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·Konjunktur

Arbeitskosten steigen, Rezession droht – aber: Beraterumsatz hoch, Binnennachfrage robust

Bild: © fotomek - stock.adobe.com

von Jörg Thole, Chefredakteur, IWW Institut

| Die wirtschaftlichen Turbulenzen in Deutschland nehmen zu: Die Exportkraft ist zwar etwas gewachsen, doch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht eine drohende Rezession. Hinzu kommt: Pünktlich zur Automobil-Ausstellung IAA präsentiert das Ifo-Institut Zahlen, nach denen sich die Konjunkturerwartung der Autobranche deutlich verdunkelt. Die chemische Industrie leidet bereits unter erheblichen Gewinnrückgängen. Indes steigen die Arbeitskosten! Vor allem die Berufsgruppe der Ingenieure zeigt sich noch unbeeindruckt von der Flaute. |

Aktuelle Leistungsbilanz Deutschlands

Die deutschen Exporte waren im Juli 2019 um 3,8 Prozent höher und die Importe um 0,9 Prozent niedriger als im Juli 2018. Gegenüber dem Vormonat ist das ein Exportwachstum um 0,7 Prozent und eine Importsenkung um 1,5 Prozent, berichtet das Statistische Bundesamt nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank. In Euro heißt das: 115,2 Milliarden Euro Exportwaren stehen 93,7 Milliarden Euro Importwaren gegenüber. Ein Überschuss von 21,4 Milliarden Euro in der Außenhandelsbilanz.

Rezession! Konjunktur sinkt zwei Quartale nacheinander

Das Konjunkturbarometer des (DIW Berlin) sinkt weiter und liegt im August mit 89 Punkten auf dem Niveau von 2012. Für das 3. Quartal wird ein weiteres Absinken der Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent prognostiziert. Und das wäre eine technische Rezession, weil das Bruttoinlandsprodukt dann zwei Quartale hintereinander geschrumpft ist. „Die Industrie steckt in der Krise und zieht langsam aber sicher auch die Dienstleister mit hinein“, prognostiziert DIW-Konjunkturchef Claus Michelsen.

 

Simon Junker, Wirtschaftsanalyst, sagt: „Der drohende harte Brexit zieht bereits jetzt Länder wie Deutschland, die eng mit dem Vereinigten Königreich verflochten sind, in einen Abwärtssog.“ Hinzu kämen die von den USA ausgehenden Handelsstreitigkeiten und Sorgenkinder wie Italien. „All das ist Gift für die konjunktursensible und auf Investitionsgüter ausgerichtete deutsche Wirtschaft“, so Junker.

 

Alexander Krüger, Chefvolkswirt Bankhaus Lampe, sagte in der ARD: „Das Geschäftsklima schürt die Rezessionssorgen ... die Konjunktur droht stärker nach unten zu kippen. Dies auch deshalb, weil sich der Dienstleistungssektor aktuell anzustecken beginnt. Die konjunkturellen Zeiten werden turbulenter.“

Ifo: Deutsche Autobranche in schwierigem Fahrwasser

Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts verfinstern sich die Konjunktur-Erwartungen in der Autobranche. Ifo-Forscher Klaus Wohlrabe sagt, dass viele Indikatoren auf Schrumpfung ausgerichtet sind. Der August brachte ein kleines positives Signal: Die Lager an fertigen Autos wurden kräftig geräumt. Und für das neue Modelljahr (wird ab August gerechnet) stiegen die Produktionspläne. Doch der Auftragsbestand beträgt noch immer minus 7,7 Punkte (Vormonat minus 28,2). Die Exporterwartungen liegen bei minus 13 Punkten (minus 21,1 im Juli).

 

Die Beschäftigten der Autobranche erleben „unsichere Zeiten“. Die Beschäftigungserwartungen zeigten im August einen Wert von minus 16,5, nach minus 27,5 im Juli, so das Ifo-Institut. Im Juni waren die Erwartungen von Kurzarbeit noch von 14,7 auf 21,8 gestiegen. Parallel dazu hatten im Juni noch immer 68,8 Prozent der Firmen Überstunden, im Sommer 2018 waren es allerdings 84,8 Prozent.

