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· Fachbeitrag · Teamwork

Supervision als Burnout-Prophylaxe

von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau

| Bekanntlich sind Menschen in helfenden Berufen stark durch Burnout gefährdet. Was dem entgegenwirken kann, ist professionelle Supervision. Sich supervidieren zu lassen, gehört heute zur Qualitätssicherung in der Arbeit. Lesen Sie in PPA, was genau bei einer Supervision geschieht. |

Was bedeutet Supervision?

Zunächst sei gesagt, dass es die Supervision nicht gibt. Je nach Ausbildung des Supervisors und je nach Bedarf der Supervisanden gibt es verschiedene Arbeitsweisen, zum Beispiel tiefenpsychologisch oder verhaltensorientiert, und verschiedene Settings wie Einzel- oder Gruppensupervision. Allen gemeinsam sind jedoch folgende Punkte:

  • Probleme in der beruflichen Interaktion werden systematisch bearbeitet,
  • die persönlichen und berufspraktischen Kompetenzen werden verbessert.

 

Eine Supervision läuft in der Regel nach einem Schema ab. Zunächst wird das Problem vom Supervisanden dargestellt, dann werden Informationen hierzu gesammelt, das Problem wird bearbeitet (beispielsweise mittels Rollenspiel) und schließlich ausgewertet. Wie eine Supervision konkret aussehen kann, lässt sich am besten an einem Beispiel darstellen.

Supervision in einer Hausarztpraxis

Nehmen wir eine Hausarztpraxis mit einer leitenden Medizinischen Fachangestellten (MFA) und vier MFA. Im Team wurde entschieden, dass eine Supervision von 1,5 Stunden pro Monat stattfindet. Nehmen wir weiter an, dass eine tiefenpsychologisch ausgebildete, freiberuflich tätige Supervisorin mit der Supervision beauftragt wurde. Nun können in den 1,5 Stunden grundsätzlich folgende Themen bearbeitet werden:

 

  • Klienten (Fallarbeit): In der Supervisionssprache werden alle Personen Klienten genannt, mit denen die Mitarbeiter als „Kunden“ zu tun haben. Für den Sozialarbeiter ist es die zu beratende Person (zum Beispiel Eltern in einer Familienberatungsstelle), für den Polizisten der Straftäter und für die MFA eben der Patient. Es kann nun sein, dass eine MFA bemerkt, dass sie große Schwierigkeiten mit einer bestimmten Gruppe von Patienten hat, etwa mit älteren Patienten. In der Supervision könnte sie dieses Problem ansprechen und mithilfe der Supervisorin und ihrer Kolleginnen bearbeiten.

 

  • Mitarbeiterinnen: Das Problem der MFA könnte aber auch eine Kollegin sein, mit der sie nicht zurechtkommt. Es gibt große Kommunikationsprobleme zwischen beiden, was die MFA stark belastet. In der Supervision hätten beide die Möglichkeit, offen über ihre Wahrnehmung hinsichtlich der jeweils anderen zu sprechen, und es würde nach Lösungen gesucht.

 

  • Organisation: In der Supervision kann auch über Probleme auf der Organisationsebene gesprochen werden. Es kann sich dabei zum Beispiel um zu ändernde Arbeitsabläufe handeln, nachdem ein neuer Arzt in die Gemeinschaftspraxis eingestiegen ist.

 

  • Beispiel: Eine MFA reagiert gereizt bei älteren Patienten

Betrachten wir nun die MFA, die Probleme mit älteren Patienten hat. Sie berichtet, dass sie bei diesen zunehmend gereizt und ungeduldig reagiert, zum Beispiel wenn sie etwas nicht gleich verstanden haben oder Zeit brauchen, um ihre Versichertenkarte aus dem Portemonnaie zu holen. Die Supervisorin bittet die MFA, genau zu schildern, wie sie die Situation wahrnimmt und welche Gefühle und Gedanken sie dabei hat. Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass die Mutter der MFA, die jetzt über 70 ist, von dieser wie selbstverständlich erwartet, dass sie sich um sie kümmert. Die MFA ist aber überfordert; sie hat einerseits Schuldgefühle gegenüber der Mutter und möchte helfen, andererseits ist sie wütend auf sie. Es wird jetzt deutlich, dass sie unbewusst in den älteren Patientinnen die eigene Mutter sieht, was in der Psychologie „Übertragung“ genannt wird. Nachdem nun klar geworden ist, dass eine solche Übertragung stattgefunden hat, das heißt, dass die MFA sagen kann: „Die Patientin ist nicht meine Mutter“, fühlt sie sich gelöster, kann ältere Patientinnen objektiver betrachten und empfindet diesen gegenüber weniger Voreingenommenheit.

Offenheit in der Supervision

Wie das obige Beispiel zeigt, kann Supervision viel Vertrauen in der Gruppe erfordern, da sehr Persönliches zur Sprache kommen kann. Hierbei sollte einem klar sein, dass Übertragungen letztlich bei allen stattfinden. In der Supervision kann sich zum Beispiel herausstellen, dass eine andere MFA Probleme mit alkoholkranken Männern hat, weil der eigene Bruder von Alkoholismus betroffen ist, oder eine andere MFA mit krebserkrankten Patienten, weil sie sie an ihre eigene überwundene Krebserkrankung erinnern.

