· Fachbeitrag · Patientenkommunikation
Darmkrebsvorsorge verbessern
Interview von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, mit Dr. Christa Maar, Vorstand der Felix-Burda-Stiftung, München
| Darmkrebs ist die zweithäufigste Krebserkrankung in Deutschland. Anders als bei anderen bösartigen Tumoren gibt es jedoch wirksame Maßnahmen, eine Entartung der Zellen zu verhindern. Die Münchner Felix-Burda-Stiftung wirbt mit groß angelegten Kampagnen für die Vorsorge. Die PPA-Redaktion sprach mit der Stiftungs-Chefin Dr. Christa Maar über die aktuelle Situation und die Optimierung der hausärztlichen Versorgung. |
Redaktion: Hat sich die Zahl der Darmkrebs-Patienten in den vergangenen Jahren verändert?
DR. CHRISTA MAAR: Sie nimmt seit einigen Jahren kontinuierlich ab. Wir waren einmal bei 72.000 Neuerkrankungen pro Jahr und zählen derzeit 62.000. Der Rückgang ist vor allem auf die Vorsorgekoloskopie zurückzuführen. Diese Untersuchung ist eine echte Vorsorgemaßnahme, weil dabei Polypen abgetragen werden, die lange Zeit gutartig sind, bevor sie irgendwann - man rechnet mit ca. zehn Jahren - zu Krebs entarten.
Redaktion: Die Aufnahme der Vorsorgekoloskopie in den Katalog der gesetzlichen Krankenversicherungen im Jahr 2002 war also sinnvoll?
DR. MAAR: Unbedingt. Von den 20 Mio. Anspruchsberechtigten hat inzwischen ein gutes Viertel diese Untersuchung gemacht. Im Verlauf von zehn Jahren sind dadurch ca. 180.000 Neuerkrankungen und 80.000 Todesfälle verhindert worden. Die dabei erkannten Karzinome waren überwiegend in einem so frühen Stadium, dass sie geheilt werden konnten. Inzwischen geht sogar das vorsichtige Robert Koch-Institut davon aus, dass ein Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Neuerkrankungen und der Vorsorgekoloskopie besteht.
Redaktion: Sehen Sie weitere Gründe für die günstige Entwicklung?
DR. MAAR: In den letzten Jahren haben sich die Therapien verbessert, aber ein spät erkannter metastasierter Darmtumor hat noch immer eine ähnlich schlechte Prognose wie vor 10 oder 15 Jahren. Theoretisch können auch Veränderungen im Lebensstil die Häufigkeit und Sterblichkeit von Darmkrebs beeinflussen. Neben einer familiären Belastung gelten Übergewicht, Rauchen, Alkohol und fleischbetonte Ernährung als Risiken. Es ist aber kaum anzunehmen, dass die große Mehrheit rasch etwas an ihrem ungesunden Lebensstil ändern wird. Dies würde sich auch erst nach vielen Jahren in der Statistik zeigen.
Redaktion: Wenn die Koloskopie so effektiv ist, wieso hat dann bisher nicht mehr als ein Viertel der Anspruchsberechtigten die Untersuchung gemacht?
DR. MAAR: Der Darm ist ein tabuisiertes Organ. Die Barrieren haben mit Scham, Angst vor der invasiven Untersuchung und einem positiven Ergebnis zu tun. Als wir mit unserer Kampagne anfingen, habe ich dauernd gehört: „Dieses Thema kriegt ihr nie in die Öffentlichkeit.“ Wir haben uns gesagt, wir müssen das Thema irgendwie sexy machen. Das ist ja auch in bestimmtem Maß gelungen. Da haben natürlich die vielen Prominenten geholfen, die unsere Kampagne seit Jahren unterstützen.
Redaktion: Welche Aufgaben können Hausarztpraxen in der Darmkrebsprävention übernehmen?
DR. MAAR: Der Hausarzt hat den Vorteil, dass er Patienten meist viele Jahre begleitet. Wenn in der elektronischen Patientenakte automatisch bei jedem Patienten, mit dem er noch kein Gespräch über Darmkrebsvorsorge geführt hat, der Hinweis erscheinen würde, „ab 50 Stuhltest, ab 55 Koloskopie“, und bei jüngeren Patienten der Hinweis, dass noch keine Familienanamnese erstellt wurde, wäre das eine wirkliche Verbesserung für die gesamte Darmkrebsvorsorge. Leider ist bisher weder das Aufklärungsgespräch ab 50 vorgesehen noch werden Familienanamnese und Beratung zum familiären Risiko bezahlt. Dazu kommt, dass familiär belastete Patienten bisher keinen Anspruch auf eine vorgezogene Vorsorgekoloskopie haben. Wir hoffen, dass sich das mit der anstehenden Umsetzung des Krebsfrüherkennungsgesetzes ändert.
Redaktion: Warum ist die Familienanamnese so wichtig?
DR. MAAR: Sie ist das beste Instrument um festzustellen, ob es in der Familie ein erhöhtes oder sogar ein erbliches Risiko für Darmkrebs gibt. In diesem Fall sollten alle erstgradigen Verwandten der Erkrankten wesentlich früher als die Normalbevölkerung eine Koloskopie erhalten. Der Test auf verstecktes Blut im Stuhl ist in solchen Fällen viel zu ungenau. Er erkennt nur einen Bruchteil der Karzinome und Polypen und reagiert zudem fälschlicherweise positiv auf etliche Nahrungsmittel.
Redaktion: Ist es überhaupt sinnvoll, den Stuhltest zur Vorsorge anzubieten?
DR. MAAR: Als er in den 1970er Jahren als Screening Test eingeführt wurde, gab es noch keine bessere Methode. Inzwischen ist die Koloskopie gut untersucht. Außerdem wurde inzwischen ein sehr viel sensitiverer immunologischer Test auf verstecktes Blut im Stuhl entwickelt. Bisher gibt es ihn allerdings nur als IGeL. Aber er soll den alten Test demnächst als Kassenleistung ablösen.
Redaktion: Welche anderen Strategien sind in Verbindung mit der Hausarztpraxis vorstellbar?
DR. MAAR: Die MFA kann einen Teil der Aufklärung der Patienten über das familiäre Risiko übernehmen. Wir haben einen für Laien verständlichen Fragebogen entwickelt (siehe ppa.iww.de > Downloads). Die MFA kann dem Patienten beim Ausfüllen helfen und Verständnisfragen beantworten. Das notwendige Wissen kann sie sich leicht über eine Fortbildung aneignen. Diese sollte sich an den Kurs anlehnen, der für das endoskopische Assistenzpersonal entwickelt wurde. Der Arzt hätte dann, wenn der Patient ins Sprechzimmer kommt, bereits standardisierte Angaben vorliegen und würde Zeit sparen.