21.12.2010 | Medizinwissen
Die Auswertung des EKGs
von Dr. Maria-Anna Schoppmeyer, Fachjournalistin Medizin, Nordhorn
In der letzten Ausgabe von „Praxisteam professionell“ wurden die Grundlagen des EKGs (Elektrokardiogramm) vorgestellt. Im zweiten Teil geht es um die Auswertung.
Was sieht man im EKG?
Moderne EKG-Geräte schreiben häufig nicht nur ein EKG, sondern liefern die Auswertung und mitunter auch die Interpretation der Kurve automatisch mit. Dennoch ist es auch für die MFA wichtig, ein EKG einschätzen zu können, um so beispielsweise Artefakte erkennen und beheben zu können. Um das EKG zu interpretieren kann ein genormtes EKG-Lineal zur Hilfe genommen werden.
Das EKG zeigt eine typische Abfolge von Wellen, Zacken und Strecken, die auf den ersten Blick verwirrend aussehen, bei genauer Betrachtung aber wichtige Aussagen darüber zulassen, wie sich die Erregung im Herzen ausbreitet und wieder zurückbildet. Die Wellen und Zacken werden mit dafür festgelegten Buchstaben bezeichnet:

- P-Welle: Erste sichtbare Welle; zeigt die Erregung der Herzvorhöfe
- Q-Zacke: Erste negative Zacke nach der P-Welle; sie ist meist weder sehr breit noch sehr tief.
- R-Zacke: Erste positive Zacke nach der Q-Zacke bzw. nach der P-Welle; sie ist meist schmal und hoch.
- S-Zacke: Erste negative Zacke nach der R-Zacke; sie ist meist - ähnlich der Q-Zacke - klein.
- QRS-Komplex: Setzt sich zusammen aus Q-, R-, und S-Zacke; zeigt die Erregung der Herzkammern. Der QRS-Komplex sieht in den unterschiedlichen Ableitungen sehr verschieden aus.
- T-Welle: Erste Welle nach dem QRS-Komplex; sie ist meist breit und halbrund; zeigt die Erregungsrückbildung der Herzkammern.Nach dem Ende der T-Welle ist eine elektrische Herzaktion, das heißt ein Herzschlag, beendet.
Neben den einzelnen Wellen und Zacken sind für die Interpretation des EKGs auch die dazwischen liegenden Strecken wichtig:
- PQ-Strecke: Abstand vom Beginn der P-Welle bis zum Beginn der Q-Zacke; zeigt die Erregungsausbreitung von den Herzvorhöfen auf die Herzkammern.
- QT-Strecke: Abstand vom Beginn der Q-Zacke bis zum Ende der T-Welle; zeigt die Erregungsausbreitung und -rückbildung in den Herzkammern.
- ST-Strecke: Zeigt die Erregungsrückbildung in den Herzkammern.
Aus der Form, der Höhe und der Dauer der einzelnen Zacken, Wellen und Strecken kann der Arzt wichtige Informationen bezüglich der Herzerregung und damit auch des Funktionszustands des Herzens erhalten. So lassen sich viele krankhafte Veränderungen des Herzens wie beispielsweise Herzrhythmusstörungen, abnorme Belastungen der Herzmuskulatur, das Vorliegen eines frischen oder älteren Herzinfarktes, eine entzündliche Herzerkrankung, Störungen im Elektrolythaushalt des Patienten oder eine Lungenembolie erkennen.
EKG-Auswertung
Die Auswertung eines EKGs sollte möglichst nach einem festen Schema erfolgen: Dazu gehören die Bestimmung der Herzfrequenz, des Lagetyps (Herzachse), des Herzrhythmus sowie die Beurteilung der Erregungsausbreitung und -rückbildung.
- Die Herzfrequenz wird aus dem Abstand einer R-Zacke zur nächsten R-Zacke berechnet. Zusätzlich benötigt man die Schreibgeschwindigkeit des EKG-Gerätes, die in der Regel 50 mm/s beträgt. Das bedeutet, dass in einer Sekunde 50 mm Papier - also zehn große Kästchen auf dem EKG-Papier - vorgeschoben werden. In einer Minute werden also 600 große Kästchen beschrieben.
| 600 : (RR-Abstand in großen Kästchen) = Herzfrequenz Beträgt der Abstand zweier R-Zacken beispielsweise zehn Kästchen beträgt die Herzfrequenz 600 : 10 = 60/Minute. |
- Der Lagetyp des Herzens sagt etwas aus über die Verlaufsrichtung der elektrischen Erregung im Herzen. Sie erfolgt von der Herzbasis zur Herzspitze, also von rechts oben nach links unten. So kann auf die anatomische Stellung des Herzens im Brustkorb rückgeschlossen werden. Als normal wird abhängig von der Konstitution des Patienten ein Steil-, Indifferenz- oder Linkstyp angesehen, die Erregungsausbreitung erfolgt also nach links unten. Wenn Herzmuskelgewebe abstirbt wie beispielsweise beim Herzinfarkt oder wenn der Herzmuskel verdickt ist wie bei einer Herzhypertrophie verändert sich auch die Erregungsausbreitung im Herzmuskel und damit der Lagetyp des Herzens.
- Zur Beurteilung des Herzrhythmus ist es wichtig zu schauen, ob vor jedem QRS-Komplex eine P-Welle vorhanden ist, das Herz also regelhaft erregt wird. Das heißt, dass die Erregung im Sinusknoten in den Herzvorhöfen startet und dann über den AV-Knoten und die Kammerschenkel auf die Herzmuskulatur der Kammern übergeleitet wird.
- Vorhofflattern mit typischen sägezahnförmigen Vorhofwellen und Vorhoffrequenzen von 250-350/Min.
- Beim Vorhofflimmern mit Frequenzen > 350/Min zeigt sich eine unruhige Nulllinie und davon unabhängige, unregelmäßig auftretende Erregungen der Kammermuskulatur.
- Kammerflattern mit deformierten Kammerkomplexen und Kammerfrequenzen von 250-350/Min.
- Kammerflimmern mit nicht mehr erkennbaren Kammerkomplexen und Kammerfrequenzen > 400/Min.
Erkennen eines Herzinfakts im EKG
Die Erregungsrückbildung der Herzkammern beginnt mit der ST-Strecke. Weist die ST-Strecke eine Hebung > 0,2 mV auf, deutet dies auf einen Sauerstoffmangel des Gewebes hin, also einen drohenden oder bereits stattgefundenen Herzinfarkt. Aus den Ableitungen, in der die ST-Strecken-Hebung auftritt, kann auf den genauen Ort des Herzinfarktes rückgeschlossen werden. |
Typische Herzerkrankungen mit dem EKG diagnostizieren
Mit der hier geschilderten Vorgehensweise der EKG-Auswertung können natürlich nicht alle krankhaften Veränderungen am Herzen erfasst werden, in der Regel werden aber typische Erkrankungen erkannt, wie zum Beispiel Herzinfarkt, krankhafte Veränderungen des Herzens, AV-Block, Vorhofflattern und -flimmern sowie Kammerflattern und -flimmern.