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· Fachbeitrag · Soziale Rollen

Rollenkonflikte im Praxisalltag sind lösbar

von Dipl.-Päd. Dr. Wolfgang Huge, Bad Essen

| Jeder Mensch übernimmt im Laufe seines Lebens verschiedene soziale Rollen: Die Rolle des Schulkinds, die Rolle der Auszubildenden, die Rolle der Mutter, die Rolle als Freundin usw. Auch die Rolle der MFA gehört zu diesen Rollen, die jeweils mit ganz spezifischen Erwartungen verbunden sind. Das Hin- und Hergerissensein zwischen den verschiedenen Rollen kann zu Rollenkonflikten und Stress führen. |

Der Mensch als Träger sozialer Rollen

Rollen können eine breite Palette von Vorstellungen über gewünschtes, geduldetes und verbotenes Verhalten beinhalten. In ihrer beruflichen Rolle und Position ist jede MFA vielfältigen Rollenerwartungen ausgesetzt. Jeder will etwas von ihr und manchmal lassen sich die unterschiedlichen Rollen nicht miteinander in Einklang bringen.

 

  • Sabine H.: MFA, Mutter, Tochter ...

Sabine H. kennt die Zwickmühle zwischen verschiedenen Rollen zu gut. Da sind einerseits die Anforderungen des Arbeitsalltags, die es als Mitglied des Praxisteams zu bewältigen gibt, andererseits sind da aber auch die Erwartungen der beiden Kinder, die sehr an ihrer Mutter hängen und sie zum Beispiel für die Bewältigung der Schulaufgaben benötigen. Und da ist auch noch die Mutter, die nach dem Tod des Vaters allein in ihrer Wohnung lebt und sich auf den Besuch der Tochter freut. Manchmal bleibt da keine Zeit mehr zur Regeneration oder zum Abschalten vom alltäglichen Stress, und schon gar nicht für eigene Hobbies.

Innere Konflikte sind nichts Negatives

Innere Konfliktsituationen, wie sie sich auch für Sabine H. immer wieder stellten, sind auf die Dauer zermürbend. Das Wort „Konflikt“ ist abgeleitet vom lateinischen Verb „confligere“, das soviel bedeutet wie „aufeinandertreffen“ oder „zusammenstoßen“. Die Folge dieser Zusammenstöße ist ein Kampf und nicht immer sah sich Sabine H. sich in der Lage, allen Erwartungen gerecht zu werden. Aber aus inneren Konflikten kann auch Gutes hervorgehen!

 

Um den spürbaren Belastungen ihres Alltags entgegenzuwirken und ihre Situation besser zu verstehen, hat Sabine H. Strategien entwickelt, um schwierige Situationen stressfreier meistern zu können. Sie hat gelernt, die unterschiedlichen Rollen zu erkennen und innere Konflikte nach der Art ihrer Herkunft zu unterscheiden. Sie hat die Konflikte zum Anlass für eine innere geistige Auseinandersetzung genommen, um im Ergebnis besser mit den verschiendenen Rollenerwartungen umgehen zu können. Insofern bieten innere Konflikte bei richtiger Behandlung eine wichtige Quelle für Impulse, die wir für unser Selbstmanagement nutzen können.

Intrarollenkonflikte

Als Intrarollenkonflikte bezeichnet man Konflikte, die innerhalb einer bestimmten Rolle entstehen. Sie kommen zustande, wenn Erwartungshaltungen von verschiedenen Seiten an eine, etwa die berufliche Rolle der MFA gestellt werden, die insgesamt aktuell nicht erfüllt werden können. Für Sabine H. stellen sich derartige Situationen immer wieder vor und nach Feiertagen, wenn die Praxis einmal für längere Zeit geschlossen bleibt oder bei einer Grippewelle. Wenn dann noch eine Kollegin ausfällt, das Wartezimmer voll sitzt und einige ungeduldige Patienten auf ihr Rezept oder eine Infusion warten, gerät der geplante Praxisablauf immer mal wieder aus den Fugen. Dann ist es, als wenn zu viele Segmente ein und derselben Rolle auf einmal angesprochen würden, auf die man nicht gleichzeitig eingehen kann.

