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30.05.2011 |Bilanz

Für die Abzinsung von Rückstellungen in der Handelsbilanz gelten neue Regeln!

von StBin Dr. Simone Jäck und WP/StB Tobias Ratzlaff, ATG Allgäuer Treuhand GmbH, Kempten

Viele Autohäuser sind derzeit mit der Erstellung des Jahresabschlusses 2010 befasst. Die meisten müssen dabei erstmals die Regeln des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes (BilMoG) anwenden. Betroffen von den neuen Regeln sind Autohäuser in der Regel hauptsächlich bei der Bewertung der Rückstellungen. Hier gilt: Neben der Pflicht zur Berücksichtigung von Preis- und Kostensteigerungen macht die neue Abzinsungspflicht die Bewertung von Rückstellungen wesentlich komplizierter und aufwändiger. 

Neue handelsrechtliche Abzinsungspflicht

In der Handelsbilanz waren Rückstellungen bisher mit dem voraussichtlich notwendigen Erfüllungsbetrag anzusetzen. Ein Abzinsungswahlrecht bestand nur, soweit die Verpflichtung einen Zinsanteil enthielt. Lediglich das Steuerrecht sah auch bisher schon eine allgemeine Abzinsungspflicht vor.  

 

Wichtig: Nun besteht eine Abzinsungspflicht für Rückstellungen mit einer Restlaufzeit von mehr als einem Jahr auch für die Handelsbilanz. Die in Abhängigkeit von der Restlaufzeit anzuwendenden Zinssätze werden von der Bundesbank (www.bundesbank.de) monatlich bekannt gegeben. 

 

Die Bewertung der handelsrechtlichen Rückstellungen hat sich damit erheblich verkompliziert. Wie bisher muss zunächst der Erfüllungsbetrag - nun jedoch gegebenenfalls unter Berücksichtigung von zu schätzenden künftigen Preis- und Kostensteigerungen - ermittelt werden. Im zweiten Schritt ist dieser Betrag dann in Abhängigkeit von der Laufzeit mit dem jeweiligen Zinssatz abzuzinsen.  

 

Einmal gebildete längerfristige Rückstellungen müssen während ihrer Laufzeit zu jedem Bilanzstichtag neu bewertet werden, weil sich die veröffentlichten Abzinsungssätze monatlich ändern. Hinzu kommt, dass für den Ergebniseffekt aus Veränderungen des Abzinsungsbetrags gesonderte Angabepflichten in der GuV bestehen.  

 

Praxishinweis

Im Regelfall basieren die Rückstellungen auf verschiedenen Verpflichtungsgründen mit unterschiedlichen Laufzeiten, sodass die Abzinsung jeweils gesondert vorzunehmen ist. Die handelsrechtliche Abzinsung muss jedoch nicht taggenau erfolgen. Nur volle Jahre der Restlaufzeit sind in die Betrachtung einzubeziehen. 

Rückkaufverpflichtung für Leasingfahrzeuge

Typisch für viele Autohäuser ist eine Rückstellung für die Verpflichtung zum Rückkauf von Leasingfahrzeugen - üblicherweise zu einem festgelegten Preis. Für die Gewährung dieser Option erhalten die Autohäuser ein Entgelt, häufig in Form eines verminderten Rabatts auf den Verkaufspreis. Da diesem Entgelt die spätere Rücknahmeverpflichtung gegenübersteht, ist in Höhe des Entgelts solange eine Rückstellung in die Bilanz aufzunehmen, bis die Verpflichtung durch Rückkauf erfüllt wurde oder die Option ungenutzt verfallen ist.  

 

Praxishinweise

Für die Abzinsung dieser Rückstellung ist jeder Leasingvertrag einzeln zu betrachten. Rückstellungsbeträge, denen Verträge mit einer Laufzeit von noch mehr als einem Jahr zugrunde liegen, sind mit dem für die jeweilige Restlaufzeit veröffentlichten Zinssatz abzuzinsen. 

 

Die handelsrechtliche Pflicht zur Bildung einer Rückstellung für die Rückkaufverpflichtungen ist seit jeher unumstritten. Allerdings versagten bisher die Finanzämter die steuerliche Anerkennung. Selbst nach einem gegenteiligen Urteil des Bundesfinanzhofs (BFH) hielt die Finanzverwaltung an ihrer Auffassung fest. Nun hat jedoch der BFH nochmals entschieden, dass diese Verpflichtungen auch steuerlich zu berücksichtigen sind (Urteil vom 17.11.2010, Az: I R 83/09; Abruf-Nr. 110093). In künftigen Betriebsprüfungen sollte eine Anerkennung deshalb durchgesetzt werden können.  

