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· Fachbeitrag · Parasiten

Skabies - häufig zu spät diagnostiziert

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, Buch am Buchrain

| Krätze ist seit Jahrtausenden als Problem bekannt. Sie kommt in allen Teilen der Welt vor und verbreitet sich unabhängig von den hygienischen Bedingungen, in denen Menschen leben. Besonders häufig beobachtet man sie in Gemeinschaftsunterkünften. Deshalb sollten Sie als MFA vor allem bei Kindergarten- und Schulkindern, Bewohnern von Pflegeeinrichtungen und Sammelunterkünften, die über starken Juckreiz klagen, unbedingt daran denken, dass der Parasit die Ursache sein könnte. |

Übertragung durch Milben

Die Krätze, auch Skabies genannt, geht auf die weibliche Krätzemilbe zurück. Die Spinnentiere sind höchstens 0,5 mm groß und graben sich nach dem Kontakt mit dem Menschen innerhalb von etwa einer halben Stunde in die Oberhaut (äußerste Hautschicht). Die männlichen Tiere sind nur etwa halb so groß und bleiben an der Hautoberfläche. Hier findet die Befruchtung der Weibchen statt, die sich anschließend in die Gänge unter der Haut zurückziehen und dort täglich etwa vier Eier legen.

 

Nach rund zwei Tagen schlüpfen die Larven, kriechen an die Oberfläche der Haut und setzen sich in Falten fest. Etwa zwei bis drei Wochen später sind sie geschlechtsreif und der Vermehrungszyklus beginnt erneut. Für die Übertragung genügt es, wenn ein einziges befruchtetes Weibchen bzw. wenige Larven mit unterschiedlichem Geschlecht auf die Haut gelangen.

 

 

Die Milben bewegen sich sehr langsam. Die Übertragung erfordert deshalb einen engen Hautkontakt über etwa 5 bis 10 Minuten. Aus diesem Grund sind Alltagsberührungen wie Händeschütteln, Umarmungen, Küsse oder Berührungen im Rahmen von Untersuchungen bzw. Behandlungen risikofrei.

 

MERKE | Von einer Übertragung sind jedoch Menschen bedroht, die im engen persönlichen Umfeld eines Betroffenen leben. Entscheidend ist der intensive Hautkontakt. Über Textilien verbreiten sich die Parasiten in Mitteleuropa praktisch nicht.

 

Zeichen des Befalls

Bei Menschen, die zum ersten Mal Skabies haben, entstehen die Krankheitszeichen frühestens nach zwei Wochen. Die symptomfreie Zeit kann auch fünf Wochen dauern. Anschließend ist der Körper sensibilisiert und bei einem weiteren Befall erscheinen die Symptome bereits nach einem bis vier Tagen.

 

  • Symptome der Skabies
  • Heftiger Juckreiz, der typischerweise in der Nacht zunimmt (hervorgerufen durch die Milben und deren Ausscheidungen unter der Haut)
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  • Besonders dünne Hautareale sind betroffen: Zehen- und Fingerzwischenräume, Achselhöhlen, Leisten, Analfalte, Genitalien, Brustwarzen und Bauchnabel. Bei Kleinkindern kann auch der Kopf befallen sein.
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  • Grabgänge unter der Haut, an deren Ende man die Milbe als dunklen Punkt sehen kann. Bei der „gepflegten“ Skabies (d. h. der Betroffene ist von weniger als zehn Milben-Weibchen befallen) zeigt die Haut oft keine sichtbaren Hinweise.

 

Wichtig | Eine sichere Diagnose ist fast nur durch den unmittelbaren Nachweis der Milben, Eier oder Larven möglich. Dazu trägt der Hautarzt betroffene Areale mit einer Lanzette ab und inspiziert das gewonnene Material unter dem Mikroskop.

