· Fachbeitrag · Risiken abwägen
Überdosierung: Gefahren erkennen und beheben
von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, Buch am Buchrain
| Eine der großen Gefahren bei der Medikation geriatrischer Patienten besteht in der Überdosierung. Diese entsteht entweder durch veränderte körperliche Voraussetzungen im Alter oder durch Abweichung von der Verordnung. Überdosierungen können Reaktionen hervorrufen, die nicht erwünscht sind oder sogar massive Schäden am Körper des Betroffenen verursachen. Noch immer gilt die Einsicht des im Mittelalter lebenden Arztes Paracelsus :„Allein die Dosis macht‘s, dass ein Ding kein Gift sei“. |
Ursachen für fehlerhafte Dosierung
Nur ein Teil der falschen Dosierungen von Arzneimitteln bei älteren Menschen ist durch Überdosierung verursacht.
Multimorbidität und Complianceprobleme
Mindestens ebenso gefährlich ist die Einnahme verschiedener Wirkstoffe aufgrund von Mehrfacherkrankungen (Multimorbidität). Nach einer Zählung für den Arzneimittelreport nehmen Menschen über 75 Jahre im Schnitt drei bis vier verschiedene Wirkstoffe täglich ein. Bei entsprechender Disposition können es auch dutzende Präparate gleichzeitig sein. Die damit verbundenen Wechselwirkungen bzw. Complianceprobleme stellen für den Patienten eine ernsthafte Gefahr dar. Mehr dazu lesen Sie in der März-Ausgabe 2015 von PPA.
Veränderter Organismus des Patienten im Alter und andere Ursachen
Die Ursachen für Überdosierung sind oft bereits im System der Pharmazie in Deutschland angelegt. Die Pharmaindustrie überprüft nur in Ausnahmefällen durch Studien die Wirkung ihrer Substanzen auf alte Menschen. Das verursacht erhebliche Risiken, da im Zuge der Alterung unter anderem die Leistungsfähigkeit der Leber sinkt und die Zielgewebe der Wirkstoffe ihre Empfindlichkeit ändern. Deshalb bleibt der Anteil des Arzneimittels im Blut für längere Zeit höher, als dies bei jüngeren Menschen der Fall ist. Darüber hinaus kommen folgende weitere Ursachen für Überdosierungen in Betracht, an die Sie als MFA denken sollten, wenn Sie mit Ihren Patienten über Krankheitsverläufe bzw. Medikamenteneinnahme sprechen oder ihnen Rezepte aushändigen:
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Beispiele für Arzneimittel-Überdosierungen
So vielfältig die verordneten Arzneimittel in der Hausarztpraxis sind, so vielfältig sind auch ihre unerwünschten Wirkungen bei Überdosierung und die Maßnahmen, die im Notfall zu treffen sind. Oft ist dafür eine intensivmedizinische Betreuung des Patienten erforderlich. Die folgende Übersicht erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
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Wirkstoff | Zeichen der Überdosierung | Maßnahmen |
Azetylsalicylsäure (zum Beispiel in Aspirin®) |
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Digitoxin (zum Beispiel in Digimerck®) |
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Heparine |
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Insuline |
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Levothyroxin (zum Beispiel in L-Thyroxin®) |
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Lithium (zum Beispiel in Quilonium®) |
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Paracetamol (zum Beispiel in ben-u-ron®) |
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Phenprocoumon (zum Beispiel in Marcumar®) |
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Maßnahmen ergreifen
Jeder Hinweis auf Probleme, die durch eine Überdosierung von Arzneimitteln verursacht sein könnte, erfordert eine ärztliche Klärung. Voraussetzung ist, dass alle Mitglieder des Praxisteams, die zu therapeutischen oder diagnostischen Zwecken mit dem Patienten in Kontakt treten, über die Erkrankung sowie die dagegen verordneten Arzneimittel informiert sind. Es ist selbstverständlich, dass sie wissen, welche Wirkungen die Substanzen hervorrufen. Das gilt für die erwünschten und alle anderen Aspekte gleichermaßen. Die Praxisorganisation sollte eine Rückführung der Eindrücke und Erhebungen der MFA in die Patientendokumentation vorsehen, sodass die Informationen nicht verloren gehen.
Die wichtigste Maßnahme besteht sicher in der sofortigen Information des behandelnden Arztes, vor allem in Situationen, die seinen direkten Kontakt zu dem Betroffenen nicht vorsehen, etwa wenn der Patient lediglich zu einer Routineuntersuchung in die Praxis kommt und den Arzt nicht persönlich konsultiert.
PRAXISHINWEIS | Bestehen im Praxisteam Unsicherheiten über Art und Umfang der Folgen einer Überdosierung spezieller Arzneimittel, kann ein Blick in die Packungsbeilagen hilfreich sein. Meist haben die Hersteller diesem Thema einen eigenen Abschnitt gewidmet. |
Vorbeugung von Überdosierungen
Weil die Folgen einer Überdosierung schwerwiegend sein können, ist es sinnvoll, dass MFA einer versehentlich falschen Einnahme von Arzneimitteln so gut wie möglich vorbeugen.
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Weiterführender Hinweis
- Der Forschungsverbund PRISCUS, der sich zum Ziel gesetzt hat, die medizinische Behandlung älterer Menschen zu verbessern, hat eine Liste der Wirkstoffe veröffentlicht, deren Anwendung bei älteren Menschen nicht empfohlen ist. Diese und andere Informationen über den Forschungsverbund erhalten Sie online unter www.priscus.net
- Lesen Sie auch die Kurzinformation „Zwei neue Themenportale über Medikamente“ (PPA 08/2014, Seite 1).