 

Weitere Rückstellungen im Überblick

In der Bilanz sind regelmäßig weitere Rückstellungen zu bilden, bei denen die neue Abzinsungspflicht zu beachten ist: 

 

  • Garantie, Kulanz und Gewährleistung: Bei der Ermittlung der Rückstellungen muss nun nicht mehr lediglich die erwartete Höhe der Ansprüche geschätzt werden, sondern auch, in welchem Jahr diese voraussichtlich geltend gemacht werden.

 

Praxishinweis: Der Gesamtbetrag sollte zunächst geschätzt und dann nach Erfahrungswerten auf verschiedene Jahre verteilt werden, um die jeweils zutreffende Abzinsung vornehmen zu können. 

 

  • Umweltschutzmaßnahmen und Entsorgungskosten: Rückstellungen dafür können nur aufgrund konkreter Verpflichtungen gebildet werden, die auch zeitlich bestimmt sind. Eine notwendige Abzinsung kann daher ohne Probleme berechnet werden.

 

  • Aufbewahrung von Geschäftsunterlagen: Für die Aufbewahrung von Unterlagen verschiedener Jahre gelten unterschiedliche Restlaufzeiten. Daher ist auch die Abzinsung für jeden „Jahrgang“ getrennt vorzunehmen. Das Steuerrecht sieht dazu bisher zwar noch eine Vereinfachung vor, handelsrechtlich wird sich die Abzinsung jedoch trotzdem nicht vermeiden lassen, auch wenn dies teilweise mit Verweis auf das Steuerrecht vertreten wird.

 

  • Betriebsprüfungskosten: Eine Rückstellung dafür ist zu bilden, wenn die nächste Prüfung hinreichend konkretisiert ist. Dies ist gegeben, sobald eine Prüfungsanordnung vorliegt. Eine Abzinsung ist nur notwendig, wenn die Kosten voraussichtlich erst in mehr als einem Jahr anfallen, was im Fall einer vorliegenden Prüfungsanordnung regelmäßig nicht gegeben sein dürfte.

 

Praxishinweis: Strittig ist, ob bei Großbetrieben (Umsatzerlöse über 6,9 Mio. Euro oder steuerlicher Gewinn über 265.000 Euro), bei denen Anschlussprüfungen stattfinden, die Konkretisierung auch ohne Prüfungsanordnung gegeben ist. Geht man davon aus, wäre die Rückstellung frühzeitig anzusammeln, sodass auch eine entsprechende Abzinsung regelmäßig notwendig wäre. 

  • Alterszeitverpflichtungen: Aufgrund der unterschiedlichen Restlaufzeiten der einzelnen Verträge ist der Rückstellungsbetrag für jeden Vertrag gesondert zu ermitteln und abzuzinsen.

 

  • Jubiläen: Rückstellungen sind in Abhängigkeit von der Betriebszugehörigkeit der einzelnen Arbeitnehmer und damit vom Zeitraum bis zur Fälligkeit der jeweiligen Jubiläumszahlung abzuzinsen.

 

  • Provisionsansprüche von Verkäufern oder Gewinnbeteiligungen: Diese sind regelmäßig nicht abzuzinsen, weil der Zeitraum bis zur Erfüllung ein Jahr normalerweise nicht übersteigt.

 

  • Prozesskosten: Diese sind nur dann abzuzinsen, wenn damit gerechnet werden muss, dass sich der Prozess über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr erstreckt.

Keine Angleichung von Steuer- und Handelsbilanz

Mit der Abzinsungspflicht nähert sich die Handels- der Steuerbilanz zwar an. Da steuerlich jedoch ein fester Zinssatz anzuwenden ist, bedeutet die Annäherung auch künftig keine Gleichbewertung von Rückstellungen in der Handels- und der Steuerbilanz. Im Gegenteil: Mit der neuen handelsrechtlichen Pflicht, beim Erfüllungsbetrag zukünftige Preis- und Kostensteigerungen zu berücksichtigen, können Handels- und Steuerbilanz sogar stärker auseinanderdriften.  

 

Praxishinweis

Die Rückstellungsbewertung kann daher auch künftig latente Steuern verursachen, die gegebenenfalls bilanziell zu erfassen sind. 

 

 

Quelle: Ausgabe 06 / 2011 | Seite 11 | ID 145527