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· Fachbeitrag · Patientenversorgung

Arzneimittel nasal verabreichen

Von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, Buch am Buchrain

| Die nasale Applikation von Arzneimitteln ist auch dem Patienten vor allem durch Nasentropfen oder Schnupfensprays bekannt. In jüngerer Zeit gewinnt dieser Weg jedoch eine weiter gefasste Bedeutung. Die Nasenschleimhaut eignet sich aufgrund ihrer starken Durchblutung sehr gut für die Aufnahme von Arzneimitteln in den Körper. Die Vorteile des Verfahrens liegen in der einfachen Durchführung, der vergleichsweise hohen Wirkung, die die Präparate auf diese Weise erzielen, sowie dem raschen Wirkungseintritt. |

Nasale Applikation als Off-Label-Use

Die Vorteile der nasalen Anwendung sind so groß, dass auch in Deutschland Präparate nasal verabreicht werden, die eigentlich ausschließlich für Injektionen gedacht sind. Dabei handelt es sich wegen der noch fehlenden Zulassungen für die nasale Applikation um einen „Off-Label-Use“. Dennoch ist er, vor allem in der Notfallmedizin - unverzichtbar. Die zuständigen Fachgesellschaften sowie weisungsberechtigte Mediziner (etwa leitende Notärzte) haben entsprechende Empfehlungen veröffentlicht.

Anatomische Bedingungen und therapeutischer Nutzen

Die venöse Versorgung zum Abtransport von Stoffwechselprodukten aus der Schleimhaut, dem umliegenden Gewebe sowie der Substanzen, die im Bedarfsfall auf die Schleimhaut gebracht worden sind, ist über kleinere Gefäße gewährleistet, die relativ rasch in die großen Halsvenen und damit im rechten Herzen münden. Im Bereich der Nasenscheidewand befindet sich ein Arteriengeflecht, der Locus Kiesselbachi, der bei Verletzungen mit heftigem Nasenbluten (Epistaxis) reagiert.

 

  • Therapeutischer Nutzen der nasalen Applikation
  • Umgehung des Magen-Darm-Trakts (geeignet für Präparate, die durch die Salzsäure im Magen zerstört würden)
  • Eine Wirkungsminderung durch die Stoffwechselfunktion der Leber (first-pass-effect) ist bei dieser Applikationsform nicht zu bedenken.
  • Direkter Weg zu Teilen des zentralen Nervensystems bzw. des Gehirns. Dort haben einige der nasal zu gebenden Mittel (Nasalia) ihren Wirkungsort.
  • Besonders geeignet für Patientengruppen, die auf andere Techniken ablehnend reagieren oder die körperlich für andere Formen der Applikation zu schwach sind:
    • Kinder wehren sich erfahrungsgemäß gegen schlecht schmeckende Präparate und die Manipulation an Körperteilen, die sie als privat wahrnehmen.
    • Bei Patienten, die aufgrund einer erheblichen Abmagerung kaum noch Gewebe aufweisen, ist eine Injektion nicht immer sicher zu platzieren. Weil nasale Applikation besonders schonend ist, ist sie auch bei der Behandlung sterbender Menschen zu bevorzugen.
 

Geeignete Darreichungsformen

Die von den Herstellern für den Zweck der nasalen Applikation vorgesehenen Präparate liegen als Sprays, Tropfen, Aerosole oder als Salben vor. Eine Verringerung der Tropfengröße führt in der Regel zu einem tieferen Eindringen in die Nasenhöhlen und zu einer besseren Verteilung auf der resorptionsfähigen Schleimhaut. Damit wird ein größerer Teil der Dosis aufgenommen. Oft erzeugen bereits die Behältnisse der Arzneimittel einen entsprechenden Sprühstoß.

 

Zur nasalen Verabreichung von (Injektions-)Lösungen wurde ein Applikator entwickelt, der steril und einzeln verpackt verfügbar ist. Man steckt eine Einmalspritze, die die gewünschten Dosis des Arzneimittels enthält, auf den Konus des Applikators und führt dessen kegeliges Ende vorsichtig in die Nasenöffnung ein. Der Druck auf den Spritzenstempel treibt die Lösung durch den Applikator. Sie kommt dann als feiner Nebel in der Nasenhöhle an (siehe Abbildung).

