· Fachbeitrag · Teamwork
Generationenkonflikte? Nicht in Ihrer Praxis
von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau
| Ein Team mit alten und jungen Mitarbeitern - zwei Welten prallen aufeinander. Aber müssen aus unterschiedlichen Lebens- und Arbeitseinstellungen unbedingt Konflikte erwachsen? PPA zeigt Ihnen, wie Sie Probleme durch Generationenunterschiede erkennen und vermeiden können. |
Toleranz auch im Beruf das A und O
Gerade am Arbeitsplatz spielen das soziale Verhalten von Mitarbeitern, ihre Arbeitsweise und der Umgang mit Autoritäten eine Rolle. Wenn hier Alt und Jung aufeinandertreffen, dann fällt es beiden oft schwer, die gegenseitigen Vorurteile zu überwinden. Doch genau das sollte langfristig das Ziel sein. Denn durch Vorurteile stecken wir andere schnell in eine Schublade. Das führt bei Konflikten dazu, dass Lösungen nicht gesehen und gesucht werden, was eine denkbar schlechte Grundlage für gute Zusammenarbeit ergibt.

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Werden Ältere wirklich immer dümmer?
Eines der am meisten verbreiteten Vorurteile gegen Ältere ist die abnehmende Intelligenz. Um dies beurteilen zu können, müssen wir unterscheiden: Es gibt den Abbau von Nervengewebe in Hirnbereichen, die mit fortschreitendem Alter stattfindet. Die Folge ist das Sinken der intellektuellen Leistungsfähigkeit. Den gleichen Effekt hat es aber auch, wenn man die kognitiven Funktionen wie Denken und Lernen nicht regelmäßig fordert. Anders als beim organischen Abbau kann in diesem Fall aber die Leistungsfähigkeit durch kognitives Training wiederhergestellt werden. Da Älteren wegen der irrigen Meinung, es lohne sich bei ihnen nicht, oft keine Weiterbildungsmaßnahmen zuteilwerden und da auch leider viele Ältere selbst meinen, sie lernten schlechter, fehlt ihnen das Training, und es sieht dann so aus, als wäre eine organische Minderung der Intelligenz eingetreten.
Auch wenn organischer Abbau stattfindet, geht damit nicht grundsätzlich ein genereller Leistungsabfall einher. Denn man unterscheidet auch zwischen der fluiden und der kristallinen Intelligenz.
- Die fluide Intelligenz ist die biologische Basis, auf der kognitive Prozesse stattfinden. Sie ermöglicht neues Lernen durch Speichern von Informationen in das Arbeitsgedächtnis. Diese Intelligenz lässt mit dem Alter nach.
- Die kristalline Intelligenz steht für Wissen und Erfahrung. Aufgaben, bei denen es um bestehendes Wissen und Erfahrung ankommt, werden mithilfe der kristallinen Intelligenz gelöst. Diese kristalline Intelligenz nimmt bei älteren Menschen nicht ab, sondern bleibt stabil oder wächst sogar.
Das bedeutet: Die Intelligenz Älterer nimmt nicht generell ab, ihre Fähigkeiten verlagern sich nur. Gerade bei den Erfordernissen im Beruf ist die kristalline Intelligenz, der Erfahrungsreichtum, von großem Wert. Denn der nachlassenden fluiden Intelligenz kann der Mensch noch über Jahre entgegenwirken, etwa durch Gebrauch von Hilfsmitteln, zum Beispiel Notizen.
Sind Jüngere wirklich weniger erfahren?
Jüngere Menschen können viel mehr Erfahrung haben, als man aufgrund des Alters vermuten kann. Im Vergleich zu den Älteren haben sie natürlich tatsächlich weniger praktische Erfahrung - das liegt in der Natur der Sache. Sie hatten einfach weniger Zeit, die Erfahrungen zu sammeln. Ältere überschätzen aber oft diesen Unterschied und titulieren die Jungen gern als „unerfahren“.
