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· Fachbeitrag · Ergebnisse kritisch prüfen

Elektronisch gestützte Vitalzeichenkontrolle

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, Buch am Buchrain

| Die Messung der Vitalzeichen liefert wichtige Grundlagen der ärztlichen Behandlung. Dazu zählen zuverlässige Aussagen über den Blutdruck und die Körpertemperatur. MFA erheben diese physikalischen Größen täglich. Die Industrie stellt elektronische Geräte zur Verfügung, die ihre Ergebnisse scheinbar mit geringem Aufwand und vor allem schnell liefern. Bei der Verwendung der Technik ist jedoch Vorsicht geboten, denn die Methoden sind störanfällig und nicht immer zuverlässig. |

Blutdruckmessung

Die Blutdruckmessung ermöglicht einen guten Eindruck von der allgemeinen Verfassung des Patienten sowie speziell seiner Herz-Kreislauf-Situation. Neben dem klassischen Verfahren werden heute zunehmend elektronische Messgeräte verwendet.

 

Klassisch: Manuelle Blutdruckmessung nach Riva-Rocci

Die manuelle Blutdruckmessung nach Riva-Rocci ergibt den oberen und unteren Wert (Systole und Diastole). Dazu legt die MFA eine aufblasbare Manschette um den Oberarm des Patienten und füllt sie mittels einer Ballonpumpe mit Luft, bis der arterielle Blutfluss unterbrochen ist. Dann verringert sie den Druck langsam. Sobald die Kraft des Herzens den von außen wirkenden Druck übersteigt, beginnt das Blut erneut zu fließen und die Wirbel hinter der Stauung erzeugen ein Klopfen, das so lange zu hören ist, bis der Manschettendruck dem Blutdruck im Moment der Ausdehnung des Herzens entspricht. Dann versiegt der Ton, der sich per Stethoskop wahrnehmen lässt. Bei richtiger Anwendung lassen sich auf diese Weise exakte Angaben zur Herzfunktion ermitteln. Die Zuverlässigkeit hängt davon ab, ob die Voraussetzungen für eine korrekte Messung erfüllt sind (siehe PPA 04/2015, Seite 8).

 

Elektronische Messgeräte

Seit mehreren Jahren gibt es automatische Blutdruckmessgeräte. Man unterscheidet Apparate für den professionellen Einsatz von solchen, die für den Hausgebrauch gedacht sind. Sie ermitteln die Werte mit einer oszillometrischen Methode, die den Mitteldruck (MAD) bestimmt und davon ausgehend die systolischen und diastolischen Werte errechnet. Die Geräte registrieren dabei die Schwingungen des Blutstroms in der Arterie, an der die Messung erfolgt (meist Arteria brachialis im Oberarm). Als optisches Signal verwenden viele Geräte verschiedene Farben in ihren Displays und zeigen zum Beispiel deutlich erhöhte Blutdruckwerte rot an.

 

Hochwertige Software ist in der Lage, sehr genau kalibrierte Algorithmen zu verarbeiten und damit Werte zu ermitteln, die den tatsächlichen Bedingungen entsprechen. Sie arbeiten so präzise, dass auch der Einsatz in der Intensivmedizin und zur Überwachung während operativer Eingriffe problemlos möglich ist.

 

Probleme bei der automatischen Messung

Weniger aufwendig zusammengestellte Geräte zeigen häufig Werte an, die massiv von den tatsächlich bestehenden Druckverhältnissen abweichen - nicht selten geht es dabei um mehr als 10 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule). Dies genügt durchaus, um die Grenze zwischen gerade noch tolerablen Werten und einem behandlungspflichtigen Hypertonus zu überschreiten.

 

PRAXISHINWEIS | Für die Blutdruckmessung bei Kindern sind die automatisierten Geräte nicht geeignet. Es liegen nicht genügend Studien vor, die eine zielführende Anwendung belegen. Abgesehen davon sind für Automaten meist keine Manschetten erhältlich, die den körperlichen Verhältnissen entsprechen würden.

 

Apparate, die den Blutdruck am Handgelenk messen, sind überwiegend nicht genau genug, um Werte zu liefern, die eine medikamentöse Therapie bzw. deren Anpassung rechtfertigen. Da sie bereits für weniger als 20 Euro erhältlich und sehr einfach zu bedienen sind, verwenden viele Patienten sie für die Selbstkontrolle. Anwendungsfehler (siehe Tabelle) können die Abweichungen der Messergebnisse verstärken (siehe auch PPA 04/2011, Seite 18).

