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· Fachbeitrag · Patienteninformation

Sturzprophylaxe: Das können Sie als MFA tun

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, Buch am Buchrain

| Vor allem ältere Menschen sind von Stürzen bedroht. Die nachlassende Empfindsamkeit der Sinnesorgane, verminderte Muskelkraft und verzögerte Reaktionszeiten gehören zu den Risikofaktoren für solche Unfälle. Da es keine Strategie gibt, Stürze sicher zu verhindern, hat die Aufklärung von Patienten, die auch MFA leisten können, überragende Bedeutung. |

Stürze haben oft massive Folgen

Die Sturzprophylaxe ist ein wesentlicher Teil der Betreuung von Patienten, die in fortgeschrittenem Alter, chronisch krank oder multimorbid sind. Die Folgen von Stürzen können massiv sein und reichen von Operationen (z. B. Gelenkersatz) bis zu lebensbedrohlichen Erkrankungen, die sich aus der Immobilität aufgrund der Verletzungen ergeben. Darüber hinaus beeinträchtigt das Empfinden, jederzeit durch einen Sturz bedroht zu sein, das physische und psychische Wohlergehen genauso wie die Lebensführung.

 

MERKE | Viele Betroffene schränken ihren Aktionsradius aus Angst vor Stürzen erheblich ein - vor allem dann, wenn sie schon einmal gestürzt sind. Dies kann so weit führen, dass sie vereinsamen, weil sie sich nicht mehr aus dem Haus trauen, oder dass sie unfähig werden, ihr Leben selbstständig zu gestalten. Aus dieser Spirale, die im Laufe der Zeit immer mächtiger wirkt, kann sich der Betroffene kaum eigenständig befreien. Die Beratung und Unterstützung durch MFA, die als kompetente Gesprächspartner gelten, kann helfen, den Kreislauf zu unterbrechen.

 

Risiken erkennen

Es gibt kein wissenschaftlich gesichertes Hilfsmittel, mit dem man die Sturzgefahr eines Menschen in absoluten Zahlen bestimmen könnte. Deshalb gilt es vor allem, das Risiko abzuschätzen und Gefahren zu erkennen sowie wirksam auszuschalten. Achten Sie daher als MFA auf typische Gefahrenzeichen.

 

  • Zeichen für erhöhte Sturzgefährdung
  • Offenkundige Vermeidung selbstständiger Bewegung (Patient bittet auch vor unerheblicher Anstrengung um Hilfe)
  • Klagen über Schmerzen bei körperlicher Bewegung, ohne erkennbaren akuten Auslöser (in diese Kategorie gehören auch Patienten mit Osteoporose, rheumatischen Erkrankungen und Krebserkrankungen, weil sie per se gefährdet sind, sich bei Bagatellunfällen schwer zu verletzen)
  • Andauernde Klagen über körperliche Schwäche und Müdigkeit
  • Einschränkungen der Bewegungsfähigkeit (z. B. Lähmungen)
  • Eingeschränkte Fähigkeiten der Sinneswahrnehmung wie Sehbehinderung Schwerhörigkeit, mangelhaftem Tastempfinden (etwa aufgrund von Diabetes)
  • Häufiges nächtliches Aufstehen für einen Toilettengang
 

Einteilung der Risiken

Die Bedrohung durch Stürze ergibt sich aus dem gesamten Lebensumfeld sowie der persönlichen Verfassung des Patienten. Es ist hilfreich, die verschiedenen Aspekte voneinander zu unterscheiden, damit in der Beurteilung ein vollständiges Bild der individuellen Situation entstehen kann.

 

  • Sturzgefahr: Mögliche Risikokategorien und Beispiele
Risikokategorie
Beispiele (Auswahl)

Körperliche und geistige Bedingungen

  • Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit, etwa Lähmungen, Schwäche, Zittern (Tremor)
  • Beeinträchtigungen der Sensibilität und Balance, etwa Diabetes, Gefäßerkrankungen, Lähmungen, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Schwindel, kurzfristige Bewusstlosigkeit (Synkope)
  • Beeinträchtigungen der Psyche, etwa Depression, Ängste, Zwänge
  • Epilepsie
  • ausgeprägte körperliche Schwäche
  • Beeinträchtigungen der Denkfähigkeit, etwa Demenz
  • Inkontinenz
  • Beeinträchtigung der Wahrnehmung, etwa Sehschwäche, Schwerhörigkeit

Medikamente/ andere Substanzen

  • Blutdrucksenker
  • Psychopharmaka und Schlafmittel
  • Schmerzmittel
  • Polypharmazie (Einnahme von mehr als fünf Arzneimitteln täglich)
  • Antidiabetika
  • Alkohol und illegale Drogen

