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27.10.2010 | Fortbildung

Beraten, Schulen, Motivieren: Das Zertifikat „Ernährungsmedizin“

von Verena Wenz, Medienbüro Medizin, Hamburg

Medizinische Fachangestellte (MFA) können in der Arztpraxis die Aufgabe übernehmen, Patienten zum Thema „gesunde Ernährung“ zu schulen. Das fachliche und kommunikative Know-how hierfür vermittelt ein 120-stündiges Fortbildungs-Curriculum der Bundesärztekammer (BÄK). „Praxisteam professionell“ stellt Ihnen den Lehrgang vor.  

Viele Erkrankungen gehen auf falsche Ernährung zurück

Ob Diabetes mellitus oder Arteriosklerose - hängen Krankheiten mit der Ernährung zusammen, erfordert ihre Behandlung mehr als Medikamente. Unverzichtbar ist, dass Patienten Verständnis für Nahrungsmittel und ihre Wirkung auf den Körper entwickeln und mit einer bewussten Ernährung aktiv zu ihrer Gesundheit beisteuern. Um das zu erreichen, braucht es didaktisches und kommunikatives Geschick. MFA können Ärzte hierbei weitgehend entlasten: Die BÄK hat ein Fortbildungs-Curriculum für MFA und medizinisches Assistenzpersonal entwickelt, das mit dem Zertifikat „Ernährungsmedizin“ abschließt. Verschiedene Landesärztekammern bieten die Fortbildung an.  

Einzelberatungen und Gruppenschulungen

Mit dem Zertifikat übernehmen MFA selbstständig die Aufgabe, Patienten und ihre Angehörigen zu einer gesunden Ernährungsweise zu schulen und zu motivieren. Sie führen Einzelberatungen wie auch Gruppenschulungen durch, in denen sie mit den Patienten zusammen Regeln einer gesunden Ernährung erarbeiten, über Risiken aufklären und gesundes Essverhalten einüben. So unterstützen sie Ärzte sowohl in der Therapie als auch bei der Prävention.  

Das Basis-Know-how: Gesprächsführung, Wahrnehmung, Präsentation

Der berufsbegleitende Lehrgang besteht aus einem 120-Stunden-Curriculum, das sich aus zehn Modulen zusammensetzt. Neben Fachkenntnissen haben auch allgemeine kommunikative Kompetenzen dabei großen Stellenwert: Auf dem Lehrplan stehen so unter anderem Techniken der Kommunikation und Gesprächsführung (8 Stunden), Strategien der Konfliktlösung und ein genaues Auseinandersetzen mit der eigenen Berufsrolle, zum Beispiel „Wie reguliere ich Nähe und Distanz zum Patienten?“. Zudem lernen die Teilnehmer, individuelle Bedürfnisse von Patienten richtig wahrzunehmen, wirkungsvoll zu motivieren (Modul „Wahrnehmung und Motivation“, 8 Stunden) und Inhalte mit geeigneten Präsentationstechniken anschaulich zu vermitteln (Modul „Moderation“, 8 Stunden). Diesen allgemeinen Kompetenzen sind insgesamt 24 Unterrichtsstunden gewidmet.  

Ernährungsmedizinisches Fachwissen

Der davon getrennte ernährungswissenschaftliche Teil umfasst sechs Module und insgesamt 80 Stunden: Nach einem allgemeinen Überblick über die Ernährungs- und Stoffwechselphysiologie (4 Stunden) beschäftigen sich die Teilnehmer ausführlich mit der Ernährungspyramide der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (14 Stunden) und lernen einzelne Nahrungsmittelbestandteile und Lebensmittelgruppen kennen. Auch Themen wie industrielle Kennzeichnungen von Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsprodukte kommen dabei zur Sprache.  

 

Ein weiterer Abschnitt des Lehrgangs widmet sich der Ernährung in besonderen Lebensabschnitten (16 Stunden) wie zum Beispiel dem Kleinkind- oder Seniorenalter oder der Schwangerschaft, sowie speziellen Personenkreisen wie Sportlern. Mit 24 Stunden entfällt der längste ernährungswissenschaftliche Themenblock auf Krankheitsbilder und mögliche ernährungstherapeutische Maßnahmen. Hier werden zum Beispiel Stoffwechselstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen angesprochen, genauso wie Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Ess-Störungen.  