 

  • Häufige Probleme bei der elektronischen Blutdruckmessung
Problem
Unterschied zum tatsächlichen Blutdruckwert

Patient liegt (statt zu sitzen)

bis 5 mmHg höhere Messung

Patient hält den Arm nicht still

Messung nicht durchführbar

Kleidung befindet sich unter der Manschette (v.a. aus grob gewirkten Materialien)

bis 50 mmHg Abweichung

zu schmale/zu breite Manschette

bis 10 mmHg Abweichung

Sprechen während der Messung

bis 15 mmHg Abweichung

Messung nach wiederholtem Aufpumpen der Manschette

bis 30 mmHg Abweichung

 

Hinweis | Wenn die elektronische Messung zu einem nicht plausiblen Wert führt (zum Beispiel ein unerklärlich niedriger Blutdruck bei einem Hypertoniker), ist es stets geraten, die Kontrolle mit einem manuell bedienbaren Gerät zu wiederholen.

Messung der Körpertemperatur

Die Temperatur des menschlichen Körpers ist in verschiedenen Schichten der Gewebe höchst unterschiedlich. Dahinter verbirgt sich ein sehr sinnvolles System, das dazu beiträgt, durch den Kreislauf des Bluts in allen Körperzonen am Ende einen Normalwert von etwa 37,5 °C zu erreichen. Dazu verhilft vor allem der Wechsel zwischen dem tendenziell wärmeren Körperinneren und der kühleren Hülle.

 

Klassisch: Rektale Temperaturmessung per Maximalthermometer

Der wesentliche und für die Behandlung entscheidende Temperaturwert ist nur im Körperinneren abzulesen. Früher lag der dafür am leichtesten erreichbare Messpunkt im Enddarm. Dort platzierte man ein Maximal-Thermometer, das innerhalb von etwa fünf Minuten die Körperkerntemperatur zeigte. Der Vorteil dieser Methode ist die Genauigkeit. Ihre Nachteile liegen darin, dass sie aufwendig ist und - vor allem bei der Temperaturmessung in der Arztpraxis - eine Verletzung der Intimsphäre darstellt.

 

Modernes Verfahren: Temperaturmessung mit dem Ohrthermometer

Inzwischen hat die technische Entwicklung Infrarot-Thermometer hervorgebracht, die innerhalb von 1 - 3 Sekunden in der Lage sind, die Körperkerntemperatur zu bestimmen. Die Erkenntnis, dass am Trommelfell im Ohr (Tympanon) dieselben Temperaturbedingungen herrschen wie in den anderen zentralen Teilen des Körpers, hat es möglich gemacht, ohne Verletzung der Intimsphäre des Patienten Aufschluss über die Temperaturverhältnisse im Körper zu erhalten.

 

Probleme bei der Messung per Ohrthermometer

Die Messung im Ohr ist jedoch mit verschiedenen Unwägbarkeiten verbunden. Die Thermometer reagieren außerordentlich empfindlich auf Fehler der Handhabung. So führt etwa eine ungenaue Ausrichtung des Sensors im Hörkanal zu falsch niedrigen Werten. Die Thermometer sind nicht in der Lage, selbstständig ihre ordnungsgemäße Position zu überprüfen, und es gibt auch sonst keine Hilfsmittel, die eine korrekte Handhabung anzeigen könnten. Zusätzlich sind die anatomischen Bedingungen des äußeren Gehörgangs der Patienten sehr verschieden. Das erschwert die Benutzung.

 

  • So wenden Sie das Ohrthermometer richtig an
  • Bei jeder Messung eine neue Schutzkappe für den Temperatursensor verwenden. Die Linse am Ende des Konus muss sauber sein, da sonst keine korrekten Werte zu erzielen sind.
  • Messkonus vorsichtig und mit dosiertem Druck in den äußeren Gehörgang einführen.
  • Sensor auf das Trommelfell ausrichten.
  • Sensor für die gesamte Messzeit im Hörkanal belassen. Die Geräte zeigen das Ende der Messung durch ein akustisches Signal an.
  • Abschätzen, ob Umstände vorliegen, die zu falschen Werten führen können, zum Beispiel längeres Liegen auf dem Ohr, sehr hohe bzw. niedrige Umgebungstemperatur, unmittelbar vorausgegangenes Baden, Verlegung des Hörkanals durch Ohrenschmalz (Cerumen).
  • Zustand der Batterieladung regelmäßig überprüfen. Geräte, die mit Akkus ausgestattet sind, sollten vorzugsweise in der Ladestation aufbewahrt werden.
 

Hinweis | Wenn ein Temperaturwert nicht plausibel erscheint, zum Beispiel weil der Patient Anzeichen einer Infektion erkennen lässt und das Thermometer trotzdem einen Wert im Normbereich oder sogar darunter zeigt, ist es notwendig, eine alternative Messung mit einem herkömmlichen Thermometer vorzunehmen.

Quelle: Ausgabe 06 / 2015 | Seite 13 | ID 43370687