26.06.2008 | Hygiene
Hygiene in der Arztpraxis – Grundlagen der Reinigung und Desinfektion
Hygiene ist das A und O in einer Praxis. Doch leider gibt es immer wieder Fälle, in denen sich an das scheinbar Selbstverständliche nicht gehalten wird – und das kann teuer werden. So wurde ein Arzt wegen mangelnder Hygiene in der Praxis zu 25.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt, weil eine Patientin nach einer Injektion einen Spritzenabszess bekam (OLG Koblenz, Urteil vom 22.06.2006, Az: 5 U 1711/05, Abruf-Nr: 063245, nicht rechtskräftig). Mit so einem Fall ist auch der Ruf der Praxis ruiniert und bei schweren Fehlern kann es Ärzte sogar die Zulassung kosten.
Hauptinfektionsquellen sind Hände und kontaminierte Medizinprodukte
Die Hauptinfektionsquelle sind die Patienten, die Hauptüberträger die Mitarbeiter. Die wichtigste Rolle bei der Übertragung von Krankheitserregern spielen die Hände von Personal und Patienten. Ebenfalls können mit Krankheitserregern kontaminierte Medizinprodukte die Infektionsauslöser sein. In jeder Arztpraxis werden zahlreiche Medizinprodukte eingesetzt, die unterschiedlichen Risikoklassen zuzuordnen sind: von Stethoskopen und Blutdruckmanschetten über Nadeln, Spritz-Kanülen bis zu chirurgischen Instrumenten wie Skalpellen und Scheren. Die mehrmalige An- oder Verwendung solcher Medizinprodukte – einschließlich des Zubehörs – setzt daher eine vorhergehende Aufbereitung voraus. Das heißt, die Produkte müssen gereinigt, desinfiziert und je nach Einsatzgebiet sterilisiert werden.
Definition von Hygiene
Hygiene ist die Wissenschaft und Lehre der Verhütung, Kontrolle und Prävention von Infektionskrankheiten sowie die Förderung der Gesundheit. Bakterien, Pilze, Viren und Prionen sowie Erkrankungen durch Parasiten (zum Beispiel Protozoen, Helminthen) und Insekten (Milben) sollen verhütet und bekämpft werden. Maßnahmen zur Vorbeugung von Infektionskrankheiten sind insbesondere die Reinigung, Desinfektion und Sterilisation. |
Empfehlung des Robert-Koch-Instituts
Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert-Koch-Institut (RKI) und des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat die Richtlinie „Anforderungen an die Hygiene bei der Aufbereitung von Medizinprodukten“ empfohlen. Diese sollte im Rahmen eines etablierten Qualitäts- managementsystems befolgt werden. Die Verantwortlichen müssen die Angaben der Hersteller berücksichtigen und schriftlich festlegen, ob, mit welchen Verfahren und unter welchen Bedingungen (zum Beispiel Räume, Arbeitsmittel, Qualifikation des Personals) Medizinprodukte aufbereitet und gelagert werden. Die gesamte RKI-Richtlinie steht im Online Service unter www.iww.de in der Rubrik „Gesetze, Richtlinien und Verordnungen“ zum Download bereit.
Risikoklassifizierungen zur Aufbereitung
Das RKI hat drei Risikoklassifizierungen zur Aufbereitung von Medizin- produkten festgelegt:
- Unkritisch sind Medizinprodukte, die in keinen Kontakt oder lediglich in Berührung mit intakter Haut kommen, beispielsweise Stethoskope oder Blutdruckmanschetten.
- Semikritisch sind Medizinprodukte, die Kontakt mit Schleimhaut oder krankhaft veränderter Haut haben (Spekula wie beispielsweise Endoskope oder Gastroskope). In dieser Klassifizierung wird noch weiter unterschieden zwischen Gruppe A und B:
- Wenn aufgrund einer Sichtkontrolle keine besondere Anforderung an die Aufbereitung nötig ist, zählt das Medizinprodukt zur Gruppe A.
- Wenn die Sichtkontrolle eingeschränkt ist (beispielsweise wegen langer, enger Hohlräumen mit nur einer Öffnung), gehört dies zur Gruppe B.
- Kritisch sind Medizinprodukte, die zur Blutabnahme, für Infusionen sowie zur Durchdringung von (Schleim-)Haut mit Kontakt zu Blut, inneren Geweben, Organen oder Wunden benutzt werden (Skalpelle, Wundhaken etc.). Auch hier wird wie oben nach Gruppe A und B unterteilt sowie eine weitere Gruppe C unterschieden. Innerhalb der Gruppe C wird zwischen thermostabilen (das heißt bei 134° C dampfsterilisierbaren) und thermolabilen (das heißt nicht dampf-sterilisierbaren) Medizinprodukten unterschieden. Aufgrund der besonders hohen Anforderungen an die Aufbereitung dieser Produkte ist eine externe Qualitätskontrolle unverzichtbar.
Reinigung bis ins kleinste Detail
Grundsätzlich müssen alle äußeren und inneren Oberflächen für die Reinigungsmittel zugänglich sein. Sie müssen also Ventile, Hähne oder Gelenkinstrumente öffnen. Komplexe Medizinprodukte müssen Sie sogar zerlegen. Hinsichtlich der Lösung von Protein- und Fettrückständen und einer antimikrobiellen Wirkung sind alkalische Reinigungen (zum Beispiel unter Einsatz von erwärmter Natriumhydroxid-Lösung) sehr wirksam. Aber es kann auch zu nachteiligen Materialveränderungen kommen. Bevorzugen Sie trotzdem beim Kauf der Medizinprodukte solche, die sich alkalisch reinigen lassen.
