· Fachbeitrag · Scham
Nehmen Sie männlichen Patienten die Hemmungen
von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau
| Im Praxisalltag kommt es vor, dass Patienten sich für bestimmte Untersuchungen auch am Genitalbereich entkleiden müssen und dabei von der MFA gesehen werden. Viele männliche Patienten haben damit jedoch Schwierigkeiten. Erfahren Sie hier, wie Sie diesen Patienten ihre Hemmungen nehmen können. |
Nacktheit vor Fremden ist für die wenigsten üblich
Verstehen und respektieren Sie grundsätzlich das Schamgefühl eines Patienten. Für Sie als MFA mag die Situation Routine sein. Aber für die meisten Patienten ist es unüblich, sich vor einer fremden Person zu entblößen. Gerade der Schambereich ist für intime Beziehungen reserviert. Normalerweise wird in der Arztpraxis oder im Krankenhaus eine Ausnahme gemacht - schließlich muss man sich behandeln lassen und man weiß, dass das Personal nackte Körper nahezu täglich sieht. Es gibt aber Patienten, deren Scham größer ist als bei anderen. Reagieren Sie darauf mit Verständnis. Anderenfalls würden Sie die Verunsicherung Ihres Patienten nur vergrößern.
Gehen Sie „handwerklich“ vor
Fragt man Patienten, was ihnen bei der Untersuchung im Intimbereich hilft, sagen sie häufig, dass sie weniger Scham empfinden, wenn die MFA ihre Arbeit „handwerklich“ macht, sich also emotionslos und routiniert gibt. Dieses „Technisieren“ der Situation helfe ihnen, ein Schutzgefühl zu entwickeln. Emotionslos bedeutet hier aber nicht, dass Sie unfreundlich sein, hart zupacken und dem Patienten womöglich wehtun sollen. Im Gegenteil: Ihr Patient ist gerade jetzt besonders verletzlich und braucht eine vertrauensvolle Umgebung. Bleiben Sie also freundlich. „Handwerklich“ bedeutet nur, dass Sie sich so verhalten, als wäre die Situation nichts Außergewöhnliches für Sie. Es ist also eine Umschreibung für das bewusste Signalisieren von Normalität.
Professionalität signalisiert Normalität
Angenommen, es geht um eine Wundversorgung im Bereich des Geschlechtsteils. Verhalten Sie sich absolut normal, als würden Sie den Arm des Patienten behandeln. Blicken Sie nicht auffällig auf das Geschlechtsorgan, kichern Sie nicht, machen Sie erst recht keine unangemessenen Bemerkungen. Gerade als Anfängerin ist es oft schwer, die Situation als normal zu empfinden. Begeben Sie sich in diesem Fall noch bewusster in die Berufsrolle, machen Sie sich klar, dass Sie hier Ihre Arbeit tun und alles Persönliche fehl am Platz ist. Sprechen Sie mit erfahreneren Kolleginnen darüber, wie sie solche Situationen anfangs erlebt haben und wie sie damit umgegangen sind. Bestimmt haben Ihre Kolleginnen auch noch den einen oder anderen Tipp für Sie.
Unnötige Berührung vermeiden
Verrichten Sie Ihre Arbeit so, dass nur Körperstellen berührt werden, die auch berührt werden müssen. Verkrampfen Sie sich aber nicht aus Angst, dass Sie an eine falsche Stelle kommen. Zum einen würden Sie damit Ihre Arbeit nicht gut machen, zum anderen hätten Sie der Situation die Bedeutung des Außergewöhnlichen gegeben.
Nicht ins Zimmer hineinplatzen
Es kommt vor, dass der Patient entblößt auf der Liege liegt und auf den Arzt wartet. Platzen Sie deshalb nicht in die Räume hinein. Erkundigen Sie sich, ob jemand im Zimmer ist oder klopfen Sie kurz an. Leider kommt es durchaus auch vor, dass Mitarbeiterinnen im Stress die Tür einen Spalt weit offen stehen lassen, sodass der Patient von anderen gesehen werden kann. Achten Sie also darauf, dass Sie die Tür geschlossen halten. Und geschlossen bedeutet nicht, dass die Tür angelehnt bleiben kann. Angelehnte Türen vermitteln den Eindruck, dass jederzeit jemand anderes vom Personal ins Zimmer kommen kann. Das Gespräch zwischen Patient und MFA kann dann auch von anderen außerhalb des Raums gehört werden.
Auf den Patienten eingehen
Wenn Ihr Patient äußert, dass ihm die Situation sehr unangenehm ist, dann sprechen Sie mit ihm darüber. Zeigen Sie ihm, dass Sie ihn und seine Bedenken ernst nehmen. Sie können ihm sagen: „Ich kann Sie gut verstehen, das erleben Sie ja nicht immer. Aber machen Sie sich bitte keine Gedanken, ich mache hier nur meine Arbeit und bewerte meine Patienten nicht.“ Fragen Sie den Patienten auch, was ihm helfen könnte, mit der Situation umzugehen und versuchen Sie, sich entsprechend zu verhalten. So schaffen Sie das Vertrauen, das für Ihre Arbeit und letztlich auch für den Behandlungserfolg unabdingbar ist!
WeiterführendeR Hinweis
- Wer richtig zuhören kann, ist im Vorteil: So sind Sie immer „ganz Ohr“! (PPA 06/2009, Seite 18)