 

Eine wichtige Unterstützung in Bezug auf Vertrauen bieten Gruppenregeln, unter anderem die Regel, dass alles, was in der Supervision besprochen wird, keinem Dritten mitgeteilt wird. Oder die Regel, dass mögliche kritische Rückmeldungen immer konstruktiv, nicht beleidigend formuliert werden. Natürlich müssen nicht immer private Informationen mitgeteilt werden: Im obigen Beispiel könnte der MFA der Zusammenhang zur eigenen Mutter plötzlich klar werden, sie müsste das aber nicht in der Gruppe aussprechen. Sie kann dann sagen, dass sie verstanden hat, warum sie gegenüber älteren Patienten so reagiert, dass sie sich über den Hintergrund aber nicht äußern möchte.

Supervision ist keine Psychotherapie

Das obige Beispiel zeigt auch, dass Supervision psychotherapeutisch wirkt - ein unbewusster innerer Konflikt wurde aufgedeckt und gelöst. Aber Supervision ist keine Psychotherapie; hier geht es ausschließlich um Probleme im Zusammenhang mit der Arbeit, es geht nicht darüber hinaus. Sind die Konflikte massiv und lassen sich nicht so leicht lösen, gehören sie in eine reguläre Psychotherapie.

 

  • Beispiel | Die leitende MFA fühlt sich nicht genug unterstützt

Ein anderes Beispiel für ein Supervisionsthema ist ein Teamkonflikt. Die leitende MFA fühlt sich in der letzten Zeit zunehmend überfordert, für Fehler der anderen muss sie geradestehen. Das führt dazu, dass sie oft nervös ist und zum Beispiel auf eine Frage barsch antwortet. In der Supervision schildert sie ihr Problem. Die anderen MFA geben die Rückmeldung, dass ihnen die Überforderung schon aufgefallen ist, aber die barschen Reaktionen sie stark verunsichert haben. Weil sie ihre Vorgesetzte ist, wussten sie nicht, wie sie sich verhalten sollten. Die MFA äußern jetzt Verständnis für sie, und die leitende MFA sagt, dass sie in Zukunft mehr auf ihren Ton achten wird.

In diesem Beispiel löst sich das Problem auf einfache Weise: Die leitende MFA äußert ihr Problem frühzeitig, ehe sich Aggressionen aufbauen, und alle Beteiligten sind bereit, etwas zu verändern. Eine schwierige Gruppendynamik könnte dagegen entstehen, wenn zum Beispiel eine MFA sich verbissen hätte in das barsche Verhalten der leitenden MFA und keine Toleranz aufbringen könnte oder wenn die leitende MFA in einer Vorwurfshaltung gegenüber den anderen MFA verharren würde. In der Bearbeitung des Konflikts könnte (wie bei dem Beispiel der MFA mit den älteren Patientinnen) herauskommen, dass Übertragungen eine Rolle spielen.

Einzelsupervision

Wer nicht gern in der Gruppe spricht und Gruppendynamiken lieber meidet, kann sich auch in eine Einzelsupervision begeben. Probleme mit einer Kollegin oder mit Patienten, aber auch generell mit Überforderung oder Gefühlen der Unzulänglichkeit bei der Arbeit können hier intensiver und diskret bearbeitet werden.

 

Der Nachteil einer Einzelsupervision ist, dass Kolleginnen nicht direkt vom konkreten Problem der MFA erfahren, obwohl es dafür vielleicht eine rasche gemeinsame Lösung geben könnte. Auch fehlen Rückmeldungen der anderen, durch die die MFA erfahren kann, dass diese mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben − oder umgekehrt: dass andere einen Sachverhalt locker betrachten können, der der MFA Kopfzerbrechen verursacht. Ein weiterer Nachteil ist die Finanzierung. Kaum ein Arbeitgeber wird - anders als eine Teamsupervision - eine Einzelsupervision bezahlen. Die persönliche Supervision muss privat finanziert werden.

 

Beachten Sie: Wenn Konflikte so schwerwiegend sind, dass eine psychische Erkrankung vorliegt, sollte eine Psychotherapie in Anspruch genommen werden, deren Kosten in der Regel die Krankenkasse trägt.

 

  • Wie kann man einen Supervisor finden?

Supervision wird von Personen mit unterschiedlichem beruflichen Hintergrund angeboten, zum Beispiel von Psychotherapeuten. Vorteilhaft wäre ein Supervisor, der bereits Erfahrung mit Arztpraxis- oder Klinik-Gruppen hat. Supervisoren in Ihrer Umgebung können Sie im Internet in Suchmaschinen mit entsprechenden Suchbegriffen finden. Adressen befinden sich auch auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) www.dgsv.de (dort unter „Berater/in suchen“).

Quelle: Ausgabe 03 / 2012 | Seite 10 | ID 31612720