Und was bedeutet „Erfahrung“? Es gibt verschiedene Tätigkeiten, bei denen die einen mehr, die anderen weniger Erfahrung haben. So haben Jüngere meist mehr Erfahrung mit neuen Technologien (Computer, Smartphone, Soziale Netzwerke etc.), da sie damit aufwachsen. Was manchen Älteren noch fremd erscheint, ist für sie Routine. Dafür verfügen die Älteren über einen reichhaltigen Erfahrungsschatz, den sie in ihrem bisherigen Berufsleben gesammelt haben. Wird dieser Fundus bewährter Tätigkeiten und Abläufe von den Jüngeren unterschätzt, kann sich das rächen, spätestens dann, wenn die Älteren aus dem Unternehmen ausscheiden und ihre Nachfolger die Arbeit alleine bewältigen müssen.
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Die MFA Frau Alt (58 ) hat viel Erfahrung im Umgang mit den Patienten. Sie muss nicht jedes Mal neu überlegen, was sie wem wie sagt. Die MFA Frau Jung (24) hat diese Erfahrung nicht. Oft fehlt ihr auch noch die Geduld bei Patienten, die länger brauchen, um etwas zu verstehen. Frau Alt fehlt wiederum die Routine am PC. |
Üben Sie Toleranz und lernen Sie voneinander
Generell sollten Sie sich in der Praxis toleranter begegnen. Die ältere Kollegin, die beobachtet, wie die jüngere Kollegin eine Routinearbeit langsam ausführt, sollte sich nicht über sie ärgern, sondern Verständnis aufbringen. Sie selbst war auch einmal Anfängerin und hat Zeit gebraucht. Umgekehrt sollte die jüngere Kollegin die Verunsicherung der älteren Kollegin am Computer verstehen und nicht vorwurfsvoll reagieren.
Zugleich kann jeder an sich selbst arbeiten und sollte dazu bereit sein, sich anzupassen. So kann sich die Ältere bemühen, die Software besser zu bedienen, um weniger oft die jüngere Kollegin fragen und diese bei der Arbeit stören zu müssen. Und die Jüngere kann sich bemühen, von der Erfahrung der älteren Kollegin zu lernen, indem sie sich Dinge erklären lässt, ohne sich bevormundet zu fühlen.
Miteinander reden
Ein Konfliktpotenzial bei altersgemischten Gruppen ergibt sich aus den „verschiedenen Sprachen“, die in der jeweiligen Generation gesprochen werden. Junge und alte Menschen drücken sich anders aus und verwenden ein anderes Vokabular. Deshalb ist es hier wichtig, miteinander so zu reden, dass man sich gegenseitig versteht. Das bedeutet
- bei Konflikten daran zu denken, dass es sich auch um ein Verständnisproblem handeln könnte;
- sich nicht immer gleich zu ärgern, sondern zu reflektieren, wie die Sache geäußert wurde;
- bereit zu sein, das Gesagte mit anderen Worten noch einmal zu erklären.
Die Fähigkeiten vereinen
Sofern sich das in Ihrer Praxis organisieren lässt, sollten Sie in Ihrem Team besprechen, wie die verschiedenen Fähigkeiten sinnvoll eingesetzt werden könnten. Statt dass sich Einzelne zu Tätigkeiten zwingen müssen, die sie nicht so gut beherrschen, sollten Arbeiten nach Erfahrung und Vorlieben verteilt werden. Das ist ohnehin sinnvoll, weil so alle Teammitglieder zufriedener sind und bessere Leistung bringen.
Demografischer Wandel
Der demografische Wandel geht dahin, dass es immer mehr ältere Menschen geben wird als jüngere. Als jüngere MFA sollten Sie sich also klar machen, dass Sie mit großer Wahrscheinlichkeit auf ältere Kolleginnen treffen werden. Bereiten Sie sich darauf vor, indem Sie mögliche eigene Vorurteile über Ältere abbauen und generell Toleranz und Kommunikationsfähigkeit üben.
Weiterführende Hinweise
- Die ältere Mitarbeiterin: nicht mehr lernfähig? (PPA 09/2010, Seite 18)
- Feuer unter dem Dach - Gruppendynamik im Team (PPA 12/2011, Seite 10)