 

Aggressive Variante: Skabies crustosa

Die Skabies crustosa (S. crustosa, Borkenkrätze) ist eine sehr aggressive Variante der gewöhnlichen Krätze. Sie entsteht vor allem bei Menschen mit verringerter Abwehr (etwa nach Organtransplantation oder bei AIDS) bzw. psychischen Störungen (etwa Verhaltensauffälligkeiten oder Demenz) sowie mit Bewegungseinschränkungen (Unfähigkeit, sich zu kratzen). Das Krankheitsbild fällt durch eine massive Krustenbildung der Haut auf und ähnelt dem einer Schuppenflechte (Psoriasis). Deshalb verkennen Ärzte oft die Ursache. Fehldiagnosen sind leicht möglich, weil der sonst typische Juckreiz fehlen kann.

 

MERKE | Die krustöse Krätze ist hochgradig ansteckend, da sich sehr viele Milben in den Hautschuppen befinden. Bereits eine kurze ungeschützte Berührung kann zur Übertragung führen.

 

Strategien der Behandlung

Abgesehen vom Ekelfaktor ist Skabies keine bedrohliche Erkrankung. Dennoch ist sie als infektiöse Erkrankung, die vor allem Menschen im engen Umfeld bedroht, unbedingt behandlungspflichtig. Als Schwierigkeit erweist sich, dass die korrekte Diagnose oft erst sehr spät gestellt wird, weil nicht immer typische Symptome auftreten. Ein weiteres Problem sind bakterielle Hautinfektionen, die durch oberflächliche Kratzverletzungen bedingt sein können.

 

In den Leitlinien der Fachgesellschaften und den Veröffentlichungen des Robert Koch-Instituts ist eine topische (auf die Haut beschränkte) Behandlung mit 5-prozentiger Permethrin-Creme (zum Beispiel in InfectoScab® oder permethrin-biomo®) empfohlen. Die ausführliche Anwendungsbeschreibung finden Sie in der S1-Leitlinie online unter http://tinyurl.com/jkv8qde. Darüber hinaus sind weitere Wirkstoffe gegen Krätzemilben erhältlich. Sie gelten jedoch überwiegend als Arzneimittel der zweiten Wahl. Für die Behandlung der begleitenden Krankheitszeichen, etwa ein Ekzem, eignen sich Kortisonsalben.

 

  • Grundsätze der Skabies-Therapie
  • Skabies kann man prinzipiell ambulant behandeln, sofern es sich nicht um die krustöse Form handelt.
  • Kinder unter drei Jahren sind immer stationär zu behandeln.
  • Schwangere und Stillende befragen vor der Anwendung der Arzneimittel gegen Krätze unbedingt zuerst einen Dermatologen oder Gynäkologen. Die Wirkstoffe können dem ungeborenen Kind schaden. Sie gehen auch in die Muttermilch über. Deshalb kann nach der Therapie eine Stillpause von fünf Tagen nötig sein.
  • Personen in engem Kontakt zu dem Erkrankten sind zeitgleich zu behandeln.
 

Tipps zum Umgang mit Betroffenen

Skabies ist nach dem Infektionsschutzgesetz nicht meldepflichtig. Die Verantwortlichen in Gemeinschaftseinrichtungen mit Skabies-Befall sind allerdings verpflichtet, das Gesundheitsamt zu informieren und angemessene Isolationsmaßnahmen (auch Arbeits- und Betretungsverbote) anzuwenden.

 

  • Praktische Hinweise für MFA, Patienten und Angehörige
  • MFA ziehen vor allen Berührungen der Patienten Handschuhe an. Bei Skabies ist Händedesinfektion wirkungslos. Gründliches Händewaschen kann die Milben abschwemmen.
  • Falls möglich, alle Personen, die nach dem vermuteten Zeitpunkt des Befalls intensiven Körperkontakt zu dem Betroffenen hatten, informieren und einer zielgerichteten Behandlung zuführen.
  • Textilien oder andere Gegenstände aus Stoff, die in intensivem Körperkontakt standen, bei mindestens 50 °C mindestens 10 Minuten waschen. Ist das nicht möglich, Gegenstände in dichte Plastiksäcke verpacken und für mindestens 72 Stunden bei 21 °C lagern.
  • Betten sofort frisch beziehen.
  • Patienten mit S. crustosa schnellstmöglich isolieren und stationär behandeln.
 
Quelle: Ausgabe 07 / 2016 | Seite 4 | ID 44120422