· Fachbeitrag · Medizinwissen
Volkskrankheit Rückenschmerz
von Dr. Marianne Schoppmeyer, Ärztin und Medizinjournalistin, Nordhorn
| Rund 85 Prozent aller Deutschen leiden irgendwann in ihrem Leben an Rückenschmerzen. Und die Patienten werden immer jünger: Laut DAK-Gesundheitsreport 2011 waren bereits 30 Prozent aller Versicherten unter 30 Jahren wegen Rückenschmerzen in der Arztpraxis. Aufgabe des Arztes ist es vor allem, die richtige Ursache für den Schmerz zu erkennen und den Patienten zu motivieren, durch Verhaltensänderung aktiv zum Behandlungserfolg beizutragen. Auch Ihre Mitwirkung als MFA ist hier gefordert. |
Was sind die Ursachen von Rückenschmerzen?
Lediglich 15 Prozent der Patienten leiden unter spezifischen Rückenschmerzen, für die eine direkte Ursache gefunden werden kann wie zum Beispiel:
- Bandscheibenvorfall
- Spinalkanalstenose
- Degenerative Veränderungen, Spondylarthrose
- Fehlhaltung, Skoliose
- Entzündung
- Fraktur
- Tumorerkrankung, Knochenmetastasen.

© Knut Wiarda - Fotolia.com
Bei 85 Prozent der Betroffenen, also der großen Mehrheit, liegen unspezifische Rückenschmerzen vor, die sich in der Regel spontan zurückbilden. Die genaue Ursache solcher unspezifischer Rückenschmerzen ist meist unklar. Häufig entstehen sie durch Verspannungen oder Muskelschwäche im Bereich der Lendenwirbelsäule und des Kreuzbeins. Diese werden vor allem begünstigt durch einseitige Belastungen, zu wenig Bewegung, Überlastung und Übergewicht, Leistungssport oder auch eine Schwangerschaft. Oft tragen auch psychische und soziale Faktoren zur Krankheitsentstehung bei, wie zum Beispiel familiäre Probleme, soziale Unzufriedenheit oder belastende Arbeitsbedingungen.
Achtung: Red Flags
Unter Red Flags werden Warnhinweise verstanden, die ein sofortiges Handeln erforderlich machen. In der Regel werden die Rückenschmerzen in diesen Fällen durch eine akute Erkrankung hervorgerufen.
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Die Erwartungen des Patienten
Patienten, die mit unspezifischen Rückenschmerzen in die Praxis kommen, erwarten in der Regel, dass ihre Wirbelsäule geröntgt wird und der Arzt ihnen eine Spritze gibt, damit die Schmerzen verschwinden. Gute Ratschläge wie zum Beispiel, mehr Sport zu treiben, können später folgen. Gerade hier besteht für das Praxisteam die Herausforderung: Akute Rückenschmerzen sind ein Warnsignal, das instinktiv zu einer Schonhaltung und zur Vermeidung der schmerzauslösenden Bewegung führt. Dieses Vermeidungsverhalten ist jedoch gerade bei akuten Rückenschmerzen wenig hilfreich. Denn Bewegungsmangel verstärkt den Rückenschmerz. Langfristig nehmen Muskelmasse ebenso wie der Mineralgehalt der Knochen ab.
Bewegung und andere Abhilfen
Wenn keine „Red Flags“ vorliegen, heißt bei akuten Rückenschmerzen das oberste Gebot Bewegung. Diese kann durch andere Hilfen (Wärmeanwendungen, orthopädische Hilfsmittel, Psychotherapie) begleitet werden.
Bewegung ist das A und O
Wenn regelmäßiger Sport nicht möglich ist, sollte der Patient wenigstens seine körperliche Aktivität so weit wie möglich beibehalten. Vermitteln Sie als MFA den Patienten, dass gerade Bewegung, den Rückenschmerz lindert, während Bewegungsmangel ihn eher verstärkt.