 

 

Beachten Sie | Bei der Verabreichung von i.v.-Medikamenten über die Nase sollte die vom Hersteller empfohlene Dosis nicht überschritten werden.

Beispiele für nasal anzuwendende Arzneimittel

Zu den Nasalia gehören neben den Medikamenten, die lokal an der Nasenschleimhaut wirken sollen, vor allem Hormone. Beispiele hierfür sind:

 

  • Desmopressin / Minirin® (bei Diabetes insipidus, zum Beispiel nach Schädel-Hirn-Trauma oder bei Enuresis nocturna),
  • Buserelin / Suprecur® (bei Prostatakarzinom, Brustkrebs, künstlicher Befruchtung),
  • Calcitonin / Karil® (bei Osteoporose),
  • Estradiol / Aerodiol® (als Hormonersatz),
  • Oxytocin / Syntocin® (zur Auslösung von Wehen, Verbesserung des Milchflusses bei Stillenden) oder
  • Triptane wie Imigran®, Zomig nasal® (bei Migräne, Cluster-Kopfschmerz).

 

Obwohl die nasale Verabreichung der durchgängig als Injektionslösung vorliegenden Notfallmedikamente durch die Hersteller nicht eindeutig legitimiert ist, zeigen zahlreiche Studien die hohe Wirksamkeit dieser Technik. Besonders günstig ist auch, dass sich viele der Präparate bei zurückhaltender Dosierung sehr gut steuern lassen und die Halbwertszeit sinkt - ein Effekt, der besonders in der Notfallversorgung gewünscht ist. Notfallmedikamente, die auch nasal verabreicht werden können, sind zum Beispiel:

 

  • Fentanyl / Fentanyl-ratiopharm® (bei starken Schmerzen),
  • Naloxon / Narcanti® (Antidot gegen Opiate),
  • Ketamin / Ketanest® (bei starken Schmerzen),
  • Midazolam / Dormicum® (zur Unterbrechung zerebraler Krämpfe),
  • Flumazenil / Anexate® (Antagonist gegen Benzodiazepine) oder
  • Haloperidol / Haldol® (bei Erregungszuständen, Psychosen)

Hinweise zur Verabreichung

Obwohl auch Laien die nasale Applikation ausführen können, können einige Tipps die Wirkung der Arzneimittel steigern und damit zum Erfolg der Therapie beitragen:

 

  • Nasale Applikation: So erhöhen Sie die Wirkung!
  • Patienten vor der Applikation gegebenenfalls die Nase schnäuzen lassen, wenn zu vermuten ist, dass sich viel Sekret darin befindet und der Betroffene dazu in der Lage ist.
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  • Zur Gabe von Lösung (mittels Pipette!) Patienten in Rückenlage bringen; Sprays gelangen auch bei aufrechter Position an das beabsichtigte Ziel.
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  • Patienten nach der Gabe im Liegen noch einige Minuten in Rückenlage verharren lassen.
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  • Arzneimittel immer in beiden Nasenlöchern verteilen. Dadurch verdoppelt sich die Fläche der aufnehmenden Schleimhaut.
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  • Wenn möglich, Menge pro Nasenloch auf 0,5 bis 1 ml begrenzen.
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  • Bei Verwendung des Nasalapplikators (siehe oben) 0,1 ml zusätzlich zum Ausgleich des Totraums aufziehen.
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  • Verabreichung von Arzneimitteln (außer es handelt sich um Schnupfenmittel) über die Nasenschleimhaut ist nicht sinnvoll bei akuter Rhinitis, nach der Verabreichung von Antihistaminika oder von Xylomethazolin (zum Beispiel Nasivin®) oder verwandten Substanzen. Entzündete Schleimhaut hat eine schlechtere Resorptionsleistung und eine verminderte Durchblutung der Schleimhaut setzt die Wirksamkeit der Präparate herab.
 
Quelle: Ausgabe 11 / 2015 | Seite 9 | ID 43641045