 

In dem Modul „Angewandte Ernährungsmedizin“ (16 Stunden) geht es schließlich um die Übertragung des ernährungsbezogenen Wissens in den Praxisalltag, zum Beispiel: „Wie erfasse ich das Essverhalten von Patienten?“ „Wie lege ich mit ihnen Ziele fest?“ „Mit welchen Instrumenten kann ich evaluieren, ob die Patienten ihre Ernährung erfolgreich umgestellt haben?“. Das Modul „Kooperation und Koordination“ (6 Stunden) stellt zum Schluss auch die organisatorische Seite noch einmal in den Vordergrund: die Verteilung der Rollen innerhalb der Praxis, die Zusammenarbeit mit externen Partnern, Qualitätsmanagement, Dokumentation und Abrechnung.  

Hausarbeit und Kolloquium zum Abschluss

Nach dem fachlichen Teil erstellen die Teilnehmer eine Hausarbeit zu einem selbst gewählten, praxisnahen Thema, wie zum Beispiel der Entwurf eines Patienten-Informationsabends zur richtigen Ernährung bei Diabetes. Die Fortbildung schließt mit einem halbstündigen Kolloquium, bei dem die Teilnehmer unter anderem die Ergebnisse dieser Hausarbeit präsentieren.  

Kursangebot in Bayern, Hessen und Westfalen-Lippe

Zum Beispiel die Ärztekammer Bayern, die Landesärztekammer Hessen und die Ärztekammer Westfalen-Lippe bieten die Fortbildung an. Die Kosten variieren dabei von Kammer zu Kammer. In den Walner-Schulen der Ärztekammer Bayern in München kostet der Kurs 840 Euro. Die Landesärztekammer Hessen führt die Fortbildung in der Carl-Oelemann-Schule, Bad Nauheim, für 1.295 Euro durch. In der Akademie für ärztliche Fortbildung der Ärztekammer Westfalen-Lippe und der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe in Münster liegen die Kosten 2010 zwischen 1.600 Euro (bei Arbeitslosigkeit oder Erziehungsurlaub) und 2.150 Euro. Mitglieder der Akademie zahlen 1.875 Euro.  

Schulung türkischer Diabetiker: Fortbildung der Ärztekammer Westfalen-Lippe

Diabetes-Patienten zu einer auf ihre Krankheit abgestimmten Ernährung hinzuführen, kann mitunter zu einer ganz besonderen Herausforderung werden: Was zum Beispiel ist zu beachten, wenn ein Patient streng den Regeln des Ramadan folgt? Rund 300.000 Menschen türkischer Herkunft leiden nach Informationen der Ärztekammer Westfalen-Lippe in Deutschland an Diabetes. Um sie optimal zu schulen, müssen Praxismitarbeiter Besonderheiten der türkischen Mentalität und (Ess-)Kultur kennen. Bei der Ärztekammer Westfalen-Lippe können sich MFA und medizinisches Assistenzpersonal hierzu fortbilden.  

 

Der dreistündige Lehrgang „Schulung türkischer Diabetiker“ vermittelt auf der einen Seite grundsätzliche Inhalte der Diabetikerschulung. Auf der anderen Seite gibt er einen Überblick über spezielle türkische Essenszeiten und -gewohnheiten wie auch türkische Nahrungsmittel und Gerichte. Auch Besonderheiten des türkischen Gesundheitssystems im Vergleich zum deutschen sind Thema, ebenso wie kulturelle Unterschiede in Krankheitsverständnis und Krankheitsbewältigung. Das in der Fortbildung vorgestellte Konzept zur Schulung türkischer Diabetiker beinhaltet auch Anregungen, wie Analphabeten erfolgreich geschult werden können.  

 

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe bietet die Fortbildung in Zusammenarbeit mit der Kooperationsberatungsstelle für Selbsthilfegruppen und Ärzte (KOSA) der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe an. Die Kosten liegen zwischen 50 Euro (bei Arbeitslosigkeit oder Erziehungsurlaub) und 80 Euro.  

Weiterführende Hinweise

  • Der essgestörte Patient in der Arztpraxis - Anorexia nervosa und Bulimia nervosa. („Praxisteam professionell“ - PPA - Nr. 2/2010, Seite 16)
  • Mit gesunder Ernährung energievoll durch den Praxis-Arbeitstag. („Praxisteam professionell“ - PPA - Nr. 12/2009, Seite 18)
  • Informationsveranstaltungen für Patienten stressfrei organisieren („Praxisteam professionell“ - PPA - Nr. 7/2009, Seite 19)
  • Patienten aus anderen Kulturen: Steigern Sie Ihre interkulturelle Kompetenz („Praxisteam professionell“ - PPA - Nr. 2/2009, Seite 7)
Quelle: Ausgabe 11 / 2010 | Seite 9 | ID 139614