· Fachbeitrag · Wahrnehmung
Jeder Mensch hat seine eigene Realität!
von Anna Schmiedel, Dortmund, www.anna-schmiedel.de
| Unbewusst setzen die meisten Menschen voraus, die anderen würden sämtliche Situationen genauso wahrnehmen wie sie selbst. Sätze wie „Dazu muss man doch nichts mehr sagenm“ oder „Das sieht doch jedes Kind“ unterstreichen diese Annahme. Den Beweis dafür, dass sie nicht stimmt, erleben wir fast täglich. |
Gehen Sie einmal in den Schuhen des Anderen
„In den Schuhen des Anderen zu gehen“ bedeutet für Indianer, sich ganz und gar in ein anderes Wesen hineinzufühlen. Diese empathische Wahrnehmung unseres Gegenübers hilft uns dabei, den Anderen zu sehen, wie er wirklich ist, seinen Blickwinkel kennenzulernen und darüber hinaus auch die Beweggründe für sein Handeln zu verstehen.
Denn unsere Wahrnehmung hat sehr viel mit unserer Erfahrung zu tun. Geben langjährige Mitarbeiterinnen den jüngeren Kolleginnen ihre Erfahrungen weiter, so erweitert sich auch deren Wahrnehmung. Aber auch Überzeugungen und die momentane mentale Verfassung prägen unsere Sinneseindrücke entscheidend mit. Jeder Mensch hat seinen persönlichen Filter und blendet das eine oder andere aus. Bei Gehaltsverhandlungen beispielsweise können beide Verhandlungspartner den Blickwinkel des anderen oft nicht verstehen. So entsteht Ärger, der auch zu längerfristigem Frust führen kann.
Wie können die „Realitäten“ abgeglichen werden?
Sie erleichtern sich das Leben, wenn Sie vor Augen haben, dass Ihre Wahrnehmung etwas ganz Persönliches ist und andere Ihre Sichtweise nur erfahren, wenn Sie ihnen diese mitteilen. Jeder Mensch hat seine eigene „Realität“. Machen Sie es sich im Umgang mit Kollegen, Vorgesetzten, Patienten etc. zur Gewohnheit, zunächst die „Realitäten“ abzugleichen. Erst dann tragen Sie Ihr Anliegen vor oder reagieren auf das Ihres Gegenübers.
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Die Kollegin, die immer die den Empfang und die Abrechnung macht, fällt für zwei Monate wegen einer schweren Knie-Operation mit Reha-Behandlung aus. Eine Kollegin soll für diese Zeit die wichtigsten Aufgaben an der Rezeption und in der Abrechnung übernehmen. Sie arbeitet sich engagiert ein, sodass der Praxisbetrieb aus ihrer Sicht fast normal weiterläuft. Sie schreibt Rechnungen und erledigt die Arbeit am Empfang inklusive der Terminvergabe. Allerdings kann im Behandlungszimmer nicht komplett auf sie verzichtet werden. Sie springt immer wieder zwischen Zimmer und Rezeption. Dennoch ist sie stolz darauf, wie gut sie die Situation bewältigt. Das jährliche Mitarbeitergespräch sieht sie als eine gute Gelegenheit, den Chef wegen einer Gehaltserhöhung anzusprechen. |
Verlangt nun die Mitarbeiterin eine Gehaltserhöhung, ohne die „Realität“ des Chefs in Erfahrung zu bringen und darauf zu reagieren, kann dies für beide Seiten zu einem frustrierenden Ergebnis führen. Ein gelungener „Realitätsabgleich“ könnte wie folgt aussehen:
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Der Chef eröffnet das Gespräch: „Die momentane Situation ist sehr schwierig für uns alle. Ich sehe, dass Sie Ihr Bestes geben, aber insgesamt ist es doch sehr unbefriedigend, wie es zur Zeit hier läuft. Ich hoffe, Frau Lang ist bald wieder gesund und kommt wieder.e“ Er erlebt die Situation offensichtlich ganz anders: Er legt sehr viel Wert auf eine ruhige und gut organisierte Praxisatmosphäre, die im Moment aufgrund des Personalmangels nur noch selten seinen Ansprüchen genügt. Unzufrieden ist er auch, weil die Behandlungen mit der Auszubildenden nicht so reibungslos vonstatten gehen, wie das mit seiner erfahrenen Mitarbeiterin der Fall ist, die nun die meiste Zeit über die Rezeptionsaufgaben übernimmt. Zusätzlich muss er sich um viele Dinge kümmern, die ansonsten die Verwaltungsmitarbeiterin erledigt hat. Seine Stimmung ist gereizt und er ist unzufrieden. |
An dieser Stelle könnte sich die erfahrene Mitarbeiterin wegen der mangelnden Wertschätzung ihr gegenüber verletzt fühlen. Dies könnte dann dazu führen, dass sie ihr ursprüngliches Vorhaben, über das Gehalt zu sprechen, unter den Tisch fallen lässt, oder unbedacht reagiert und beginnt, ihrem Chef Vorwürfe zu machen. Klüger ist es, wenn sie zunächst einmal ihre „Realität“ darstellt.
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Mitarbeiterin: „Ich merke auch, wie schwierig die Situation für uns alle ist. Vor allem für Sie, weil die Ruhe, die Sie gern beim Arbeiten haben, zur Zeit nicht gegeben ist. Dennoch sehe ich die Situation anders als Sie. Ich habe mich innerhalb von vier Wochen so weit in die Verwaltung eingearbeitet, dass wir die alltäglichen Dinge wie Kassenabrechnung, Privatliquidation und die Rezeption sehr gut bewältigen. Ich habe wirklich mit Schlimmerem gerechnet.“ |
Der Arzt wird nun seinerseits auf die Sichtweise der Mitarbeiterin reagieren. Daraus wird sich ein ganz anderer Gesprächsverlauf entwickeln als es ohne die Darlegung der „Realität“ durch die Mitarbeiterin möglich gewesen wäre. Statt „mit der Tür ins Haus zu fallen“, geht sie behutsam vor und wird ihr Ziel viel schneller und sicherer erreichen. Was zunächst nach zeitlichem Aufwand klingt, erspart Ihnen viel Zeit und Nerven. Denn sind erst Missverständnisse entstanden, dann kostet es meist viel Mühe, diese zu beseitigen.
Sprechen Sie mit Ihrem Gegenüber!
Die Sichtweise Ihres Gegenübers können Sie nur mittels Kommunikation in Erfahrung bringen. Dazu gehört natürlich auch die Körpersprache, aber machen Sie es sich nicht unnötig schwer, indem Sie die Körpersignale interpretieren oder versuchen zu deuten. Fragen Sie lieber gezielt nach - so erreichen Sie Ihr Ziel in den Schuhen des Anderen!