· Fachbeitrag · Medizinwissen
Geriatrische Patienten in der Hausarztpraxis
von Dr. med. Marianne Schoppmeyer, Ärztin und Medizinjournalistin, Nordhorn
| Es gibt immer mehr alte Menschen. Und der Mensch wird immer älter. Zwei Fakten, die als „demografischer Wandel“ mittlerweile jedem ein Begriff sind. Im Jahre 2030 werden ein Drittel der Deutschen älter als 60 Jahre sein. Allein diese Zahl macht schnell deutlich, wie wichtig es ist, sich in der Hausarztpraxis auf die zunehmende Zahl älterer Patienten und ihre speziellen Bedürfnisse und Erkrankungen einzustellen. |
Was kennzeichnet den geriatrischen Patienten?
Die Geriatrie beschäftigt sich fächerübergreifend mit der Gesundheit des alten Menschen. Als geriatrische Patienten werden definitionsgemäß Patienten bezeichnet, die multimorbide und älter als 70 Jahre sind sowie sämtliche Personen ab einem Lebensalter von 80 Jahren. Wichtiger als das kalendarische Alter sind in der Geriatrie aber das sogenannte biologische Alter und die vorliegenden Erkrankungen.
Charakteristisch für geriatrische Patienten ist, dass sie an verschiedenen chronischen Erkrankungen leiden wie beispielsweise Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz, Bluthochdruck, Schmerzen, chronisch obstruktive Lungenerkrankung, Demenz, Arthrose, Osteoporose, Depressionen. Diese Liste lässt sich leicht fortsetzen. Leidet ein Patient über einen längeren Zeitraum an mehr als einer Erkrankung gilt er als multimorbide. Viele ältere Patienten leiden an vier und mehr chronischen Erkrankungen. Etwa die Hälfte der über 65-Jährigen haben drei Diagnosen, ein Fünftel von ihnen sogar fünf und mehr Diagnosen. Das zeigt, dass multimorbide Patienten in der Hausarztpraxis eher die Regel als die Ausnahme sind.
Frailty-Syndrom
Der Körper eines alternden Patienten verändert sich. Die Leistungsfähigkeit der einzelnen Organsysteme nimmt kontinuierlich ab. Geriatrische Patienten verfügen häufig über nur noch geringe funktionelle Reserven. Dies kommt zum Ausdruck in einem eigenständigen geriatrischen Syndrom, dem Frailty-Syndrom oder Gebrechlichkeit. Es ist gekennzeichnet durch:
- Unfreiwilliger Gewichtsverlust von mehr als 5 kg pro Jahr
- Muskelschwäche und Kraftlosigkeit
- Erschöpfung
- Gang- und Standunsicherheit, herabgesetzte Ganggeschwindigkeit mit erhöhter Sturzneigung
- Verminderte körperliche Aktivität
Bei einem geriatrischen, gebrechlichen Patienten kann bereits eine fiebrige Erkältung zu einem stationären Krankenhausaufenthalt führen, an dessen Ende nicht selten der Verlust der Selbstständigkeit und Pflegebedürftigkeit stehen. Fast jede Erkrankung kann bei betagten und hochbetagten Patienten dazu führen, dass die Alltagsselbstständigkeit in Mitleidenschaft gezogen wird. Deshalb ist es bei diesen Patienten besonders wichtig, dass nicht nur eine einzelne Erkrankung oder das erkrankte Organ behandelt werden, sondern der Mensch in seiner Gesamtheit betrachtet wird.
Rolle der MFA
Die Bedürfnisse geriatrischer Patienten können in der Routine des Praxisbetriebs schnell aus den Augen verloren werden. Planen Sie für betagte Patienten mehr Zeit ein und begegnen Sie ihnen einfühlsam und geduldig. Zeigen Sie Verständnis dafür, dass nicht mehr alles so schnell geht und dass Sie Dinge unter Umständen mehrmals erklären müssen. Geriatrische Patienten kennen Sie als MFA häufig schon seit Jahrzehnten. Daher vertrauen Ihnen die Patienten. Oftmals ist es für sie einfacher, unangenehme oder mit Scham besetzte Probleme wie beispielsweise eine Inkontinenz mit Ihnen zu besprechen als mit dem Arzt. Als MFA stellen Sie daher ein wichtiges Bindeglied zwischen Patient und Arzt dar.
