· Fachbeitrag · Notfallmanagement
Versorgung akuter Wunden
von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München
| Die sorgfältige Versorgung akuter Wunden beschleunigt die Heilung und verhindert Komplikationen, die aus der Besiedlung mit Krankheitserregern entstehen können. MFA sind in der täglichen Arbeit regelmäßig mit Verletzungen konfrontiert. Eine korrekte Wundbehandlung ist nicht grundsätzlich an eine medizinische Disziplin gebunden. Sie erfordert die berufsübergreifende und gut organisierte Zusammenarbeit des Praxisteams. |
Arten von Wunden
Als Wunde bezeichnet man im Allgemeinen jede unnatürliche Eröffnung des Körpers, also der Haut oder der Schleimhäute. Man unterscheidet unabsichtlich entstandene (zum Beispiel durch einen Unfall) und geplant angelegte Wunden (zum Beispiel im Rahmen einer medizinischen Therapie). Während Wunden, die infolge eines Unfalls entstehen sehr großen Schaden anrichten können, sind absichtlich verursachte Wunden meist so lokalisiert, dass sie so wenig Schaden wie möglich verursachen und - falls gewünscht - so rasch wie möglich heilen.
Neben diesen offenen Wunden gibt es auch gedeckte Wunden - also Gewebezerstörungen unter einer (weitgehend) intakten Oberfläche. Sobald diese ein behandlungspflichtiges Ausmaß erreichen, sind sie nicht mehr ambulant, sondern ausschließlich in Krankenhäusern zu therapieren!
Wunden können durch mechanische, thermische oder chemische Einflüsse verursacht sein. Jede dieser Einwirkungen ergibt ein charakteristisches Wundbild:
- Mechanisch hervorgerufene Wunden sind am häufigsten anzutreffen. Ihr Aussehen variiert stark, abhängig davon, ob es sich um Schnitt-, Stich-, Riss- oder Bisswunden handelt. Sie sind üblicherweise lokal eng begrenzt.
- Thermische Wunden entstehen durch Hitze oder Kälte.
- Chemisch verursachte Wunden werden durch aggressive Substanzen, etwa Säuren oder Laugen ausgelöst.
- Strahlenbedingte Wunden entstehen am häufigsten nach/während einer Krebstherapie durch ionisierende Strahlung.
Beurteilung von Wunden
Die Eigenschaften der Wunde bestimmen die Maßnahmen der Versorgung. Der erste Schritt der Wundbehandlung bezieht sich daher stets auf ihre Begutachtung. Folgende Parameter sind dafür abzuschätzen:
- Wundränder; zum Beispiel: frisch? glatt begrenzt? zerrissenes Gewebe?
- Ausmaß; zum Beispiel: wichtige Körperstrukturen verletzt? starke Blutung? Nähe zu Gelenken (gegebenenfalls mit Risiko einer Bewegungseinschränkung durch Narbenbildung)?
- Verhältnis von Wundöffnung und Wundtiefe
- Grad der Verschmutzung; zum Beispiel: Fremdkörper in der Wunde?
- Zeitlicher Abstand zwischen Verletzung und Behandlungsbeginn (Faustregel: Ein primärer Wundverschluss erfolgt spätestens 6 - 8 Stunden nach Verletzung. Ausnahmen von dieser Regel sind möglich.)
Erst nach dieser Beurteilung kann der Arzt entscheiden, ob sich die Wunde in einem Zustand befindet, der einen primären Verschluss zulässt oder nicht. Wunden mit unregelmäßigen Rändern oder erheblicher Verschmutzung sind mittels einer chirurgischen Wundversorgung zu behandeln. Wunden, die ein solch ausgedehntes Verfahren nicht erfordern, können direkt mit Nähten, Klammern, Kleber oder Klammerpflastern verschlossen werden.
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Unter Bagatellverletzungen sind Wunden zu verstehen, die keine umfassende ärztliche Therapie erfordern, weil sie nach Abschätzung aller Risiken keine gesundheitsgefährdenden Folgen haben werden. Dazu gehören zum Beispiel Messerschnitte an Fingern oder Händen, sofern sie nicht bis zu den Sehnen eingedrungen sind und keine größeren Blutgefäße verletzt haben. Sicherheitshalber sollte stets ein Arzt die Wunde inspizieren. Geeignete Versorgungsmaßnahmen:
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Vorgehen beim primären Verschluss einer Wunde:
- Patienten bequem lagern (wasserdichte Unterlage unter den verwundeten Körperteil legen)
- Händedesinfektion
- Unsterile Handschuhe anziehen; gegebenenfalls Erstverband abnehmen
- Wundreinigung
- Sterile Handschuhe anziehen
- Wunddesinfektion (gegebenenfalls Lochtuch auflegen)
- Bei Bedarf Lokalanästhesie
- Wundverschluss
- Steriler Wundverband
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Bei unklarem Impfstatus erhalten Patienten mit Wunden eine Tetanus-Simultan-Impfung. Ausnahmen erfordern die ausdrückliche Anordnung des Arztes. |
Provisorische Blutstillung
Auch Wunden, die in einer Praxis nicht ausreichend zu behandeln sind, müssen nach professionellen Standards versorgt werden. Das heißt, der meist an der Unfallstelle angelegte erste Verband ist zu entfernen. Nach der Inspektion ist die Wunde angemessen neu zu verbinden. Nicht selten steht dabei neben der Vermeidung des Eintrags von Keimen die Stillung der Blutung im Vordergrund. Bei sehr starken (oder rhythmisch pulsierenden, also arteriellen) Blutungen ist ohne chirurgische Intervention lediglich eine provisorische Blutstillung möglich:
- Patienten in liegende Position bringen; betroffenen Körperteil (wenn möglich) hochhalten; dabei kann Unterstützung notwendig sein.
- Keimfreie Wundauflagen auf die Wunde drücken.
- Bei fortdauernder Blutung (sterilen) Druckverband anlegen (nicht zu fest) oder - falls eine Extremität betroffen ist - Blutdruckmanschette distal der Wunde vorsichtig wenige mmHg über den systolischen Blutdruck aufpumpen.
MERKE | Bei allen Maßnahmen der Wundversorgung beachten MFA die Regeln des Eigenschutzes: Das Tragen von Handschuhen ist zwingend erforderlich. |
Die Inhalte eines Wundsets
Je nachdem, wie oft in einer Praxis Wunden zu versorgen sind, kann es sinnvoll sein, ein Wundset zusammenzustellen, damit alle benötigten Materialien stets griffbereit sind. In das Set gehören (Auswahl nach Bedarf):
- Sterile Spritzen und Kanülen unterschiedlicher Größe
- Lokalanästhetika in ausreichender Menge
- Sterile (Kugel-)Tupfer und Kompressen in ausreichender Menge
- Haut- und Schleimhautdesinfektionsmittel
- Händedesinfektionsmittel
- Sterile Handschuhe in passenden Größen
- Wasserdichte Unterlagen
- Sterile Loch-/Schlitztücher
- Sterile Pinzetten (anatomisch, chirurgisch)
- Sterile Knopfkanülen
- Sterile Skalpelle
- Sterile Nadelhalter
- Steriles Nahtmaterial
- Sterile Klammerpflaster
- Gewebekleber
- Steriles Verbandsmaterial in ausreichender Menge
- Material zur Fixierung der sterilen Verbände
- Verbandschere
Weiterführende Hinweise
- Zeit allein heilt keine Wunden - Fortbildung zur Wundexpertin (PPA - Nr. 3/2011, S. 11)
- Chronische Wunden - ein unliebsames Problem (PPA - Nr. 1/2012, S. 12)