Umgebung

  • ungenügend beleuchtete Umgebung
  • kontrastarme Umgebung
  • Unebenheiten/Hindernisse am Boden, auch Treppen
  • nicht barrierefreie Architektur
  • ungeeignete Schuhe, z. B. mit hohen Absätzen
 

Beratung bei Sturzgefahr

Sobald Sie als MFA einen Patienten als sturzgefährdet einstufen, sollten Sie intensiv in die Beratung einsteigen. Es ist sinnvoll, sich genau über die Lebensumstände des Betroffenen zu informieren. In den meisten Fällen liegen Angaben zum Gesundheitszustand sowie der geltenden Medikation in der Patientendokumentation vor. An diesen Bedingungen lässt sich in den meisten Fällen nicht viel ändern - abgesehen von dem Bestreben, Arzneimittel zu meiden, die eine Sturzgefahr erhöhen und körperliche Defizite so weit wie möglich auszugleichen - entweder durch Hilfsmittel oder physiotherapeutische Maßnahmen.

 

Hausnotruf und Umgestaltung des Wohnraums

Viele sturzgefährdete Patienten leben allein. Haus-Notruf-Systeme sind geeignet, Sicherheit zu vermitteln. Viele Hilfsorganisationen bieten gegen ein akzeptables Entgelt entsprechende Verträge an. Mit den Geräten, die meist über das Telefon geschaltet sind und einen kleinen Schalter umfassen, den man an einer Schnur um den Hals trägt, können die Patienten im Notfall (etwa nach einem Sturz) Hilfe herbeirufen. Es ist auch möglich, mit ihnen morgens eine Meldung abzusetzen, dass alles in Ordnung ist. In vielen Fällen ist auch eine Umgestaltung des Wohnraums hilfreich, denn viele Wohnungen bergen erhebliche Risiken, die den Bewohnern nicht bewusst sind.

 

  • Stürze in der Wohnung: So beseitigen Sie Gefahrenquellen
  • Stolperfallen beseitigen, etwa Teppichkanten, Stufen, Schwellen, lose Kabel
  • Rutschfeste Unterlagen in Bad und Toilette verlegen
  • Ausreichend helle (aber nicht blendende) Lampen installieren und Lichtschalter an gut erreichbaren Stellen anbringen
  • Freie Gehflächen schaffen, z. B. Möbel umstellen
  • Haltegriffe in Fluren, Toiletten, Bädern und anderen Räumen anbringen
  • Toilettensitz erhöhen und mit Armlehnen ausstatten
  • Schränke so einräumen oder anbringen, dass ihr Inhalt leicht erreichbar ist
  • Keine Leitern im Haushalt verwenden
  • Höhenverstellbares Bett beschaffen
  • Licht auch in der Nacht brennen lassen (zumindest am Weg zur Toilette)
 

Wichtig | Wenn Sie als MFA Hausbesuche durchführen und Patienten bzw. deren Angehörige zur Wohnraumgestaltung beraten, sollten Sie bestimmt, aber mit Feingefühl agieren: Gerade alte oder demente Patienten hängen sehr an ihrer gewohnten Umgebung bzw. an Gegenständen, die sie vor langer Zeit angeschafft haben.

 

Persönliche Voraussetzungen verbessern

Sturzgefahr ergibt sich auch aus der körperlichen und geistigen Verfassung des Patienten. Manche krankheitsbedingten Veränderungen sind nicht umkehrbar. Gezielte Maßnahmen können aber helfen, Defizite auszugleichen.

 

  • Mögliche Tipps
  • Krankheiten optimal behandeln, etwa gute Blutzuckereinstellung erreichen
  • Ausreichende Trinkmenge sicherstellen, etwa mit Assistenz durch einen Pflegedienst (siehe PPA 08/2016, Seite 7)
  • Hilfsmittel (wie Brille, Hörgerät, Gehhilfen, Rollstühle) sachgerecht verwenden bzw. sich in die korrekte Handhabung einweisen lassen (Hilfsmittel sollten jederzeit griffbereit und den aktuellen Bedürfnissen angepasst sein)
  • Therapeutische Unterstützung suchen, etwa Physiotherapie zur Verbesserung der Beweglichkeit oder Psychotherapie zur Behandlung von Ängsten
  • Medikamentenplan auf ungünstige (Wechsel-)Wirkungen überprüfen und entsprechend anpassen lassen (siehe PPA 03/2015, Seite 12)
  • Gezielte Sport- und Bewegungsprogramme absolvieren (z. B. bieten Sportvereine das Paderborner Trainingsprogramm für Senioren/PATRAS an)
 

Weiterführender Hinweis

Quelle: Ausgabe 09 / 2016 | Seite 11 | ID 44196073