 

  • Intrarollenkonflikte bei Sabine H. und Lösungsmöglichkeiten

Bei Intrarollenkonflikten zerren also zu viele Erwartungen unterschiedlicher Personen und Institutionen an der Rolle der Praxismitarbeiterin. Doch ist Sabine H. diesem Erwartungsansturm nicht hilflos ausgesetzt. Sie hat gelernt, Prioritäten zu setzen und Wichtiges von weniger Wichtigem zu trennen. Grundsätzlich gilt: Zuerst kommt für sie der Chef, dann die Patienten, schließlich die Kolleginnen, und ihre eigene Wünsche und Bedürfnisse stellt sie in kritischen Situationen hinten an. Damit, so ist ihre Erfahrung, kann sie gut leben, da solche Situationen nur gelegentlich in Spitzenbelastungen auftreten.

Dann spricht sie von sich aus eine ihrer Kolleginnen an und bittet um Hilfe oder Unterstützung. Auch hat sie sich zur Angewohnheit gemacht, sich die jeweiligen Situationen zu merken, um sie bei einem Teamgespräch noch einmal auf die Tagesordnung zu bringen. Dadurch, dass die kritischen Situationen dort noch einmal zur Diskussion gestellt werden, können die zuvor getroffenen Entscheidungen im Nachhinein überprüft und zu allgemeinen Regeln verdichtet werden. Regeln, die für die Zukunft gelten und dem gesamten Team Vorlagen geben für den Umgang mit Belastungssituationen.

Interrollenkonflikte

Bei Interrollenkonflikte zerren unterschiedliche Erwartungen aus verschiedenen Rollen an ein und der selben Person. Sind sie nicht miteinander zu vereinbaren, gerät man in eine Konfliktlage, da Enttäuschungen bei den Menschen drohen, deren Wünschen oder Bedürfnissen man nicht nachkommen kann. Bei Frauen reicht sehr oft die Zeit nicht aus, um den beruflichen Erfordernissen und familiären Verpflichtungen angemessen nachzukommen.

 

  • Interrollenkonflikte bei Sabine H. und Lösungsmöglichkeiten

Bei Sabine H. entstehen Interrollenkonflikte, weil sie nicht nur Mitarbeiterin in einer Arztpraxis ist, sondern zugleich Mutter zweier Kinder im Grundschulalter, Tochter einer verwitweten, gehbehinderten Seniorin, Ehefrau und Mitglied im Kirchenchor usw. usw. Vor allem ihre Kinder bringen sie immer wieder in eine so genannte „Sandwich-Situation“ - eingekeilt zwischen den Ansprüchen ihrer Arbeits- und ihrer Mutterrolle. Kommt es zu solchen Konstellationen, empfiehlt es sich, zunächst einmal darüber nachzudenken, welche Rollen an der inneren Konfliktsituation beteiligt sind und welchen Erwartungen man im Hinblick auf diese Rollen ausgesetzt ist. Sabine H. hat gelernt, diese Rollen und die damit verbundenen Erwartungen an ihre Person in einem Schaubild schriftlich festzuhalten. Im nächsten Schritt versucht sie, diesen Erwartungen Prioritäten zuzuordnen (sehr wichtig, mittel, weniger wichtig), um Dringendes von weniger Dringlichem zu unterscheiden.

Behalten Sie das Steuer in der Hand!

Bei Konflikten, die sich aus den Erwartungen unterschiedlicher Quellen ergeben - also bei Interrollenkonflikten -, ist man selbst Steuermann und kann frei entscheiden, welchen Wünschen/Erwartungen man nachkommt und welchen nicht. Dies kann so weit gehen, problematische Rollen ganz aufzugeben oder, wenn dies möglich ist, sie von der zeitlichen Belastung her zu verringern.

 

Gerade was die berufliche Tätigkeit betrifft, sollte abgeklärt werden, ob es sich lediglich um eine momentane oder um eine dauerhafte Konfliktsituation handelt. Wenn letzteres der Fall ist, kann vielleicht eine andere Verteilung oder phasenweise Verringerung der Arbeitsstunden eine Entkrampfung der Situation bringen, wenn sich eine andere Aufgabenverteilung innerhalb der Familie nicht realisieren lässt.

 

Wenn der Konflikt jedoch dauerhafter Natur ist, führt der beste Weg über Gespräche mit den Kolleginnen sowie dem Chef, um eine betriebsinterne Lösung zu suchen. Für Sabine H. ist dies gelungen: Um Mittags nach der Schule rechtzeitig zu Hause sein zu können, kann Sie regelmäßig eine halbe Stunde früher in die Mittagspause gehen. Dies wurde im Team so vereinbart, da sich Sabine H. ansonsten sehr flexibel zeigt, wenn einmal ein höherer Arbeitsanfall zu verzeichnen oder krankheitsbedingt die Arbeit einer Kollegin mit zu erledigen ist.

Quelle: Ausgabe 04 / 2012 | Seite 11 | ID 28702780