Geriatrische Testverfahren
In der Geriatrie werden verschiedene Tests verwendet, mit denen altersbedingte Veränderungen frühzeitig erfasst werden können. Diese sollten durchgeführt werden, wenn das äußere Erscheinungsbild eines Patienten, sein Verhalten oder sein Gangbild sich auffällig verändert haben. Insbesondere Patienten, bei denen der Verdacht auf eine demenzielle oder depressive Erkrankung besteht, profitieren von der frühzeitigen Durchführung der Tests. Es können dann häufig therapeutische Maßnahmen eingeleitet werden, die es dem Patienten ermöglichen, möglichst lange selbstbestimmt in der vertrauten Umgebung zu leben.
Die Durchführung der geriatrischen Testverfahren kann vom Arzt an die MFA delegiert werden, Indikationsstellung und Auswertung bleiben jedoch Aufgabe des Arztes. Die Tests sollten in einer ruhigen Atmosphäre erfolgen und zu einem Tageszeitpunkt, an dem der Patient sich ausgeruht und fit fühlt. Im Folgenden finden Sie eine kleine Auswahl von Tests, die im hausärztlichen Bereich sinnvoll kombiniert werden können. Zur Anwendung und Interpretation dieser und weiterer Tests siehe weiterführende Hinweise.
- Barthel-Index: Mithilfe des Barthel-Index werden die basalen Aktivitäten des täglichen Lebens beurteilt. Der Patient wird zu zehn verschiedenen alltagspraktischen Fertigkeiten wie Nahrungsaufnahme, Körperpflege, An- und Auskleiden usw. befragt, die dann je nach Einschränkung mit Punkten bewertet werden. Bewertet wird, was der Patient tatsächlich macht und nicht, was er kann.
- Timed Up & Go-Test: Mit diesem Test wird die Mobilität und das Sturzrisiko des Patienten eingeschätzt. Dabei sitzt der Patient auf einem Stuhl mit Armlehne und wird aufgefordert aufzustehen, drei Meter zu laufen, sich umzudrehen und wieder auf den Stuhl zu setzen. Die dafür benötigte Zeit wird in Sekunden gemessen und kann dann entsprechend interpretiert werden.
- Mini-Mental Status Test (MMST): Mit diesem Test können kognitive Störungen wie beispielsweise eine beginnende Demenz erkannt werden. Dem Patienten werden sechs praxisnahe Fragen zu Orientierung (zeitlich/örtlich), Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Rechenfähigkeit, Erinnerungsfähigkeit und Sprache gestellt. Die Auswertung erfolgt durch einfaches Zusammenzählen der vergebenen Punkte.
- Geriatrische Depressionsskala: Dem Patienten werden 15 Fragen in den Kategorien Stimmung, Denken, Psychomotorik und Verhaltensweisen gestellt, die er mit Ja oder Nein beantworten soll. Abhängig von der erreichten Punktzahl liegt eine verschieden stark ausgeprägte depressive Symptomatik vor, die weiter abgeklärt werden muss.
- Sozialfragebogen: In der Regel ist dieser Test in der Hausarztpraxis nicht notwendig, da die soziale Situation des Patienten hinreichend bekannt ist. Ist dies nicht der Fall, umfasst der Fragebogen 24 Fragen zu sozialen Kontakten und Aktivitäten, zur Wohnsituation und ökonomischen Verhältnissen.
PRAXISHINWEIS | Um die Tests über die EBM Nr. 03360 geriatrisches Basisassessment abrechnen zu können, ist ein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt notwendig. |
Fortbildung „Ambulante Versorgung älterer Menschen“ der Bundesärztekammer
Für MFA, die sich im Bereich Geriatrie fortbilden wollen, bieten die Ärztekammern die berufsbegleitende Spezialisierungsqualifikation „Ambulante Versorgung älterer Menschen“ an (siehe PPA 12/2010, Seite 14). Die Fortbildung umfasst 60 Stunden. Inhaltliche Schwerpunkte sind:
- Kommunikation und Gesprächsführung
- Wahrnehmung und Motivation
- Häufige Krankheitsbilder und typische Fallkonstellationen
- Geriatrisches Basisassessment
- Hausbesuche und Versorgungsmanagement
- Wundmanagement
- Organisation und Koordination
- Hausarbeit und anschließendes Kolloquium
Nach erfolgreichem Abschluss dieser Fortbildung erhält die MFA ein Abschlusszertifikat und kann den Hausarzt gezielt entlasten.
Weiterführende Hinweise
- Überblick über die verschiedenen Testverfahren mit Dokumentationsbogen und Beurteilung, http://www.kcgeriatrie.de/assessment_2.htm
- „Fortbildung für MFA: Ambulante Versorgung älterer Menschen“ (PPA 12/2010, Seite 14).
- „Demenz - mehr als ein wenig vergesslich“ (PPA 01/2015, Seite 4).
- „Der ältere Patient - so kommunizieren Sie auf Augenhöhe“ (PPA 07/2013, Seite 16).