PRAXISHINWEIS | Motivieren Sie Patienten mit Rückenschmerzen, ihre alltäglichen Tätigkeiten möglichst schnell wieder aufzunehmen. Vertrauen Sie nicht darauf, dass Physiotherapeuten oder andere Berufsgruppen diese Aufgabe für Sie übernehmen. Gerade das Praxisteam hat ein besonderes Vertrauensverhältnis zum Patienten und ist daher prädestiniert, den Patienten zu motivieren, sein Alltagsverhalten zu ändern. |
Begleitende Hilfsmittel
Bei akuten Rückenschmerzen hilft häufig auch Wärme, die die Verspannungen der Muskulatur günstig beeinflusst. Hier können ein Körnerkissen oder ein warmes Vollbad gute Dienste leisten. Entlastung für den Rücken bringen auch eine Gewichtsreduktion bei Übergewicht, rückenfreundliche Schuhe und unter Umständen der Kauf einer neuen Matratze.
Behandlung psychischer Probleme
Dem Patienten sollte behutsam und vorsichtig der Zusammenhang von Muskelverspannungen auf der einen Seite und Stress sowie seelischer Überforderung auf der anderen Seite erläutert werden. Manche Patienten reagieren ablehnend und wünschen kein weiteres Gespräch. Trotzdem sollten Sie versuchen, den Patienten aufzuzeigen, dass sich durch eine Behandlung psychischer Probleme auch die Rückenschmerzen lindern lassen. Unter Umständen können so Angewohnheiten und Verhaltensweisen verändert werden, die zu Verspannungen und daraus resultierenden Rückenschmerzen führen.
Was kann der Arzt tun?
Parallel zur Bewegungsmotivation, muss in der Regel ein Schmerzmittel verschrieben werden. Patienten akzeptieren es meist nicht, lediglich mit der Empfehlung, sich zu bewegen, nach Hause geschickt zu werden. Häufig wird der Arzt Paracetamol oder ein nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac verordnen. Opioide sollten bei Rückenschmerzen nur in Ausnahmefällen, wenn NSAR nicht ausreichend wirken, eingesetzt werden. Eine Opioidtherapie sollte bei akuten Rückenschmerzen spätestens nach vier Wochen, bei chronischen Rückenschmerzen nach drei Monaten überprüft werden. Wenn sich die Schmerzen unter Opioiden danach nicht gebessert haben, sind diese Medikamente kontraindiziert.
Der Schmerzchronifizierung vorbeugen
Wenn der Rücken länger als zwölf Wochen schmerzt, spricht der Arzt von chronischen Rückenschmerzen. Soweit sollte es möglichst gar nicht erst kommen. Zeigt sich nach zwei bis drei Wochen keine Besserung der Schmerzen, empfiehlt sich Bewegungstherapie unter der fachkundigen Anleitung eines Physiotherapeuten. Ziel ist es, die Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer der Rückenmuskulatur zu verbessern. Nach sechs Wochen sollte die Diagnose noch einmal genau überprüft werden. Jetzt kann zum Beispiel eine Röntgenuntersuchung oder ein MRT des Rückens angefertigt werden. Auch psychische Ursachen der Erkrankung rücken nun mehr in den Mittelpunkt. Bei chronifizierten Rückenschmerzen sollte eine sogenannte multimodale Therapie angestrebt werden. Das bedeutet, dass verschiedene Therapeuten wie Ärzte, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Psychologen, Schmerztherapeuten gemeinsam mit dem Patienten zusammenarbeiten.
Weiterführende Hinweise
- Rückenübungen und andere Informationen zum Thema finden Sie auf der Homepage des Instituts für Bewegungstherapie und Rehabilitation unter www.mensch-in-bewegung.de.
- Lesen Sie auch Schmerzpatienten in der Arztpraxis, PPA 11/2010, Seite 6.