafenen Fuß oder als ein Pelzigkeitsgefühl auf einer Körperseite. Die Sensibilitätsstörungen und Lähmungen treten auf der gleichen Körperseite auf.

 

  • Sehstörungen: Kurzzeitiges Erblinden auf einem Auge, plötzliche Doppelbilder, verschwommen sehen, Einschränkungen des Gesichtsfeldes (der Betroffene übersieht Gegenstände oder Menschen auf einer Körperseite).

 

  • Sprach- und Kommunikationsstörungen: Verwaschene, lallende oder stockende Sprache, Verdrehen von Silben oder Verwenden falscher Buchstaben innerhalb der Wörter, Wortfindungsstörungen, plötzliche Unfähigkeit zu sprechen.

 

  • Schwindel verbunden mit Gangunsicherheit: Schwindel kann sich beispielsweise äußern als Drehschwindel (Karussell fahren) oder Schwankschwindel (Boot fahren).

 

  • Des Weiteren: Kopfschmerzen (eventuell verbunden mit Übelkeit und Erbrechen) sowie Bewusstseins- und Schluckstörungen.

 

Nicht immer sind diese Warnzeichen deutlich zu erkennen und treten alle gemeinsam auf. Sie können auch nach wenigen Sekunden oder Minuten bereits wieder verschwunden sein und werden dann häufig als kurzfristige Schwäche missverstanden.  

Transitorisch ischämische Attacke

Klingen die Warnzeichen eines Schlaganfalls schnell wieder ab, handelt es sich um eine transitorisch ischämische Attacke (TIA), die nicht verharmlost werden darf. Auch hier liegt ein Notfall vor, denn eine TIA ist häufig Vorbote eines Schlaganfalls. Daher müssen Patienten auch in die Klinik eingewiesen werden, wenn sie über typische Symptome eines Schlaganfalls berichten, die bereits wieder abgeklungen sind.  

Vorgehen in der Praxis

Ein akuter Schlaganfall ist in der hausärztlichen Praxis ein eher seltenes Ereignis. Wesentlich häufiger ruft ein Angehöriger in der Praxis an und beschreibt eines oder mehrere der oben genannten Symptome. Hier sollte die MFA erkennen, dass es sich um ein lebensbedrohliches Krankheitsbild handelt und den Anrufer unverzüglich mit dem Arzt verbinden. Keinesfalls darf ein Angehöriger vertröstet werden, er solle sich später noch einmal melden, da sich der Arzt gerade in einer Untersuchung befinde und nicht gestört werden dürfe. Bei den Symptomen eines Schlaganfalls handelt es sich immer um einen Notfall!  

Einweisung in die Klinik

Ist der Arzt informiert, entscheidet er über das weitere Vorgehen. Er kennt die Vorgeschichte des Patienten und kann die Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls einschätzen. In der Regel wird dann der Notarzt verständigt (Telefonnummer 112 oder regional 19222) und der Patient wird unverzüglich in ein Krankenhaus transportiert.  

 

Auf akute Schlaganfälle spezialisiert sind die so genannten „Stroke Units“ oder „Schlaganfall-Stationen“, die sich mittlerweile an vielen internistischen oder neurologischen Kliniken befinden. Hier werden die Patienten von verschiedenen Fachärzten und speziell ausgebildeten Pflegekräften betreut und erhalten so eine optimale medizinische Versorgung.  

Akutversorgung

Ereignet sich ein Schlaganfall direkt in der Praxis ist es - wie bei jedem Notfall - wichtig, Ruhe zu bewahren. Der Betroffene sollte nicht allein gelassen werden. Er muss bequem und mit 30 Grad erhobenem Oberkörper gelagert werden, beengende Kleidung wie Kragen und Krawatte sollte gelockert werden. Bei Bewusstlosigkeit muss der Patient in die stabile Seitenlage gebracht werden. Puls, Blutdruck und Atmung müssen kontrolliert werden. Die weitere medizinische Behandlung ist Aufgabe des Arztes.  

 

Aufgrund der möglicherweise bestehenden Schluckstörungen darf der Patient keine Tabletten einnehmen, kein Wasser trinken oder Nahrung zu sich nehmen. Für den Notarzt bzw. die Klinik sollte, wenn möglich, eine Liste mit den Medikamenten angefertigt werden, die der Patient regelmäßig einnimmt. Angehörige müssen verständigt werden, um den Patienten ins Krankenhaus zu begleiten oder ihm folgen zu können. Aufgrund der häufig auftretenden Sprachstörungen bei Schlaganfall sind für die Ärzte im Krankenhaus Informationen von Angehörigen besonders hilfreich.  

 

90 Prozent aller Schlaganfälle mit zehn Risikofaktoren zu erklären

Gemäß einer großen Fall-Kontroll-Studie aus dem Jahr 2010 sind fast 90 Prozent aller Schlaganfälle auf zehn modifizierbare Risikofaktoren zurückzuführen. 80 Prozent aller Schlaganfälle lassen sich demnach mit den folgenden Faktoren erklären: Hypertonie (1), Rauchen (2), abdominale Adipositas (3), falsche Ernährung (4) und geringe körperliche Aktivität (5) - beim hämorrhagischen Schlaganfall (Schlaganfall durch Gehirnblutung) außerdem eine hohe Alkoholaufnahme (6). Zu den weiteren Risikofaktoren zählen Diabetes (7), kardiale Erkrankungen (8), Stress und Depressionen (9) sowie ein ungünstiges Verhältnis der Apolipoproteine B und A1 (10).  

Ausgewertet wurden die Daten von 3.000 Patienten mit akutem erstmaligem Schlaganfall aus 22 Ländern, 78 Prozent mit ischämischem (also durch eine plötzliche Minderdurchblutung des Gehirns entstandenem) und 22 Prozent mit hämorrhagischem Schlaganfall.  

Quelle: O‘Donnell M et al.: Risk factors for ischaemic and intracerebral haemorrhagic stroke in 22 countries (the INTERSTROKE study): a case-control study. The Lancet 2010, published online 18 June; doi:10.1016/S0140-6736(10)60834-3  

 

Weiterführender Hinweis

Quelle: Ausgabe 05 / 2011 | Seite 18 | ID 144639