Vorgaben bei Ultraschallbädern
Ultraschall kann unter bestimmten Voraussetzungen die Reinigungsleistung erhöhen. Wenn Sie Ultraschall in Ihrer Praxis einsetzen, müssen Sie die Dosierungsvorgabe des passenden Reinigungsmittels mit der vorgegebenen Beschallungszeit einhalten. Berücksichtigen Sie dabei auch die Angaben des Herstellers.
Der Einsatz von Ultraschall ist nicht bei allen Medizinprodukten möglich. Bei geklebten, weichen oder luftgefüllten Medizinprodukten ist Ultraschall nicht immer effektiv, insbesondere wegen mangelhafter Übertragung des Schalls.
Seien Sie sorgfältig bei der Beladung der Ultraschallbäder: Fehlbeladungen (beispielsweise durch Schallschatten) können zu einer mangelhaften Wirkung führen. Alle Teile des Medizinproduktes müssen komplett mit Flüssigkeit bedeckt sein.
Desinfektion – thermische Verfahren bevorzugen
Desinfektionsverfahren und -mittel unterscheiden sich in ihrer Wirksamkeit gegenüber der Abtötung von Mikroorganismen und Viren deutlich. Aus diesem Grund unterscheidet man vier Wirkungsbereiche von Desinfektionsverfahren- und mitteln (A-D). Ein Verfahren oder Mittel aus dem Bereich A würde zum Beispiel für Keime aus dem Bereich C nicht ausreichen und dürfte daher in keinem Fall angewendet werden.
- Wirkungsbereich A: Abtötung von vermehrungsfähigen Bakterien einschließlich Mykobakterien (zum Beispiel Tuberkoloseerreger) sowie von Pilzen und Pilzsporen
- Wirkungsbereich B: Inaktivierung von Viren
- Wirkungsbereich C: Abtötung von bakteriellen Sporen bis zur Resistenzstufe des Erregers des Milzbrands
- Wirkungsbereich D: Abtötung von bakteriellen Sporen bis zur Resistenzstufe des Erregers des Gasbrands
Vorsicht! Ein Schuss Reinigungsmittel zur Desinfektionslösung kann dazu führen, dass das Mittel inaktiviert wird – das ist der sogenannte Seifenfehler. Wenn Sie also einen zusätzlichen Reinigungseffekt wünschen, dürfen Sie nur desinfizierende Reinigungsmittel anwenden, die extra dafür vorgesehen sind.
Beachten Sie: Desinfektionsmittel aus der Liste der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) sind für die Desinfektion der Medizinprodukte von Hand vorgesehen, jedoch nicht für die maschinelle Desinfektion!
Gründliche Spülung und Trocknung
Rückstände verwendeter Reinigungs- und Desinfektionsmittel können chemische Irritationen oder allergische Reaktionen auslösen. Deshalb müssen Sie Reinigungs- und Desinfektionsmittellösungen durch intensives Nachspülen sorgfältig entfernen. Der Effekt dieses Schrittes ist von der Zeit, der Temperatur und dem verwendeten Wasservolumen abhängig.
Entmineralisiertes Wasser bildet keine Kristalle
Für die Reinigung/Desinfektion sollten Sie – insbesondere zur Vermeidung von Rekontaminationen und Kristallbildungen – Wasser verwenden, das mikrobiologisch mindestens Trinkwasserqualität hat. Denken Sie auch an die nachträgliche Vermehrung von typischen Wasserbakterien wie Pseudomonaden, Legionellen oder atypischen Mycobakterien. In jedem Fall erfordert die abschließende Spülung entmineralisiertes Wasser, um Kristallbildungen auf den Medizinprodukten zu vermeiden. Denn diese können die anschließenden Sterilisationsprozesse stören.
Vorteil bei Maschinen: Überwachungs-, Kontroll- und Warnsysteme sorgen für die korrekte Desinfektion
Bei Reinigungs- und Desinfektionsverfahren sind speziell maschinelle Verfahren gut zu kontrollieren. Aufgrund von Überwachungs-, Kontroll- und Warnsystemen der Maschinen kann verfahrenstechnisch sichergestellt werden, dass die notwendigen Parameter wie Wasservolumina, Wasserdruck, Temperatur, pH-Wert, Dosierung von Reinigungs- und Desinfektionsmitteln und Einwirkzeit für eine optimale Reinigungs- und Desinfektionsleistung eingehalten werden.
Buchverlosung und Kongress
Das IWW verlost exklusiv für Abonnenten drei Bücher „Hygiene – Prüfungswissen für Pflege- und Gesundheitsfachberufe“ aus dem Elsevier/Urban & Fischer Verlag. In diesem 250-seitigen Werk finden Sie alles relevante Wissen zu den Grundlagen und Methoden der Infektionsprävention nach den aktuellen Richtlinien des RKI – kompakt dargestellt und lesefreundlich verpackt. Der praxisnahe Begleiter im Arbeitsalltag! Wenn Sie an der Verlosung teilnehmen möchten, schicken Sie einfach bis zum 15. Juli 2008 eine E-Mail mit dem Stichwort „Hygiene“ und Ihrer Postadresse an pta@iww.de. Die Gewinner erhalten das Buch direkt zugeschickt.
Sollte Ihr Wissensdurst noch nicht gestillt sein, laden wir Sie hiermit herzlich ein, zum „1. IWW-Arzthelferinnen-Kongress“ nach Köln zu kommen und dort u.a. den Workshop „Praxishygiene ist Infektionsprävention“ zu besuchen. Nähere Infos auf der Rückseite des Heftes.