· Fachbeitrag · Arbeitstempo
Tempoholiker - Manchmal ist langsamer besser
von Rolf Leicher, Kommunikationstraining, Heidelberg
| Ein hohes Arbeitstempo ist nicht immer gleichbedeutend mit hoher Effektivität. Manchmal arbeiten Tempoholiker sogar kontraproduktiv, weil hohes Tempo seinen Preis hat. Der Druck, in immer kürzerer Zeit mehr Leistung in der Praxis zu erbringen, führt zum schnellen Verschleiß der Ressourcen und zu einer höheren Fehlerquote. |
Kann man Tempo lernen?
Die Zapping-Kultur macht sich breit, der Tempoholiker ist am glücklichsten, wenn er Vieles auf einmal erledigen kann. Am Bildschirm die Patientenakte lesen und gleichzeitig dem Patienten zuhören, der über seine Beschwerden berichtet. Oder: Die Post lesen und gleichzeitig telefonieren. Ob der Mensch auf Dauer ein so hohes Tempo ohne Folgen übersteht?
Dass der Umgang mit Geschwindigkeit gelernt werden kann, beweisen junge Ärzte. Sie entwickeln die Fähigkeit, das Tempo zu erhöhen oder gleichzeitig mehrere Dinge zu erledigen. Patienten erkennen allerdings die Situation und fühlen sich nicht individuell betreut.
So können Sie sich dem Phänomen Geschwindigkeit entziehen
Wenn Sie wissen, welches Risiko hinter hohem Tempo steckt, werden Sie Ihr Tempo drosseln. Gestatten Sie sich und Ihrem Team so weit wie möglich, das Arbeitstempo selbst zu bestimmen. Hohes Arbeitstempo können Sie und Ihr Team vorübergehend bewältigen, dauerhaft hat es negative Konsequenzen und erhöht den Stress-Pegel in der Praxis.
|
|
Bei der Beurteilung der Mitarbeiterinnen darf die etwas Langsamere nicht benachteiligt werden. Wie schnell heißt es dann „die ist aber gemütlich, trödelt, kommt nicht voran“. Gute Ideen und neue Gedanken reifen in der Ruhe und nicht bei hohem Tempo. Schaffen Sie die Voraussetzung dafür, dass es in Ihrer Praxis auch noch Zeit zum Überlegen gibt. Enge Zeitvorgaben sollten auf die üblichen Stoßzeiten in der Arztpraxis begrenzt werden.
Im Schnecken-Tempo zum Erfolg?
Langsamkeit kann ein seriöser Weg zum Ziel sein. Wer zwar langsamer, dafür aber besser arbeitet, bringt der Firma im Endeffekt mehr als ein Hektiker, der viel Wind produziert. Langsamkeit lässt sich nicht automatisch mit Unfähigkeit gleichsetzen.
Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Geschwindigkeit ist nicht a priori schlecht und Langsamkeit nicht immer die Lösung. Sie müssen beide Zeitformen in den jeweils angebrachten Situationen anwenden. So wie beim „Eile mit Weile-Spiel“ müssen Sie täglich von Neuem entscheiden, ob Sie der Eile oder der Weile mehr Gewicht einräumen, wenn Sie Ihre Aufgaben planen und durchführen.
|
Durch hohes Tempo bei der Behandlung fühlt sich der Patient schnell abgefertigt. Wer nach 45 Minuten Wartezeit in wenigen Minuten behandelt wird, könnte sich fragen, ob das Zeitverhältnis stimmt. Patientenbindung entsteht durch größeres Zeitbudget für den Einzelnen. Freundlichkeit hat auch mit Geduld und mit der Hinwendung zum Patienten zu tun, der manchmal etwas mehr Zeit braucht, um sich auszudrücken. Patienten, die Geduld und Gründlichkeit erfahren, fühlen sich schnell an die Praxis gebunden, betreiben positive Mund-zu-Mund-Propaganda und werden somit die besten Empfehlungsgeber. |
Schließlich hängt Ihr Arbeitstempo auch mit der eigenen Zeitplanung zusammen. Besonders wichtige Aufgaben brauchen mehr Aufwand - nehmen Sie sich die Zeit. Weniger wichtige Arbeiten können delegiert oder mit höherem Tempo erledigt werden. Routineuntersuchungen werden in der Regel mit größerem Tempo durchgeführt, für schwierige Fälle nimmt man sich mehr Zeit - auch wenn der Patient drängt. Denn er erhöht beim Auskurieren seines Leidens auch gerne das Tempo, will Kuren oder die Dauer der Tabletteneinnahme verkürzen und entwickelt sich so selbst zum Tempoholiker. Dabei bietet das Thema „Ungeduld der Patienten“ auch Gesprächsstoff bei der Behandlung. Denn im Worst-Case können Nebenwirkungen entstehen, wenn empfohlene Therapien aus Ungeduld zu schnell abgebrochen werden. Vermitteln Sie Ihrem Patienten die richtige Einstellung zum Verlauf der Behandlung!
ZUM ABSCHLUSS EIN DENKANSTOß | Dass man mit Langsamkeit oft weiter kommt als mit Tempo, wusste schon Johann Peter Hebel. In seiner Geschichte „Der verachtete Rat“ erzählt er, wie ein Fuhrmann auf dem Weg nach Basel einen Fußgänger fragt, ob es ihm wohl noch vor Toresschluss in die Stadt reiche. „Schwerlich, doch wenn Ihr recht langsam fahrt, vielleicht. Ich will auch noch hinein“, lautet die merkwürdige Antwort. Der Fuhrmann treibt also die Pferde an, damit er ganz sicher rechtzeitig ankommt. Aber die Eile fordert ihren Tribut: Die Hinterachse des Wagens bricht, der Fuhrmann muss im nächsten Dorf übernachten. Der Fußgänger, der eine Stunde später durch das Dorf geht und den Wagen erblickt, meint: „Hab ich Euch nicht gewarnt, hab ich nicht gesagt: Wenn Ihr langsam fahrt!“. |