Robuste Binnennachfrage

Indes kommt der Beschäftigungsaufbau nicht zum Erliegen, dank der robusten Binnennachfrage. Nach Angaben des DIW legen die Einkommen weiter zu. Zwar nimmt auch die Vorsicht der Deutschen bei den Ausgaben zu, doch unter dem Strich steige der private Konsum weiter, so die Prognose.

 

Deutlicher wird das, wenn man den Anstieg der Arbeitskosten betrachtet. Im Jahresvergleich zahlten die Arbeitgeber pro Arbeitsstunde rund 3,2 Prozent mehr als im Vorjahr. EU-weit stiegen die Arbeitskosten indes nur um 2,5 Prozent.

Umsatzanstieg bei einigen Dienstleistungen / Freiberuflern

Einen Umsatzanstieg gegenüber dem Vorjahresquartal verzeichnete – kalender- und saisonbereinigt – der Wirtschaftsbereich Rechts- und Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung mit plus 8,1 Prozent. Der diesem Wirtschaftsbereich übergeordnete Bereich der freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen verzeichnete einen Anstieg der bereinigten Umsätze gegenüber dem Vorjahresquartal um 6,0 Prozent. Einen Umsatzrückgang gab es dagegen bei der Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften: Dort hat sich der bereinigte Umsatz gegenüber dem Vorjahresquartal um 6,7 Prozent vermindert.

Bauwirtschaft und Handwerk robust

Besonders robust zeigt sich die Bauwirtschaft. Im Vergleich zum 1. Halbjahr 2018 stieg der Umsatz des Bauhauptgewerbes im 1. Halbjahr 2019 um 8,3 Prozent. Auch die Zahl der Beschäftigten stieg um 2,4 Prozent an.

 

In den Handwerken für den gewerblichen Bedarf stiegen die Umsätze am nur um +0,4 Prozent. Die Beschäftigtenzahlen legten leicht zu.

Chemie-Industrie schwach

Indes geht der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Chemie in Rheinland-Pfalz aktuell nicht von einer Belebung der Konjunktur aus: „Das Chemie-Geschäft ist global eingebrochen. Die Unternehmen melden massive Gewinnrückgänge. Die Stimmung in den Unternehmen ist schlecht – Stagnation und Rückgänge erwarten die Unternehmer auch in den kommenden Monaten.“

 

Gleichzeitig müssten die Betriebe viel investieren, um Herausforderungen wie die Digitalisierung und auch den Strukturwandel in der Automobilindustrie zu stemmen. „Als Automobilzulieferer spürt die Chemiebranche den Wandel deutlich“, verweist Vogler auf die schwierige Lage.

Tourismus wächst

Im ersten Halbjahr 2019 stieg die Zahl der Gästeübernachtungen im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um 3,9 Prozent auf 281,1 Millionen. Davon entfielen 50,8 Millionen Übernachtungen auf Gäste aus dem Ausland (+3,1 Prozent) und 230,3 Millionen auf inländische Gäste (+4,1 Prozent), so das Statistische Bundesamt.

Ingenieurarbeitsmarkt unbeeindruckt von Konjunkturflaute

Trotz der konjunkturellen Abkühlung zeigt sich der Arbeitsmarkt in den Ingenieur- und Informatikerberufen weiterhin stabil. Im zweiten Quartal 2019 waren monatsdurchschnittlich 129.290 offene Stellen zu besetzen (wie im Vorjahr). Die Schwierigkeiten für Arbeitgeber, offene Stellen zu besetzen, bleibt. Zu diesem Ergebnis kommt der neue Ingenieurmonitor, den das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des VDI vierteljährlich erstellt.

 

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FAZIT | Nicht nur in Deutschland hat die Konjunktur rezessive Züge in Schlüsselbranchen angenommen. Europa und die Welt trudeln in einen Abschwung. Ökonomen sehen als Ursache vor allem den Zollstreit zwischen den USA und China und den drohenden ungeregelten Brexit. Indes macht die EZB mit fortlaufenden Zinssenkungen und permanenter Geldentwertungsversuche als bittere Pille gegen den Abschwung von sich reden. Auch in dieser Woche dürfen Sparer weiter zittern: Die bevorstehende EZB-Zinssitzung könnte zu einem noch weiteren Absenken des Leitzinses in den Negativbereich führen, was die Geldvernichtung der Sparer in Deutschland weitertreibt – aber die Binnenkonjunktur am Leben hält – getreu dem Motto: Lieber konsumieren als verlieren.

 
Quelle: ID 46127496